»Statt Harmonie widerstreitende Interessen offen austragen«

Hartwig Bögeholz

Hartwig Bögeholz ist Geschäftsführender Gesellschafter der Jürmker Bücherstube, Wolfram Schwarzbich leitet die Buchhandlung Bethel. Die beiden Bielefelder Buchhändler ärgern sich über den Umgang vieler Branchenkollegen mit der KNV-Insolvenz und fordern einen Blick auf die Branche, der die Interessen und Machtverhältnisse deutlich macht: „Selbstverständlich sind wir eine Branche. Das bedeutet jedoch mitnichten, dass aller Interessen identisch wären oder harmonisch ausbalanciert werden könnten.“

Bögeholz und Schwarzbich fordern als unabhängige Buchhändler auch explizit, dem Druck großer Marktteilnehmer zu widerstehen und verweisen (ohne explizite Namensnennung) auf die geplante Fusion der Filialisten Thalia und Mayersche.

Wolfram Schwarzbich

»Höchste Zeit aufzuwachen!«

von Hartwig Bögeholz und Wolfram Schwarzbich

Wie zäher Brei zieht sich durch das Denken vieler Branchenakteure das Märchen vom harmonischen Miteinander: „Wir sind doch eine Branche“, war im „Börsenblatt“ zu lesen. Während viele Buchhändler*innen tatsächlich daran glauben, nutzen andere Akteure diese Trugvorstellung geschickt aus. Ein typischer aktueller Satz: „Wir als Auslieferung liefern natürlich … wieder mit unseren Verlagen an KNV, weil wir (a) das Barsortiment und den Markt stützen wollen und (b) nicht zuletzt uns selbst auch.“ Vom sachlichen Gehalt her geht es um „(b)“, die anderen Gesichtspunkte sind Mittel zu diesem Zweck.

Selbstverständlich sind wir eine Branche. Das bedeutet jedoch mitnichten, dass aller Interessen identisch wären oder harmonisch ausbalanciert werden könnten. Von diesem Milchmädchenglauben müssen sich viele Branchenteilnehmer dringend befreien, sonst werden sie bald einen hohen Preis zahlen. Wie in jeder anderen Branche verfolgen alle Akteure jeweils ganz eigene und sehr oft widerstreitende Interessen. Für die Zukunft der Branche ist es hilfreicher, wenn wir unsere jeweiligen (b)-Motivationen kennen und klar verfolgen.

Warum wohl meint die größte Buchhandelskette, sich eine kleinere Kette einverleiben zu müssen? Weil größere Zahlen so toll wären? Weil „familiengeführter Buchhandel“ zu neuen Höhen geführt werden müsste?

Unsinn. Es geht vielmehr um zwei (b)-Motive. Erstens bedarf es nur noch eines einzigen Bündels an Strukturen im Hintergrund, was bei guter Organisierung der Fusion Rationalisierungseffekte bedeutet. Zweitens erhöht sich die Nachfragemacht gegenüber Lieferanten, von denen selbst die größten (wenn man sie mit anderen mittelständischen Branchen vergleicht) Kleinunternehmen sind. Wer von ihnen würde wagen, sich der Order dieses Riesenkunden zu widersetzen, fortan zwei weitere Prozent Nachlass zu gewähren?

 

Offenkundige Verschuldungsabgründe

Warum wohl geht der größte Zwischenbuchhändler in die Knie? Weil er vom Kettenzusammenschluss unmittelbar betroffen ist, weil er die logistische Struktur für die kleinere der beiden Ketten betreibt – und dieses Geschäft in Kürze verlieren wird. Dieses zeitigt in jedem Fall gravierende Folgen, selbst wenn es die selbst verursachten Bauchklatscher beim Scheitern des Anspruchs, die Logistik neu erfinden zu wollen, nicht gegeben hätte. Und last but not least, weil er, um Buchhandlungen als Kunden halten zu können, unüberschaubare Mengen an Vorzugshäppchen auswerfen musste, die sowohl organisatorisch als auch wirtschaftlich belastend waren.

Da stehen wir nun mit unserer vermeintlich so harmonischen Branche.

Sogenannte „Solidaritäts“-Aufrufe zum „Skontoverzicht“ oder „Zusatzeinkauf“ offenbaren nur, dass die Welt der großen Zahlen vielen Akteuren fremd ist. Wenn allein für Zinsen auf Bankschulden im Jahr 2016 10,8 Millionen Euro (das sind 900.000 Euro in jedem einzelnen Monat oder 30.000 Euro an jedem einzelnen Tag – nur für Zinsen!) aufgebracht werden müssen, sollte das Ausmaß der Verschuldungsabgründe offenkundig sein. Da noch gutes Geld dem schlechten hinterherzuwerfen, könnten sich vielleicht Banken erlauben … aber sonst niemand.

 

Nachfragemacht proaktiv thematisieren

Wie wird es weiter gehen? Zum Thema des Kettenzusammenschlusses sollten möglichst viele Akteure proaktiv Stellungnahmen an die zuständige Zweite Beschlussabteilung des Bundeskartellamtes in Bonn senden. Darin sollten sie zum einen die zu erwartende Konzentration für das Gebiet Nordrhein-Westfalen und zum anderen die zu erwartende Nachfragemacht gegenüber den Verlagen ansprechen. Eine eingehende Prüfung des Bundeskartellamtes könnte große Bedeutung entfalten. Denn es wird über zaghafte Anzeichen gemunkelt, einige Verlage könnten sich dem Befehlsempfang aus der Konzernzentrale doch widersetzen – aber nicht weil die Verlagsleiter so mutig wären, sondern weil sie wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand stehen.

