Debüt des Monats

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Ute Mank

Ute Mank (Foto: Melanie Grabe)

Ute Mank geboren in Marburg, hat vor über 30 Jahren in ein Dorf in Hessen eingeheiratet, wo sie bis heute „die aus der Stadt“ ist. Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, lernte einen Gesundheitsberuf, studierte Erziehungswissenschaften und promovierte später nebenberuflich.
„Wildtriebe“ (dtv) ist ihr erster Roman.

Mein Roman in drei Sätzen

Ein alteingesessener Bauernhof, drei Frauen aus drei Generationen. Der Hof geht den Bach runter, aber die Frauen gewinnen, jede für sich, ein kleines oder auch ein größeres Stück persönliche Freiheit.

Mein Weg zu dtv

An der Hand meiner fabelhaften Agentin Vanessa Gutenkunst von der Agentur copywrite, der ich mich als komplett Ahnungslose gerne überlassen habe. Das hat mich in die Luxussituation gebracht, zwischen vier bekannten Verlagen wählen zu können. Entschieden habe ich mich für dtv.

Das Verdienst meiner Lektorin

Eine großartige und vertrauensvolle Zusammenarbeit hinzubekommen, obwohl Esther Böminghaus und ich uns coronamaßnahmenbedingt bis heute nicht ein einziges Mal persönlich begegnet sind.

Mein Eindruck von Literaturbetrieb und Buchbranche

Als Neuling auf der schreibenden Seite kann ich noch nichts Substanzielles dazu sagen. Mein Gefühl aber: eine eigene Welt mit ganz eigenen Regeln. Vielleicht ähnlich den ungeschriebenen Gesetzen auf dem Dorf? Für Außenstehende und „Zugezogene“ zunächst gar nicht so leicht zu durchblicken und zu erlernen?

Meine Lieblingsbuchhandlung

Früher die Universitäts-Buchhandlung Elwert in Marburg, inhabergeführt, heute eine Kette. Der legendäre schmale Rumpelaufzug, beinahe ein Marburger Wahrzeichen, brachte einen nicht nur in die große Taschenbuchabteilung, sondern auch von der Ober- in die Unterstadt. Den Taschenbuchladen gibt es schon lange nicht mehr und die Ladenfläche in der Oberstadt wird gerade halbiert. Eine Lieblingsbuchhandlung habe ich nicht mehr, liebe aber Buchhandlungen.

Meine Lieblingsautoren

Oft gefällt mir nur ein Roman einer Autorin oder eines Autoren, selten alle. Seit einiger Zeit bin ich sehr fasziniert von autobiografischen Romanen, besonders denen von Annie Ernaux, aber auch von Monika Helfers „Die Bagage“ oder von Sandra Hoffmanns „Paula“.

So lese ich

Fünf Bücher zugleich, bei manchen bloß den Anfang, einige halb, auch mal bloß quer, andere zwei- oder sogar dreimal.

Schreiben ist für mich

Wie das Nacherzählen eines Films, bloß dass man den Film auch noch selbst erfinden muss. Eigentlich eine unmögliche Aufgabe. Aber wenn man das Gefühl hat, es gelingt, macht es sehr glücklich.

Wenn ich nicht gerade schreibe

Tue ich das, was auch andere Leute machen, wenn sie den Schreibtisch verlassen: Nützliches (einkaufen, kochen, putzen, Steuererklärung vorbereiten ...), weniger auf Nützlichkeit Bedachtes (träumen, lesen, spazieren gehen, Freunde treffen, fernsehen ...)

Warum haben wir dieses Debüt ins Programm genommen?

Ute Mank erzählt kraftvoll, zart und in überwältigenden Naturbildern von den großen Frauen- und Familienthemen: Wie wollen wir miteinander leben? Was können wir an unsere Nachfahren weitergeben? Wie gelingt es, den eigenen Lebensträumen im Einklang mit den Menschen, den Traditionen und der Natur zu folgen? „Wildtriebe“ erzählt in glasklarer Sprache und einem tief unter die Haut gehenden Ton von den Herausforderungen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, mit denen Frauen heute und zu allen Zeiten konfrontiert sind.

Bianca Dombrowa, Programmleiterin Allgemeine Belletristik


»Allerbeste Unterhaltung auf gehobenem Niveau. Für alle Leserinnen von Dörte Hansen.«, Stefanie Westenberger, Buchhandlung Graff, Braunschweig

»(…) so fein und dicht gesponnen, die Leserin lebt mit diesen drei Frauengenerationen!«, Ulrike Klessmann, Thalia, Lemgo

»Wunderbar authentisch erzählte Geschichte.«, Margit Hahn, Buchhandlung Rottmann, Bad Kreuznach

»Großes Lob an Frau Mank.«, Anja Wenck, Der Buchladen, Trittau

»»Das Buch gehört zu den Büchern, von denen man will, dass sie niemals enden.«, Christina Kelm, Lesekatze –Bücher und mehr, Alzenau

Ute Mank: Wildtriebe
Hardcover; 288 Seiten; 22,00 €; 978-3-423-28288-8
ET: 23. Juli 2021; dtv

