Windhund-Rennen um Open Access

Mit der Übernahme des Open-Access-Fachverlags Hindawi will der internationale Wissenschaftsverlag Wiley seine Aktivitäten im OA-Bereich vorantreiben. Der Wissenschaftsverleger und Open-Access-Pionier Sven Fund erklärt in einem Gastkommentar, was die Akquisition für den Wissenschaftsmarkt bedeutet:

Sven Fund ist Geschäftsführer der Beratung Fullstopp und des Open-Access-Dienstleisters Knowledge Unlatched (KU) (Foto: privat)

Gute Entscheidungen brauchen manchmal länger, gerade in Branchen und von Marktteilnehmern, die wirtschaftlich sehr erfolgreich arbeiten. Das Ringen vieler Autobauer um die Elektromobilität ist dafür ein Paradebeispiel. Der gestern kommunizierte Kauf des Open Access-Anbieters Hindawi durch John Wiley & Sons fällt in eine ähnliche Kategorie. Zwar gehört wenig Geheimwissen dazu, Open Access als eines der zentralen Zukunftsmodelle im wissenschaftlichen Publizieren zu identifizieren. Aber wie in der Automobilindustrie brauchte es auch im Verlagswesen eine Krise als Katalysator.

Hindawi, 1997 in Ägypten gegründet, ist einer der frühen Innovatoren im ‚puren‘ Open Access, wo Autoren bzw. ihre Institutionen die gesamten Kosten des Publikationsprozesses übernehmen. Wiley hingegen hat insbesondere durch seinen laut gefeierten Abschluss im Projekt „Deal“ eine führende Rolle im hybrid finanzierten und damit weiterhin teils abofinanzierten OA übernommen. Wie alle Wissenschaftsverlage stehen die Amerikaner unter hohem – und wachsendem – Druck, ihr riesiges Zeitschriftenportfolio vom traditionellen Geschäftsmodell Abo hin zu Open Access zu transformieren.

»Wiley meldet sich durch die Akquisition im Bereich Open Access im Windhund-Rennen der Wissenschaftsgiganten zurück, und präsentiert sich zunehmend wendiger. Gleichwohl lässt sich kritisch fragen, warum dies erst zum jetzigen Zeitpunkt passiert.«

 

Bei Wileys traditionell hohen Preisen ergeben sich dabei rasch rechnerische Grenzen, bei denen die Umrechnung von Abos in Artikelgebühren eine Höhe erreicht, die kaum jemand zahlen wollte und könnte. Hindawi mit seinen Zeitschriften, das eine sehr kosteneffiziente Struktur für die Prozesse rund um Open Access geschaffen hat, bringt da Entlastung und offeriert Autorinnen und Autoren die Möglichkeit preiswerteren Publizierens. Zudem kommt ein Gutteil der Artikel von Beiträgern aus China, jenem wachstumsstarken geografischen Markt, in dem zahlreiche große (und auch kleinere) Wissenschaftsverlage mit Wurzeln in Nordamerika oder Europa wichtige Zukunftsperspektiven sehen.

Eine Herausforderung wird, wie häufig bei dieser Größenordnung von Akquisitionen, die Integration von Hindawi in Wiley. Nur sie schafft den Nutzen, den sich vermutlich alle Beteiligten von dem Zusammengehen versprechen. Ein Schnellbot mit hoher Wendigkeit und starkem Wachstum dockt an einen stolzen, qualitätsbewussten aber nicht eben wachstumsstarken Supertanker an.

Wiley meldet sich durch die Akquisition im Bereich Open Access im Windhund-Rennen der Wissenschaftsgiganten zurück, und präsentiert sich zunehmend wendiger. Gleichwohl lässt sich kritisch fragen, warum dies erst zum jetzigen Zeitpunkt passiert. SpringerNature mit BioMedCentral (2008), F1000 im Haus von Taylor & Francis (2020), selbst Elsevier mit Lösungen wie BePress (2017) sind längst da. In diesem Konzert schien Wiley lange eher Getriebener als aktiver Innovator.

Die hohe Unternehmensbewertung von Hindawi mit einem Kaufpreis von 298 Mio. US-Dollar bei einem Umsatz von ca. 40 Mio. US-Dollar belegt, dass Abwarten mit Blick auf Open Access für Verlage keine Option (mehr) ist. Der Umbau des Geschäftsmodells ist so weit vorangeschritten, dass auch die Größten sich ihm beugen müssen, wollen sie im Wettbewerb um Autorinnen und Autoren nicht zurückfallen.

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