Herta Müllers Herztier

Aus dem neuen „Kindlers Literatur Lexikon“ (Metzler Verlag) zur neuen Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller und ihrem Roman „Herztier“

Herta Müller

geb. 17.8.1953 Nitzkydorf (Rumänien)

Aus rumäniendeutscher Bauernfamilie; Germanistikstudium in Rumänien; Übersetzerin und Deutschlehrerin; 1987 Übersiedlung nach Berlin; erste literarische Veröffentlichungen in der Bukarester Zeitschrift Volk und Kultur; zunächst Prosatexte mit Impressionen und Reflexionen von Alltagswahrnehmungen (Niederungen, 1982); seit den 1980er Jahren Erzählungen und Romane, in denen Entfremdung, Unterdrückung, Angst und Melancholie eine eigene Sprache fanden.

Lit.: Die erfundene Wahrnehmung. Annäherung an H. M., Hg. N. O. Eke, 1991. • Text+Kritik 155 (H. M.), Hg. H. L. Arnold, 2002. • B. M. Dascalu: Held und Welt in H. M.s Erzählungen, 2004.

Herztier

Hauptgattung: Epik/Prosa
Untergattung: Roman

(dtsch.) – »Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm, wenn wir reden, werden wir lächerlich.« Diese Feststellung, geäußert in einem Gespräch zwischen der Ich-Erzählerin und deren Freund Edgar, umklammert als Anfangs- und Schlusssatz den 1994 erschienenen Roman. Beiden ist die Ausreise aus Ceauşescus Rumänien geglückt, nun erinnern sie sich in Deutschland beim Betrachten von Fotos an ihre verlorene Heimat. Das von Edgar formulierte Dilemma, zu schweigen oder um den Preis der Lächerlichkeit zu reden, bezeichnet die eigentliche Herausforderung des Romans als eines Versuchs, von traumatischen Erfahrungen unter der Diktatur Ceauşescus zu erzählen, obwohl traditionelle Darstellungsweisen solchen Erfahrungen nicht mehr gewachsen sind.

Im Zentrum des Romans steht die Erzählerin, die sich an ihre letzten Jahre an der Universität und an ihre Arbeit als Übersetzerin in einem Industriebetrieb erinnert. Wie die meisten ihrer Freunde gehört sie der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien an. Ein besonders enges Verhältnis verbindet sie mit Edgar, Kurt und Georg sowie mit Lola, mit der sie gemeinsam im Studentenheim wohnt. Ununterbrochen von der Geheimpolizei beobachtet, können sie nur insgeheim deutsche Bücher lesen, die für sie zugleich eine Welt repräsentieren, die diametral zu der Armut Rumäniens steht. Dass sie außerdem Gedichte schreiben, steigert das Misstrauen der Spitzel. Der Alltag wird vom Gefühl permanenter Überwachung bestimmt; jederzeit ist mit einer Durchsuchung, mit Zensur der Post oder plötzlicher Verhaftung zu rechnen. Diese Angst schlägt im Zusammenleben bisweilen in offene Aggressionen um, vor denen auch enge Freundschaften nicht sicher sind. – Freundschaft zu schließen, bedeutet unter den Verhältnissen einer Diktatur, das Risiko des Verrats einzugehen.

Als sich die Erzählerin für immer von Rumänien verabschiedet, fällt ihr der Abschied von ihrer Freundin Tereza besonders schwer. Dass Tereza nach einiger Zeit eine Besuchsreise nach Deutschland genehmigt wird, weckt allerdings ihr Misstrauen. Trotzdem nimmt sie die Freundin in ihre Wohnung auf, muss aber nach wenigen Tagen feststellen, dass die Reise nur durch Vermittlung des Geheimdienstes möglich war, für den Tereza einen Nachschlüssel zur Wohnung ihrer Gastgeberin beschaffen soll. Ob sie sich zu diesem Verrat hat hinreißen lassen, um die Freundin überhaupt sehen zu können, oder ob sie von Anfang an im Dienst der Diktatur stand, bleibt offen. Der Ich-Erzählerin jedenfalls ist es nicht möglich, sich definitiv von Tereza zu distanzieren. Sie kündigt ihr zwar die Gastfreundschaft und schickt sie wieder nach Hause, verfolgt aber deren weiteres Schicksal bis zu Terezas frühem Krebstod mit lebhafter Anteilnahme.