In Sachen des Zwischenbuchhändlers erleben wir zwar eine Atempause, in der (fast) alles so läuft wie gewohnt, aber das böse Erwachen wird mit dem Auslaufen des Insolvenzgeldes kommen. Es muss jedem klar sein, dass ab Anfang Mai nichts mehr so bleiben wird wie es war. Wer immer übernimmt oder Geld einbringt, wird angesichts der gigantischen Verschuldungsdimensionen fundamentale Veränderungen vornehmen müssen. Ein eiserner Besen wird fegen – mit Folgewirkungen für zahllose Buchhandlungen und Verlage. Zieht Euch warm an, denn die Schimäre Branchenharmonie wird Euch nicht wärmen.

 

Mehr Traute, den Branchenriesen entgegenzutreten

Was der buchhändlerische Teil wirklich bräuchte, wäre ein effektiver, schlagkräftiger und verlässlicher Verbund – die Zeit der netten einvernehmlichen Gesprächskreise ist abgelaufen. Wir sind mittlerweile die einzige Branche, in der es keinen solchen Zusammenschluss gibt. Leider ist niemand in Sicht, der ein solches Projekt beginnen würde – oder? Was der verlegerische Teil wirklich bräuchte, wäre die Traute, den Branchenriesen nicht nur zu widerstehen, sondern ihnen von vornherein offensiv entgegenzutreten. Frei nach dem Motto: Glaubt bloß nicht, dass ihr uns nach dieser oder der nächsten Fusion vielleicht im Südwesten erhöhte Konditionen aufzwingen könnt.

Als es vor vielen Jahren darum ging, Buchhandlungen, die sich verbesserte Konditionen verschafft hatten, zu zügeln, konnten sich alle großen Verlage im Handumdrehen auf Kündigung der Verträge einigen. Warum soll eine solche konzertierte Aktion nicht auch in der anderen Richtung möglich sein? Wenn zudem noch die Anerkenntnis, dass die vielen unabhängigen Buchhandlungen ein verlässlicher und vertrauenswürdiger Partner auf Dauer sind, mitsamt wirtschaftlicher Untermauerung folgen würde, dann – und nur dann – könnten neue, produktive Formen des Miteinanders in der Branche wachsen. Und nur in solchem Miteinander können wir die größte aller Herausforderungen angehen, die über unser aller Zukunft entscheiden wird – die Krise des vertieften Lesens bei den nachwachsenden Generationen.

Kommentare

2 Kommentare zu "»Statt Harmonie widerstreitende Interessen offen austragen«"

  1. Otger Jeske; I.P. Verlag | 24. März 2019 um 18:27 | Antworten

    Ein, zwei Prozent sind unter den gegebenen Umständen die kurz- und vielleicht auch mittelfristig bessere Option. Unsere Erfahrungen mit den Buchhändlern aus den letzten über 20 Jahren sind negativ. Ich will nicht alle verdammen, nein, weit über 50% haben immer fristgemäß gezahlt. Der Rest teilte sich dann auf die erste, die zweite, die dritte Mahnung auf und ein deutlicher Anteil hielt es nicht für nötig auch nur irgendwann zu bezahlen und ging irgendwann dann auch noch in die Insolvenz. Nicht existenzgefährdend. Aber extrem nervig und teuer. Jedes Mahnschreiben will erstellt werden und die Post will auch Geld haben. Unde wegen geringer Beträge sich mit Insolvenzrecht beschäftigen zu müssen und Forderungen zur Tabelle anzumelden und wieder diverses Porto an den Insolvenzverwalter verschwenden zu müssen, damit es dann zum allerüberwiegendsten Teil nach Jahren eine Quote von 0% gibt … Und selbst bei den üblichen 3-5% ist das oftmals nicht mehr als eine Portoaussendung.
    Wir sind ganz klar Freunde des Barsortiments. Wesentlich weniger Arbeit und in der Regel fristgerechte Zahlung, da der Buchhandel hier im eigenen Interesse sich wohl kaum die Blößen gibt, die er unfairer- oder schlampigerweise bei gerade kleineren Verlagen an den Tag zu legen pflegt.
    Was heißt hier also Marktmacht aufbauen? Wer soll welche Marktmacht aufbauen? Ein externer Dienstleister wie Libri, KNV oder auch Umbreit ist wesentlich unproblematischer, weil die keine direkte Konkurrenz sind, wo jeder Beteiligte dann eventuell den verdacht hat, er werde hier zugunsten anderer übervorteilt. Und das der kleine Buchhandel keine Edeka-System geschaffen hat, um mit größeren Ketten mithalten zu können, hat wohl auch seine Gründe.
    Da ist der Kern des Artikels mit den widerstreitenden Interessen auch die eigentliche Botschaft: jeder permanet für sich selbst. Das ist die Realität. Die Harmonie hat es nie gegeben, das sind nichts weiter als Lippenbekenntnisse.

  2. Da sind ganz viele richtige Ansätze zu lesen, die endlich öffentlich ausgesprochen werden. Das sollte mal „Wellen schlagen“,

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