Wie Buchhändler für Sichtbarkeit sorgen

Der Buchhandel zeigt sich in diesen Tagen äußerst kreativ. Und das, obwohl die Läden flächendeckend von großen Umsatzeinbußen betroffen sind, für viele Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt wurde und die Teams nur noch in Notbesetzung arbeiten.

Wie einfallsreich Buchhandlungen derzeit agieren, zeigen folgende Beispiele, die buchreport zusammengetragen hat: 

 

  • Schick mit Mundschutz

Bettina Haenitsch, Der Buchladen (Seligenstadt)

Saskia Thelen, Buchhandlung Graff (Braunschweig)

Die Politik ebnet den Weg für die Wiederöffnung von Läden mit Auflagen. Equipment wie Plexiglas als Spuckschutz und Mundschutzmasken werden in nächster Zeit eine wichtige Rolle spielen. Bettina Haenitsch (r.) von Der Buchladen im hessischen Seligenstadt ist mit einer stylishen Maske mit Ladenlogo gut aufgestellt, die eine Bekannte ihr eigens genäht hat. Saskia Thelen (l.) von der Buchhandlung Graff in Braunschweig nutzt das Thema, um Kunden über Instagram Storys auf aktuelle Nähbücher aufmerksam zu machen.

  • Beratung per Video

Buchtipps per Youtube gehören bei Katrin Schmidt und Helen Hoff von der Buchhandlung Lesezeichen im bayerischen Germering auch in Nicht-Corona-Zeiten zum Standard. Jetzt haben die beiden Buchhändlerinnen einen neuen Service eingerichtet: Kunden können per Mail einen Termin für eine Live-Beratung per WhatsApp-Video vereinbaren. Dabei verwenden Hoff und Schmidt das Mobiltelefon, das auch sonst nur für Bestellungen per WhatsApp genutzt wird. Den Service bieten sie aber auch spontan bei Kundengesprächen am Telefon an. Koch-, Bilder- oder Malbücher sowie Spiele lassen sich dann deutlich besser präsentieren, so Schmidt.

  • Helfer in der Krise

Als Ulrike Pauli in ihrem Münchner Stadtviertel die vielen „Geschlossen“-Plakate an den Geschäften sah, griff sie kurzerhand zum Hörer, rief bei der Sendlinger Buchhandlung an und fragte, ob sie vielleicht die Monatsmiete übernehmen durfte. Inhaberin Sigrid Gatter nahm das überraschende Angebot ihrer Kundin dankend an. Aus der spontanen Aktion ist inzwischen etwas viel Größeres geworden: Auf der Webseite Helfer-in-der-krise.de will Pauli Läden in Not und Unterstützer zusammenbringen. „Die Idee war: Vielleicht würden viele ganz gern helfen“, erläutert die Lehrerin im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Etwa, weil sie ohnehin nicht in den Urlaub fahren können und stattdessen gern den Händlern vor Ort unter die Arme greifen.
Wer über die Webseite kleine Läden unterstützen will, muss aber nicht gleich die ganze Miete bezahlen, sagt Pauli: „Man kann ja auch nur einen Teil davon übernehmen oder sich eine ganz andere Art der Unterstützung überlegen. Schön wäre es halt, wenn die, die es sich leisten können, sich auch etwas ausdenken, wie man anderen helfen kann. Damit man sich nicht nur auf den Staat verlässt.“

  • #wirlesenzuhause

Eine Möglichkeit, um auch während der Kontaktsperre in Verbindung mit Kunden zu treten, ist eine Lesechallenge. Das Format hat Benevento aufgegriffen: Um seine Autoren und die Branche zu unterstützen, hat der Verlag eine Instagram-Challenge unter dem Hashtag #wirlesenzuhause ins Leben gerufen. Teilnehmer sollen unter dem Hashtag die Bücher in die Instagram Storys posten, die sie gerade lesen. Thema, Autor und Verlag spielen dabei keine Rolle. Mit der Frage „Was liest du?“ sollen dann drei weitere Freunde aufgefordert werden, ebenfalls mitzumachen. Die Aktion kommt an: Mittlerweile hat der Verlag mehrere Tausend Menschen erreicht.

  • Das andere Survival Kit

(Foto: Buchhandlung Lüders)

Die Buchhandlung Lüders in Hamburg pflegt in der Corona-Zeit nicht nur fleißig ihren Instagram-Account, sondern bittet auch mit einem exklusiven Angebot um Unterstützung: Das „Lüders Survival Kit“ kann in verschiedenen Preisstufen und Kategorien bestellt werden.