Kindheit und Jugend verbrachte die Erzählerin in einer ländlichen Kleinstadt. Ihre Erinnerungen an die Großeltern verbinden sich mit einem Gefühl der Geborgenheit. Von einer ihrer Großmütter lernt sie das Wort »Herztier«, dessen genaue Bedeutung freilich im Dunkeln bleibt. Aus Andeutungen lässt sich nur vermuten, dass es sich bei dieser – höchst privaten – Vorstellung um den vitalen und unverwechselbaren Teil eines jeden Lebewesens handelt. Dieser kann nur durch den Tod vernichtet werden, ist aber unter den Bedingungen einer Diktatur größter Gefahr ausgesetzt. Kompositorisch bilden diese familiären Episoden das Gegengewicht zu den Schilderungen der trostlosen Gegenwart. Die Rückblenden in die Kindheit zeigen eine Gesellschaft, deren soziale Bindungen noch nicht durch die Belastungen der Diktatur beschädigt sind. Erst später werden die Menschen auch dort keine Perspektive für ihr weiteres Leben erkennen können und die Ausreise in die Bundesrepublik beantragen.

Die Figuren dieses Romans werden allein durch ihre unterschiedlichen Beziehungen zur Erzählerin zusammengehalten. Trotzdem porträtiert Herztier nicht einfach eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe. Alle Protagonisten leiden unter der von Hoffnungslosigkeit geprägten Einsicht, dass sich an ihrer Lage niemals etwas ändern werde – sinnfällig dargestellt durch eine Reihe stehengebliebener und irreparabler Uhren, die sicher nicht nur den desolaten Zustand der rumänischen Wirtschaft illustrieren sollen. Als Ausweg sehen diese Menschen nur die Übersiedlung nach Deutschland und damit den Verzicht auf die angestammte Heimat. Wer sich zu diesem Schritt entschließt, bleibt jedoch immer noch der Willkür der Behörden ausgeliefert, die über die Genehmigung zur Ausreise entscheiden. Unter derart entwürdigenden Verhältnissen entschließen sich andere Figuren zur letzten Konsequenz, zum Selbstmord. Das Regime verfolgt derart Verzweifelte sogar noch nach ihrem Tod: Die Studentin Lola etwa wird in einem öffentlichen Aushang als »Schande für das ganze Land« beschimpft. Ihr Freitod findet eine Reihe Nachahmer, und noch in Deutschland stürzt sich ein Freund der Erzählerin aus dem Fenster, weil er sich weiterhin der Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst ausgesetzt sieht.

Migration und Suizid markieren das Ende einer Gesellschaft, die unter materieller Not und staatlicher Repression zusammenbricht. Ein Teil der Episoden, die in Herztier erzählt werden, sind autobiographisch verbürgt. Müller vermeidet aber jede zeitliche oder örtliche Festlegung. Nur einmal fällt Ceauşescus Name, die Szenerie konkretisiert sich erst im Laufe der Lektüre durch wiederkehrende, signifikante Details. Dabei steht die realistische Darstellung gegenüber der Magie der Gegenstände zurück. Ein Fenster interessiert nicht so sehr als architektonisches Detail, ein Gürtel nicht so sehr als Bestandteil der Kleidung: Vielmehr erinnern beide Gegenstände an die Möglichkeit des Selbstmords durch Springen oder Erhängen. Solche Verweisungen erzeugen eine Atmosphäre latenter Bedrohung, die vielleicht einen Weg aus dem Dilemma zwischen dem Schweigen und der unangemessenen Rede weist.

Lit.: G. Melzer: Verkrallt in Aussichtslosigkeit. Eine rumänische Kindheit. Zu H. M. und ihrem Roman ›Herztier‹, in: Durch aubenteuer muess man wagen vil, Hg. W. Hofmeister/B. Steinbauer, 1997, 291–297. • P. Müller: ›Herztier‹. Ein Titel/Bild inmitten von Bildern, in: Der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung. Bildlichkeit in Texten H. M.s, Hg. R. Köhnen, 1997, 109–121. • R. Schmidt: Metapher, Metonymie und Moral. H. M.s ›Herztier‹, in: H. M., Hg. B. Haines, 1998, 57–74. • B. D. Eddy: Testimony and Trauma in H. M.’s ›Herztier‹, in: German Life and Letters 53, 2000, 1, 56–72.

Tobias Heyl

 

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