Empfehlung des Monats

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Kirstin Harmeln

Kirstin Harmeln (Foto: Liz Lazarus)

Vita

Kristin Harmel Sie arbeitet als Autorin und Journalistin. Mit ihrem Debüt „Solange am Himmel Sterne stehen“ landete sie einen weltweiten Bestseller. Sie lebt mit ihrem Mann in Orlando, Florida. Foto: Liz Lazarus „Das letzte Licht des Tages“

Wie sind Sie ursprünglich auf die Idee zu „Das letzte Licht des Tages“ gekommen?

Ich habe bereits einige Romane geschrieben, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Paris spielen – „Solange am Himmel Sterne stehen“ und „Ein Ort für unsere Träume“ –, und ich wusste, dass ich noch einmal über die französische Résistance schreiben wollte. Aber ich wollte mich aus Paris hinauswagen. Ich interessiere mich sehr für Wein und Weinherstellung und besuchte 2014 mit meinem Mann auf unserer Hochzeitsreise die Champagne. Meine Recherchen über die dortige Widerstandsbewegung förderten einige faszinierende Details zutage und ich hatte das Gefühl, dass sich so vor dem wunderschönen Hintergrund der Weinberge eine erzählenswerte Geschichte ergab.

Wie viel von Ihnen steckt in der Geschichte?

In all meinen Figuren steckt etwas von mir. Einige von ihnen tun schreckliche Dinge, doch das löst mich nicht von meiner Verantwortung, etwas Gutes in ihnen zu finden. Wir tragen die Verantwortung für unsere Monster wie für unsere Helden. Als Schriftstellerin teile ich Claudias Liebe zur Literatur. Und Jeb, der sein Herz auf der Zunge trägt und die Fähigkeit des Zuhörens besitzt. Und Agnes und Eddie. Sie behalten Geheimnisse für sich, um die junge Generation zu schützen. Irgendwie setze ich mich aus all diesen Figuren zusammen.

Wie viel von Ihnen selbst kann man in der Geschichte finden?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, in den Hauptfiguren meiner Romane spiegelt sich immer ein klein wenig von meiner eigenen Persönlichkeit wider, schließlich müssen sie monatelang in meinem Kopf leben! Aber dieses Buch hat nichts besonders Autobiografisches an sich, abgesehen von meiner eigenen Faszination für die Champagnerherstellung.

Wem würden Sie „Das letzte Licht des Tages“ empfehlen?

Ich hoffe, dass das Buch jedem, der sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs – oder für Wein – interessiert, gefallen wird. Aber im Grunde genommen ist es eine Geschichte über Familie, Identität und Wiedergutmachung, daher hoffe ich, dass die Geschichte jeden anspricht, der die Fehler der Vergangenheit überwinden möchte – oder sich fragt, welchen Einfluss die Familiengeschichte auf das Leben hat, das wir heute führen.

Wenn Buchhändler Ihr Buch Kunden empfehlen, was wünschen Sie sich, dass sie sagen?

Ich hoffe, sie werden sagen, dass es gut recherchiert ist und dass es überraschende, faszinierende Details über den Zweiten Weltkrieg und die Geheimnisse, die in den Weinbergen der Champagne verborgen liegen, ans Licht bringt. Ich hoffe außerdem, dass es eine tröstliche Erinnerung daran ist, dass es immer möglich ist, Schwierigkeiten zu überstehen und uns unser eigenes Licht im Dunkeln zu schaffen. Und schließlich passt es perfekt zu einem netten Glas Champagner!

Welche Autoren schätzen Sie besonders? Gibt es bestimmte Autoren, die Ihre Arbeit inspiriert oder beeinflusst haben?

Die erste Autorin, die mein Interesse am Zweiten Weltkrieg geweckt hat, war Anne Frank, deren Tagebuch ich zum ersten Mal mit 11 Jahren las. Dieses Buch hat mir gezeigt, dass Worte die Welt verändern können, einfach indem sie die Herzen der Menschen verändern.

Warum wir dieses Debüt ins Programm genommen haben

Mich hat diese ebenso tragische wie wunderschöne Familien- und Liebesgeschichte sofort begeistert. Kristin Harmel erzählt gefühlvoll, wendungsreich und atmosphärisch dicht von Liebe und Verrat, von größter Gefahr und größtem Mut in einer dunklen Zeit – und ihre Figuren sind dabei so lebensecht, dass sie mich einfach nicht mehr losgelassen haben.

Lektorin Natalja Schmidt

Leseprobe

Die Straße schlängelte sich durch die üppigen Weinberge der Champagne, während Inès Chauveau in Richtung Südwesten aus Reims herausschoss. Staubwolken ballten sich hinter ihrem glänzenden schwarzen Citroën, der Wind peitschte durch ihr kastanienbraunes Haar. Es war Mai, und die Weinreben erwachten bereits zum Leben, ihre Knospen waren wie winzige Fäuste der Sonne entgegengereckt. In wenigen Wochen würden sie blühen, und bis zum September würden ihre Trauben – hellgrüner Chardonnay, tiefschwarzer Pinot Meunier, blaubeerfarbener Pinot noir – prall und reif für die Ernte sein.