Je nach Wunsch oder wahlweise auch als freie Empfehlung bekommen die Kunden dann eine Bücher-Überraschungsbox zugeschickt. Die Titel wählen die Mitarbeiter vor Ort aus und legen Postkarten dazAb einem bestimmten Bestellwert gibt es zusätzlich noch eine Lüders-Tasche. Wem die Buchauswahl nicht gefällt, kann die Titel auch ganz einfach umtauschen.

 

Literaturpodcast Hugendubel

  • Hugendubel im Ohr

Das aktuell große Interesse an Podcasts macht sich die Hugendubel-Kette zunutze, um für Bücher zu werben. Mit „Seite an Seite“ ist in der vergangenen Woche ein Literatur-Podcast gestartet, in dem Tipps für neue Lektüre gegeben wird:

Gastgeber sind Andrea Schuster und Andi Leitner aus der Filiale am Münchner Stachus. Das Duo stellt in jeder Folge insgesamt drei Bücher vor: Zwei hat jeweils nur einer der beiden gelesen, eins haben beide gelesen. Vorgestellt werden Neuerscheinungen sowie Bücher, „die man gelesen haben muss“.

In Folge 1 geht es um „Nix passiert“ von Kathrin Weßling, „Marianengraben“ von Jasmin Schreiber und „Nackt im Hotel“ von Jo Schück. Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge. Der Podcast kann u.a. auf Spotify und Apple Podcasts kostenlos abonniert werden.

 

Foto: Buchhandlung Transfer

  • Ehrenamtliche Helfer

Mindestens 40 Lieferungen verlassen pro Tag die Dortmunder Buchhandlung Transfer, davon nur ein kleiner Teil mit der Post. Der Rest wird vor Ort ausgeliefert. Damit die Kunden schnell an ihre Bücher kommen, hat ein Lehrer-Ehepaar, Stammkunden des Sortiments, seine Hilfe als ehrenamtliche Fahrradkuriere angeboten. Mindestens alle zwei Tage packen sie 10 bis 20 Sendungen auf die Räder und sind bis zu fünf Stunden im gesamten Stadtgebiet unterwegs.

 

  • Im Fernsehen

Ende vergangener Woche hatten Olaf Bachmann (Bücher Bachmann, Schwerte) und seine Mitarbeiterin Petra Kreuzburg (Foto) einen Auftritt in der WDR-Lokalzeit mit zwei Buchtipps.

 

  • Buchtipps auf Youtube

Das Team der Buchhandlung Eissing hat Youtube als Kanal für sich entdeckt, um den Kundenkontakt zu halten. Die Umsetzung gestalten die Papenburger pragmatisch: Ein Banner der Buchhandlung wurde um einen Sessel drapiert, auf dem die Mitarbeiter Platz nehmen und ihre Buchtipps in die Kamera sprechen.
Geschäftsführer Hans-Bernd Eissing hatte sich schon zuvor mit dem Thema Videoschnitt auseinandergesetzt und kann das Wissen jetzt anwenden. Alle Mitarbeiter sind involviert: Gemeinsam mit Manuela Gulbins-Eissing haben sie die Idee ausgearbeitet und dann konnte es auch schnell losgehen.
Inhaltlich wird in den Videos alles besprochen, was gerade einfällt, auf ein Formatmuster wird bewusst verzichtet. Am Freitag veröffentlichte die Buchhandlung ihren ersten Gastbeitrag: Kirsten Seelenbinder von der Georg Büchner Buchhandlung schickte ihren Buchtipp von Bremen nach Papenburg.

 

  • Papier für hinten und vorne

Die Buchhandlung Seitenweise nimmt die Situation mit Humor und bietet auf ihrem Instagram-Profil an, ab einem Bestellwert von 20 Euro eine Klopapierrolle mitzuschicken. Ab 50 Euro lockt das gute Vierlagige.

 

  • SPIEGEL-Bestsellerplakat als Eyecatcher

Das Geschäft der Schweitzer Fachinformationen im Dortmunder Kaiserviertel setzt auf die Signalfarbe Orange im Schaufenster.

 

  • Großer Auftritt

Die „BILD“-Zeitung berichtete über Patrick Musial, Inhaber der gleichnamigen Buchhandlung in Recklinghausen, und seinen Lieferservice. Mit auf dem Foto: Die „Bücher sind Kekse für die Seele“-Tüten, die von Harenberg Kommunikation vertrieben werden.

