John Sargent: »Wir werden das Publikum nicht verlieren«

John Sargent lässt sich nicht anstecken von Unkenrufen und pessimistischen Studien: Er mache sich keine Sorgen, dass sich die Menschen nicht mehr mit Büchern beschäftigen werden. Reiseführer hätten Probleme, weil das Internet oft bessere Antworten geben könne, aber wenn sich die Branche darauf fokussiere, Geschichten zu erzählen, Sachthemen aufzubereiten und Lebenshilfe zu geben … bei diesen Inhalten erweise sich das Buch als bestmögliche Technologie. 

CEO-Talk in Frankfurt: Holtzbrinck-Buchchef John Sargent (l.) wurde von den Chefredakteuren internationaler Branchenzeitschriften befragt. Thomas Wilking (buchreport, r.) konfrontierte den Verlagsmanager mit rückläufigen Buchkäuferzahlen, fragte aber auch nach der kürzlich abrupt vollzogenen Trennung von Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz. Die Ablösung (durch Florian Illies) hatte in Deutschland über Wochen Wellen geschlagen. (Foto: buchreport/CR)

Sargent, Jahrgang 1956, ist Mitglied der Holtzbrinck-Geschäftsführung und weltweit verantwortlich für die Publikumsbuchverlage der Gruppe: die Macmillan-Verlage in den USA und Großbritannien sowie die deutsche Gruppe mit u.a. Fischer, Rowohlt, Droemer Knaur und Kiepenheuer & Witsch. Sargent wurde eine knappe Stunde lang im voll besetzten Frankfurt Pavilion der Buchmesse von den Chefredakteuren internationaler Branchenzeitschriften zur Marktentwicklung befragt.

Verlegerische Unabhängigkeit als Schlüssel

Von buchreport nach dem „amerikanischen Stil“ der kürzlich abrupt vollzogenen Trennung von Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz befragt, bekannte Sargent seine grundsätzliche Verantwortung: „Ich habe ihr damals den Job angeboten und habe jetzt auch dem jüngsten Führungswechsel zugestimmt.“ Er werde nichts Schlechtes über Laugwitz sagen und gratuliere ihr und Rowohlt im Übrigen zum Gewinn des Deutschen Buchpreises.

Zu den Spekulationen, Hintergrund der Demission sei, dass die Holtzbrinck-Verlage enger geführt werden sollen, erinnerte er an die Holtzbrinck-Philosophie, dass die redaktionell-programmatische Entscheidungsfindung in den Unternehmen durchgängig unabhängig erfolge: „Verlegerische Unabhängigkeit ist der Schlüssel zum erfolgreichen Publizieren.“

Der „Quo vadis“-Studie des Börsenvereins, die der Branche einen massiven Kundenverlust attestiert, hält Sargent vergleichsweise geringe Umsatzrückgänge der deutschen Holtzbrinck-Verlage entgegen. Mit Blick auf die neuen Videoformate sieht er die Rolle der Bücher nicht gefährdet: „Das Storytelling unterscheidet sich. Das Lesen von einer langen Erzählung ist eine andere Erfahrung als das Anschauen von Filmen. Wir werden das Publikum nicht verlieren.“ Auch in Zeiten immer kürzerer Texte in aktuellen Medien verkauften sich Bücher mit 250 bis 400 Seiten weiterhin am besten.

Sargent lässt auch Skepsis gegenüber Umfragen durchscheinen: „Vor 10 Jahren gab es eine Reihe von Studien, denen zufolge junge Menschen nicht mehr lesen, aber die Menschen lesen weiter. Für E-Books wurde prophezeit, dass sie vor allem von jungen, technik­affinen Männern genutzt werden, aber es sind Frauen mittleren Alters, die am intensivsten E-Books lesen.“

Das E-Reading legt weiter zu

Zum E-Book-Markt, dem einst eine größere Dynamik vorhergesagt worden war, sagt Sargent, das Maß sei hier nicht der messbare Umsatz, sondern das tatsächliche Leseverhalten: „Ich bin sicher, dass das E-Reading zwar nicht exponentiell wächst, aber weiter zulegt. Unsere Aufgabe als Verleger ist es, die größtmögliche Verbreitung zu erzielen.“ Er verwies allerdings auch auf Risiken für Verlage: Das Trump-Enthüllungsbuch „Fire and Fury“ sei von Wikileaks ins Netz gestellt worden und das habe den Verlag geschätzt 400.000 Dollar gekostet.

  • Der Frankfurter CEO-Talk wurde moderiert von Rüdiger Wischenbart (Wien) und getragen von den internationalen Fachzeitschriften „Livres Hebdo“ (F), buchreport, „Publishers Weekly“ (USA) und dem spanisch-brasilianischen Informationsdienst „PublishNews“.

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