Leseprobe

WILDTRIEBE

Nur Joannas lange Beine waren zu sehen, als sie über den Hof ging. Rechts und links ein Arm. Alles andere, selbst der Kopf, war vom Rucksack verdeckt. Ein riesiges Ding. Und doch klein dafür, dass er das Gepäck für ein ganzes Jahr enthielt. Sie wollte nicht zum Flughafen gefahren werden. Nicht einmal zum Bahnhof, wo sie in den Zug nach Frankfurt steigen würde. Marlies stand am Küchenfenster, hatte es trotz der Kälte geöffnet. Am frühen Morgen hatte das Pflaster auf dem Hof verdächtig geglitzert. Einen Moment hatte sie gedacht, es hätte gefroren. Obwohl es Juni war. Marlies beugte sich hinaus. Sie hätte ihr gern wenigstens gewinkt, aber Joanna drehte sich nicht um. Mit entschlossenen Schritten lief sie durchs Hoftor. Noch für einen Moment konnte Marlies ihr hinterhersehen, wie sie die Brunnenstraße hinaufging, dann würde sie rechts abbiegen und aus ihrem Blickfeld verschwinden. Marlies hatte das schmerzhafte Empfinden, Joanna verschwände nicht bloß aus ihren Augen. Ihr war, als hätte ihre Tochter sie ihrer Zukunft beraubt, indem sie die eigene in die Hand nahm. Indem sie nichts als auf und davon und weit weg wollte. Geredet und geredet hatten sie. Das heißt, Marlies hatte geredet. Auf Joannas Bettkante. Joanna mit angezogenen Beinen in der äußersten Ecke. Mit verschlossenem Gesicht.

Nachdem Marlies an Joannas Zimmertür geklopft und deren genervten Gesichtsausdruck einfach übersehen hatte. Willst du das wirklich machen? Was bringt dir das? Du verlierst ein ganzes Jahr. Joanna wollte. Was war ein Jahr, wenn man neunzehn war. Das ganze Leben vor sich. Und Marlies spürte, es ging ihr in Wahrheit gar nicht um dieses eine Jahr. Trotzdem hackte sie immer weiter darauf herum. Weil sie nicht sagen konnte, ich ertrage es nicht, wenn du so weit weg gehst. In ein solch fremdes Land. Was ist, wenn du einen Unfall hast, beraubt wirst, dir eine seltsame Krankheit holst? Marlies spürte auch, es ging ihr in Wahrheit nicht um die Entfernung und das fremde Land. Aber sie konnte auch nicht sagen, ich ertrage es nicht, hier ohne dich zu sein. Kaum bist du groß, soll ich dich hergeben. Wo ich dachte, jetzt könnte unsere beste Zeit beginnen. Afrika, hatte Joanna eines Mittags gesagt. Uganda, um genau zu sein. Was anderes machen als lernen. Was Sinnvolles. Alle Köpfe waren zu ihr herumgefahren. Vier Paar große Augen hatten sie angesehen und »Afrika?« geechot. Die Küchentischdebatten über ein aussichtsreiches Studium waren da schon eine ganze Weile eingeschlafen. Auch die hatte Marlies so eifrig geführt, als ginge es um ihre Zukunft, nicht um Joannas. Gedanken über ihre eigene Zukunft wich sie sowieso lieber aus. »Es gibt Tausende Studiengänge«, hatte Joanna gesagt. »Ethnologie, Linguistik, Prähistorische Archäologie, Klassische Philologie.« Sie leierte Fächer herunter, von denen sie wohl glaubte, sie müssten in den Ohren ihrer Eltern besonders fremd oder exotisch klingen. »Und was macht man später damit?«, hatte Konrad gefragt, Joanna die Schultern gezuckt. Lisbeth und Alfred hatten stumm dabeigesessen und von einem zum anderen geguckt. Karl konnte nichts mehr sagen. »Vielleicht muss man das ja nicht unbedingt gleich wissen«, sagte Marlies, für die die aufgezählten Fächer verlockend klangen. Als hätte Joanna von faszinierenden Ländern erzählt, fern von der Lebenswelt des Hofs. Länder, für die man in keinen Zug und in kein Flugzeug steigen musste. Die man mit dem Kopf bereisen konnte.

Als Joanna nicht mehr zu sehen war, blickte Marlies zu Konrad. Mit verschränkten Armen lehnte er an einer der Stalltüren und hatte seiner Tochter ebenfalls hinterhergesehen. Was er wohl fühlte? Mit dem Rücken an der Stalltür, hinter der sich keine Kühe mehr befanden? Wo er doch Landwirt mit Leib und Seele war, aber nun in eine seelenlose Fabrik arbeiten gehen musste. Bloß abends noch ein paar Felder bestellte, noch ein paar Schafe hielt, weil die nicht viel Arbeit machten. Nebenerwerbslandwirt. Mondscheinbauer. Tat es ihm weh, seine Tochter ziehen zu lassen? Was hatte er sich für Joanna gewünscht? Hatte er sich überhaupt etwas gewünscht? Oder konnte er sie leicht freigeben? Auf dem Hof gab es ohnehin keine Zukunft für sie. Für niemanden gab es hier eine Zukunft.

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