 

  • Foto: Geschichtenreich (Seligenstadt)

    Bestellbox auf Palette

Das Team der Buchhandlung Geschichten*reich in Seligenstadt arbeitet von 10 bis 14 Uhr hinter verschlossener Ladentür und nimmt die über ihre Kanäle eingehenden Bestellungen entgegen. Auch rustikal: Vor dem Ladengeschäft steht eine Bestellbox mit Stift und Papier, damit vorbeikommende Kunden auch auf diesem Weg ihre Aufträge erteilen können. Außerdem kooperieren die Seligenstädter mit dem Kaffee-Fachgeschäft von nebenan, in dem Bestellungen mit Rechnung hinterlegt werden.

 

  • Buchhandlung Hornung (Unna)

    Literarischer Notdienst

Manche Tageszeitung offeriert kostenlose Kontaktanzeigen unter dem Motto „Wir halten zusammen“. Die Buchhandlung Hornung in Unna nutzt das Angebot des „Hellweger Anzeigers“. Für die Lieferung hat Mit-Inhaber Michael Sacher zwei Studenten gewonnen, die als Fahrradkurier die Bücher an die richtigen Adressen bringen.

 

  • Umsatteln für den Kundenservice: Josef Berens liefert Bücher per Rad aus. (Foto: Buchhandlung Berens)

    Lieferdienst

Die Buchhandlung Proust in Essen hat einen Bestellservice eingerichtet. Statt ihrem „Ape“-Mobil nutzen sie dafür das lokale Carsharing. Zudem hat die Lokalpresse (in Zeiten des Nachrichtenmangels) die Buchhandlung darum gebeten, ihre Buchtipps veröffentlichen zu dürfen. Auch dadurch erhält die Buchhandlung mehr Aufmerksamkeit und Reichweite in der Öffentlichkeit.

Die Buchhandlung Berens im rheinland-pfälzischen Adenau hat ebenfalls kurzfristig einen Lieferservice eingerichtet: Inhaber Josef Berens liefert per Rad aus.

 

  • Ostfriesische Vernetzung

Aus einer spontanen Idee heraus ist übers Wochenende in der ostfriesischen Kreisstadt Aurich (42.000 Einwohner) die Online-Plattform „Auricher für Aurich“ zur Stärkung von Einzelhandel und Gastronomie entstanden. Firmen können sich kostenlos registrieren und ihre Kunden informieren, wie sie etwas kaufen oder be‧stellen können. Live gegangen ist www.ich-kaufe-in-aurich.de mit einem Dutzend Anbieter, 24 Stunden später waren es über 50, Tendenz steigend. Auch die beiden örtlichen Buchhändler LeseZeichen und Buchhandlung am Wall sind dabei und bieten Lieferservice und Versand per Post an.

Die Idee hatte Rüdiger Musolf, der stellvertretende Leiter des örtlichen Gymnasiums, am Freitag bei einem Spaziergang durch die menschenleere Innenstadt. Umgesetzt wurde sie von seinem Sohn Friedrich Musolf, der mit zwei Auricher Freunden in Hamburg die Agentur 360 Grad Creations betreibt. Während Musolf sen. den örtlichen Kaufmännischen Verein mit seinen 150 Mitgliedern kontaktierte, bastelte Musolf jun. an der Elbe gemeinsam mit Ann-Catherine Lukes und Dominik Dietrich an der Internetseite, die ständig weiterentwickelt wird.

 

Tutorial für den Webshop der Buchhandlung Lünebuch (Lüneburg)

  • Führung durch den Shop

Lünebuch-Buchhändler Jan Orthey aktiviert seine Kunden in diesen Tagen mit einem umfangreichen Newsletter, der alle Möglichkeiten aufzeigt, um mit seinem Geschäft zu interagieren. Um die weniger digitalaffine Zielgruppe zum Bestellen über den Online-Shop zu bewegen, ist ein Erklärvideo eingebettet, in dem Mitarbeiterin Jorinde Lebeda die verschiedenen Funktionen und den Weg zum Warenkorb erläutert.

 

  • Kontakt und Kooperation

Die Buchhandlung Slawski (Buchholz) kooperiert mit einem Imbiss, bei dem Kunden ihre Büchertüten abholen können, oder sie liefern per Boten aus. Weil Stöbern nicht mehr möglich ist, berät das Team telefonisch oder verschickt Videos. Das Motto in der Nordheide: Ganz viel Kontakt halten!

 

Foto: Buchstäbchen (Stuttgart)

  • Auf Instagram und im TV

Myriam Kunz von Buchstäbchen (Stuttgart) konnte viele Kunden über Instagram und Facebook mobilisieren. Das Resultat: Sie und ihr Team sind mehr denn je beschäftigt und packen bis abends Päckchen. Ein Team des SWR-Fernsehens war bei ihnen vor Ort, um die Buchhändlerin für einen Bericht zum Umgang des Einzelhandels mit der Coronakrise zu befragen.

 

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