Aber würde Inès dann immer noch hier sein? Würde irgendeiner von ihnen es noch sein? Ein Schauder durchlief sie, während sie abbremste, um eine Kurve zu nehmen, und als sie in die Straße einbog, die nach Hause führte, heulte der Motor protestierend auf. Michel würde ihr sagen, dass sie zu schnell, zu tollkühn fuhr. Aber er war eben bei allem vorsichtig. Im Juni würde es ein Jahr her sein, dass sie geheiratet hatten, und sie konnte sich an keinen Tag erinnern, an dem er sie seitdem nicht für irgendetwas sanft getadelt hatte. Ich passe eben auf dich auf, Inès, sagte er immer. Das soll ein Ehemann tun. In letzter Zeit ging es bei fast all seinen Warnungen um die Deutschen, die gleich auf der anderen Seite der undurchdringlichen Maginot-Linie lauerten. Es war die befestigte Grenze, die Frankreich vor dem Chaos schützte, das den Rest Europas heimsuchte. Diejenigen von uns, die im Ersten Weltkrieg hier waren, wissen, dass wir sie ernst nehmen müssen, erklärte er mindestens einmal täglich, als wäre er selbst nicht erst vier Jahre alt gewesen, als die letzte Schlacht ausgetragen wurde.

Natürlich war Inès, sechs Jahre jünger als Michel, noch gar nicht geboren gewesen, als sich die Deutschen im Jahr 1918 endlich aus dem Marnegebiet zurückzogen, nachdem sie das Stadtzentrum von Reims nahezu dem Erdboden gleichgemacht hatten. Aber sie hatte von ihrem Vater genügend Geschichten über den Krieg gehört – im Allgemeinen, während er betrunken von Branntwein war und mit der Faust auf den Tisch schlug –, um zu wissen, dass sie wachsam sein musste. Man darf den Deutschen niemals trauen! Jetzt konnte sie die tiefe, raue Stimme ihres Vaters hören, obwohl er seit Jahren tot war. Sie geben sich vielleicht als Frankreichs Freunde aus, aber nur Dummköpfe würden dergleichen glauben.

Nun ja, Inès war kein Dummkopf. Und diesmal, ausnahmsweise, würde sie die Neuigkeit überbringen, die alles veränderte. Sie verspürte ein leises Triumphgefühl, aber während sie in das Dorf Ville-Dommange raste, schien die stille, düstere, siebenhundert Jahre alte Kapelle Saint-Lié, die sich über dem kleinen Ort erhob, sie für ihre kleingeistige Haltung zu verspotten. Hier ging es nicht darum, wer recht oder unrecht hatte. Hier ging es um den Krieg. Um Tod. Das Blut junger Männer tränkte bereits den Boden in den Wäldern im Nordosten. All die Dinge, die ihr Ehemann prophezeit hatte.

Sie fuhr durch das Gatter, bremste scharf vor dem prächtigen zweistöckigen Château, sprang aus dem Wagen und rannte auf die Tür zu, die in das riesige Geflecht unterirdischer Keller hinunterführte.

»Michel!«, rief sie und stürmte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die steinerne Treppe hinunter. Die kühle, feuchte Luft schlug ihr ins Gesicht wie ein nasses Handtuch. »Michel!«

Ihre Stimme hallte durch das verworrene Labyrinth aus Gängen, die der exzentrische Urgroßvater ihres Ehemanns ein Dreivierteljahrhundert zuvor aus der Erde gehauen hatte. Tausende Flaschen Champagner ruhten dort auf der Seite, ein kleines, perlendes Vermögen, das auf seinen nächsten Akt wartete.

»Inès?« Michels besorgte Stimme ertönte irgendwo tief aus den Kellern, und dann konnte sie Schritte hören, die sich näherten, bis er vor ihr um die Ecke bog, dicht gefolgt von Théo Laurent, dem chef de cave, dem Kellermeister von Maison Chauveau. »Meine Liebe, was ist?«, fragte Michel. Er eilte auf sie zu, legte ihr die Hände auf die Schultern und musterte ihr Gesicht. »Geht es dir gut, Inès?«

»Nein.« Erst in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, wie atemlos sie von der Neuigkeit, der Fahrt und dem raschen Abstieg in die Kälte der Keller war. »Nein, Michel, es geht mir ganz und gar nicht gut.«

»Was ist passiert?«, fragte er, während Théo sie schweigend betrachtete, die Miene so unergründlich wie immer.

»Sie hat begonnen«, stieß Inès hervor. »Die Invasion, Michel. Die Deutschen kommen!«

Schweres Schweigen lag in der feuchten Luft. Wie lange würde es dauern, bis die Stille der Keller vom Stampfen im Stechschritt marschierender Stiefel über ihnen durchbrochen wurde? (…)

Kristin Harmeln: Das letzte Licht des Tages;
384 Seiten; 14,99 €; Paperback;
978-3-426-22712-1; Knaur

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