Verlage gehen auf Abstand zur Präsenzmesse

In Zeiten, in denen viele auf Sicht fahren, haben der Börsenverein und seine Wirtschaftstochter eine klare Ansage gemacht: „Die Frankfurter Buchmesse 2020 wird stattfinden.“ Nicht nur digital wie derzeit viele andere Veranstaltungen, sondern hybrid, also auch auf dem Frankfurter Messegelände: Kleiner, mit Abstand und Frischluftgebläse, mit breiteren Gängen und einem der „dynamischen Lage“ laufend angepassten Hygienekonzept.

Seit den coronabedingten Absagen der Buchmessen in Leipzig und international u.a. in London, Bologna und New York steht auch hinter dem größten Branchenevent ein dickes Fragezeichen. Und das wird auch nicht dadurch abgeräumt , dass die BBG Börsenverein des Deutschen Buchhandels Beteiligungsgesellschaft, Holding der Börsenvereins-Wirtschaftsbetriebe, entschieden hat, die Frankfurter Buchmesse vom 14. bis 18. Oktober auch als deutlich kleinere Präsenzveranstaltung („Sonderedition“) durchzuziehen.

Ordnungsamt und Gesundheitsamt der Stadt haben dem Schutz- und Hygienekonzept zugestimmt. Formal ist also erstmal die Hürde genommen, aber:

  • Wie nimmt die Branche das Konzept an?
  • Wer wird überhaupt teilnehmen?
  • Kann der Anspruch einer Frankfurter Buchmesse durch eine Rumpfmesse erfüllt werden?

Fest steht: Die Buchmesse wird erheblich kleiner ausfallen, weniger international, wohl ohne Beteiligung aus Nord- und Lateinamerika sowie auch aus vielen asiatischen Märkten. Messechef Juergen Boos nennt 30% der üblichen Ausstellerzahl als Hausnummer und spricht von einer „europäischen Buchmesse“.

Aber auch nach „klein, aber fein“ sieht es nicht aus: Bekannte Marktteilnehmer aus Deutschland wie aus dem Ausland lehnen die gerupfte Sonderedition ab und werden nicht ausstellen, die „Ankermieter“ der Präsenzmesse werden fehlen, und die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Absage-Dominoeffekts ist groß.

Meist wird von den Verlagen der Gesundheitsschutz für Mitarbeiter und Kunden angeführt. Aber es ist kein großes Geheimnis, dass in einem Jahr, das bisher nahezu alle Verlage signifikant Umsatz gekostet hat, es auch gar nicht unwillkommen ist, die fünf- bis hoch sechsstelligen Budgets für den Buchmesse-Auftritt herunterzufahren, zumal bei anzweifelbarem Nutzen der „Sonderedition“.

Hehre Argumente vs. Kundenorientierung

Was treibt die Frankfurter Buchmesse trotz des auch vor dem Entschluss schon bekannten Widerstands der Verlage, die Präsenzmesse durchzuziehen? Der Leuchtturmcharakter wird bemüht:

  • Die Buchmesse sei die „ internationale Agora des intellektuellen Austausches“, ihr Diskurs-Charakter solle auch in der Krise genutzt werden, so BBG-Aufsichtsratsvorsitzender Siegmar Mosdorf und sinngemäß auch Börsenvereins-Geschäftsführer Alexander Skipis.
  • Nach dem Ausfall der Frühjahrsmessen sei es umso wichtiger, sich im Herbst auch wieder persönlich zu begegnen, so Messechef Juergen Boos.
  • Die Frankfurter Buchmesse abzuhalten, sei in diesem Jahr „wichtiger als je zuvor“, sagen Buchmesse-Chef, Börsenverein und die Stadt: politisch, für die Autorinnen und Autoren, für die Aufmerksamkeit der Branche, als wirtschaftliches Signal …

Für die Stadt Frankfurt und das Land Hessen ist die Buchmesse ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ein Aushängeschild, erst recht, nachdem der Messestandort Frankfurt gerade die Automobilmesse IAA an München verloren hat.

Die Entscheidung, eine verkleinerte, aber doch eine Messe mit einer gewissen Präsenz veranstalten zu wollen, ist allein angesichts der ungewissen Pandemie-Entwicklung mutig, auch wenn in diesen Tagen in Europa eine allgemeine Corona-Entspannungstendenz vorherrscht. Es ist aber unabhängig davon fast trotzig, wenn klar ist, dass immer mehr und keineswegs überraschend die Verlagskunden den Messeplanern nicht folgen wollen.

Drohender wirtschaftlicher Schaden

Verspielt die Frankfurter Buchmesse leichtfertig mit einer „Geistermesse“ ihr Renommee? Oder geht es, wie in der Branche auch gemutmaßt wird, darum, mit verringertem Schaden zu scheitern?

Bei der Frankfurter Buchmesse selbst hätten die Finanzen nicht im Vordergrund der Entscheidung für die Präsenzveranstaltung gestanden, sagt Messechef Boos. Allerdings sind die Folgen für das wirtschaftliche Ergebnis dramatisch. Das Unternehmen Frankfurter Buchmesse hat in den vergangenen Jahren jeweils 33 bis 34 Mio Euro umgesetzt, mit einem ausgewiesenen Betriebsergebnis von rund 3 Mio Euro. Jetzt kalkuliere die Buchmesse mit einem Verlust von 6 bis 10 Mio Euro, berichtet die „Frankfurter Rundschau“ – selbst wenn die Schau in stark reduzierter Form ausgetragen würde. Womöglich ist die vom Land in Aussicht gestellte Finanzstütze mit der Auflage verbunden, erst einmal alles zu versuchen. Nicht nur das Wirtschaftsunternehmen Frankfurter Buchmesse, auch für die Frankfurter Messe als Vermieter, für Hotels und Gastronomie in Frankfurt hängt viel von einer Präsenzmesse ab.

Die für die Buchmesse-Sonderedition 2020 angeführten politischen Argumente – Flagge zeigen, Aufmerksamkeit für Autoren, Bücher und die Branche herstellen – bedeuten im Umkehrschlusss: Eine Absage mangels Teilnehmern oder eine Veranstaltung, die nur ein Schatten der bekannten, vitalen Frankfurter Buchmesse ist, wären schlechte Signal. Wie lautet die Exit-Strategie?

Dieser Beitrag basiert auf dem Aufmacher des buchreport.express 23/2020 – hier zu bestellen als Printausgabe oder als E-Paper.

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