Wirtschaftsbuch, quo vadis?

Der Buchhandel hat seine Wirtschaftsbuchabteilungen verkleinert, die Verlage bemühen sich um Präsenz und Sichtbarkeit für ihre Titel. Dabei verfolgen sie aber unterschiedliche Strategien. Einschätzungen zu neuen Vermarktungswegen und die Lage im Segment.

Die Umfrage, die zuerst im buchreport.spezial RWS erschienen ist, versammelt Einschätzungen aus den Häusern Gabal, Plassen Buchverlage, Campus, Münchner Verlagsgruppe, Springer Gabler und Murmann Publishers.    

1. Wie steht es um den Wirtschaftsbuchmarkt?

2. Über welche Kanäle finden Wirtschaftsbücher ihre Leser?

3. Welche Wünsche haben Sie an den Handel?

4. Welchen Stellenwert haben gedruckte Bücher in der sich schnell wandelnden Wirtschafts- und Managementwelt? Braucht es neue Content-Container?

Ursula Rosengart (Foto: Martin Fischer Fotografie)

Ursula Rosengart, Geschäftsführerin Gabal Verlag

1. Markt: Die strukturellen Veränderungen in der Medien­nutzung machen auch vor der Buchbranche nicht halt. Gerade gesellschaftlich und wirtschaftlich relevante Themen werden vermehrt tagesaktuell auf digitalen Plattformen diskutiert. Hier ist es unsere Pflicht, darauf zu reagieren und bestmöglich vorauszuahnen, wohin die Reise gehen wird – die notwendige Vorlaufzeit eines Buches kann hier zum Nachteil geraten. Sehr deutlich zeichnet sich die aktuelle Entwicklung auch in der Verschiebung der inhaltlichen Schwerpunkte ab: Gerade in diesem Jahr stehen Titel zum Thema „Zukunft“ hoch im Kurs. Die Menschen sind auf der Suche nach Lösungen, die ihnen helfen, sich in einer höchst volatilen Welt zurechtzufinden und ihren beruflichen wie privaten Alltag zu meistern. Unser Spitzentitel in diesem Herbst ist daher „Disrup­tive Thinking“ von Zukunftsdenker und Unternehmensphilosoph Bernhard von Mutius. Mit seinem Buch leistet er einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Umbrüche und fordert nichts weniger als ein völlig neues Denken.

Auch Bücher, die sich den aktuellen Herausforderungen in Unternehmensführung und Vertrieb widmen oder den Lesern dabei helfen, ihrem bewegten Alltag mehr Halt zu geben, stehen hoch im Kurs.

2. Kanäle: Hier spielt uns die Digitalisierung natürlich in die Hände. Denn im Vergleich zur Belletristik, die das Herz des stationären Buchhandels ist, braucht es zusätzliche Wege, um Wirtschaftsbücher ins Bewusstsein der Kunden zu bringen. Viele Buchhandlungen haben in der letzten Zeit ihre Angebotsfläche umstrukturiert, was oft zuungunsten der Wirtschaftsbuchabteilung ausgegangen ist. Um unsere Zielgruppe dennoch auf Neuerscheinungen aufmerksam zu machen, arbeiten wir stark mit dem Content der Titel, sowohl klassisch über Pressearbeit als auch mithilfe von Social Media und Online-Präsenz. Zusätzlich ist auch eine enge Kooperation mit unseren Autoren von Vorteil. Viele von ihnen sind als Trainer, Berater und Keynote-Speaker tätig und verfügen selbst über große Netzwerke und setzen auf entsprechende Marketing-Strategien, um den Titeln und damit auch dem Verlag zu Sichtbarkeit zu verhelfen. Darüber hinaus suchen wir gezielt den Kontakt zur Zielgruppe. Seit 2015 veranstalten wir die „Gabal-Speaker-Abende“, in diesem Jahr ist das „Gabal-Forum“ als neues Format hinzugekommen. Unser Ziel ist es, auf diese Weise deutschlandweit den fachlichen Austausch zu aktuellen Trends und Themen zu fördern und Autoren, Bücher sowie potenzielle Leser miteinander in Kontakt zu bringen. 

3. Wünsche: Viele Buchhandlungen setzen lieber auf Titel der Marke „Nummer sicher“. Das ist natürlich verständlich, ich würde mir jedoch wünschen, dass sie sich auch stärker an die vielen neuen Themen herantrauen. Es muss nicht direkt jeder neue Titel zur Digitalisierung oder Unternehmensführung 4.0 sein. Doch wer seinen Kunden eine Auswahl bietet und zeigt, dass er am Puls der Zeit ist, hat die Möglichkeit, sich auch in diesem Segment als Partner zu präsentieren und neue Stammkunden zu gewinnen. Außerdem wünsche ich mir mehr Interaktion: Wir unterstützen den Buchhandel gern und bieten mit unseren Autoren auch Lesungen und Vorträge in den Filialen an. Das ist selbst für die kleine Buchhandlung um die Ecke umsetzbar, etwa in Kooperation mit Firmen vor Ort. Gerade im Wirtschaftsbereich ist das Angebot an Kongressen und Messen groß – hier wäre es schön, wenn sich der lokale Buchhandel mehr einbringen würde, etwa in Form von Büchertischen vor Ort.

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