Infiziert vom nazifistischen Restgift

Götz Aly (Foto: Susanne Schleyer)

Mit „Unser Kampf“ hat der Historiker und Publizist Götz Aly ein Debattenbuch vorgelegt, das die 68er-Aktivisten als Nachhut der Nazis desavouiert. Im Interview mit buchreport führt Aly aus, warum die APO-Hardliner in den Spuren ihrer Väter, den 33ern, stapften.

Was macht die 68er-Bewegung zu einem Spätausläufer des Totalitarismus?
Biografisch gesehen waren die deutschen 68er die Kinder der national-revolutionären 33er. Zwar protestierten sie gegen ihre Eltern und spürten das nazistische Restgift in ihren Familien, doch waren sie in ihrem Denken und Handeln selbst davon infiziert worden. Im Hang der 68er zum gesellschaftssanitären Utopismus, zur Änderung der gesamten Gesellschaftsordnung, in ihrer Verachtung des Parlamentarismus und des Kompromisses spiegelte sich – in linkssozialistischer oder maoistischer Weise verdreht – das totalitäre Denken der Elterngeneration.

Wie erklären Sie sich vor diesem Hintergrund das moralische Überlegenheitsgefühl vieler 68er?
Die totalitären Ideologien leben von der Fiktion des besseren Menschen. Die Aktivisten begreifen sich als Avantgarde einer vernünftig geordneten Welt; sie meinen zu wissen, wie die Zukunft dieser Welt auszusehen hat. Das macht sie unmenschlich, sobald sie zur Macht gelangen. Gelingt ihnen das wie im Fall der 68er nicht, passen sich die einen im günstigen Fall rasch an und starten ihre beruflichen Karrieren mit einer gewissen Verspätung, die anderen flüchten vor der Wirklichkeit, vor konkreter Verantwortung für überschaubare Projekte und resignieren. Ihnen bleibt die Besserwisserei, das elitäre Getue und die bis zur Bahre sorgsam gepflegte Einbildung, sie gehörten zum besseren Teil der Menschheit.

Was ist aus den revolutionären Zielen der Linken heute geworden?
Nichts. Im linkskonservativen Milieu wird gern gesagt, zwar seien die 68er in ihren Großzielen gescheitert, doch verdanke sich ihrer Revolte ein Mehr an Selbstbestimmung, die Zerstörung autoritärer, patriarchaler Strukturen usw. Ich halte das für eine Einbildung. Die Bundesrepublik liberalisierte sich schon in den frühen 60er Jahren fortwährend. Dieser Trend setzte sich unabhängig von ein paar Hunderttausend Protestler weiter fort.

Sie haben für Ihr Buch bislang nicht ausgewertete Akten des Bundeskanzleramtes, des Bundesinnenministeriums und des Verfassungsschutzes eingesehen. Welche Erkenntnis hat Sie bei dieser Recherche besonders überrascht?
Die Bundesregierung nahm den Aufstand der studentischen Jugend außerordentlich ernst. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger holte sich ausgezeichnete Ratgeber wie zum Beispiel Max Horkheimer. Nach dem Tod von Benno Ohnesorg suchte er das Gespräch mit Rudi Dutschke, nach dem Dutschke-Attentat das Gespräch mit den Führern des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds. Beide Male lehnten die Angesprochenen das Gesprächsangebot harsch ab. Kiesinger, der 1933 der NSDAP beigetreten war, sah in den protestierenden Studenten und in deren Tendenz zur ideologischen Selbstvernagelung einen Reflex auf den entsetzlichen Irrweg seiner Generation. Das lähmte ihn. So gesehen steht das Jahr 1968 für eine gesamtgesellschaftliche Krise der alten Bundesrepublik. Sie wurde von allen überwunden, von einer Gesellschaft und von politischen Parteien, die sich reformbereit und reformfähig zeigten.

Die Fragen stellte Till Spielmann

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