So helfen junge Leserinnen, Ihr Sortiment zu gestalten

Viele Indie-Buchhändler setzen in den USA auf Teenager-Beiräte. Die Jugendlichen lesen und helfen dem Einkauf für die junge Zielgruppe. Die Buchempfehlungen des Beirats führen häufig zu größerer Nachfrage.

Wer die Erfolgsrezepte erfolgreicher unabhängiger Buchhändler in den USA studiert, stößt neben einer üppigen Kinderbuchabteilung fast immer auch auf ein überdurchschnittlich großes und bestens gepflegtes Jugendbuchsortiment. Was in den Regalen steht und auf Büchertischen beworben wird, ist handverlesen – mit sehr viel Input von der Zielgruppe selbst.

Bücher verbinden: Viele Mitglieder von „The Insiders“ in Corte Madera (Foto) kannten sich nicht, bevor sie Mitglied des Teen-Beirats von Book Passage wurden. Inzwischen sind daraus teilweise enge Freundschaften entstanden. (Foto: Claire Doornbos)

Das Konzept lohnt den Blick, weil es auch auf hiesige Buchhandlungen übertragbar ist. Um näher an den jungen Lesern zu sein, setzen jenseits des Atlantiks immer mehr Indie-Buchhändler mit sogenannten „Teen Advisory Boards“ (TAB) auf die aktive Unterstützung durch Teenager. Einer der ersten war Boulder Book Store in der Stadt Boulder im US-Bundesstaat Colorado, dessen Teen-Beirat kürzlich seinen 10. Geburtstag gefeiert hat. Marketingleiterin Stephanie Schindholm: „Die Jugendlichen bringen mit ihren Ideen frischen Wind in die Abteilung.“

Und nicht nur das. Die Teen-Beiräte bescheren den Buchhandlungen auch handfeste Vorteile. „Was weiß ich als Mutter von erwachsenen Kindern schon über die Lesevorlieben der Teens von heute?“, sagt Claire Doornbos, die bei Books Pas­sage in Corte Madera, Kalifornien, für die Jugendbuchabteilung zuständig ist. Seit sie vor zwei Jahren „The Insiders“ angestoßen hat, „führen wir die Bücher, die von der Zielgruppe tatsächlich auch gelesen werden und nicht die, von denen wir glauben, dass sie sich verkaufen lassen.“

Der zwölfköpfige Beirat hilft Doornbos und ihren Kolleginnen vom Einkauf mit seinen Buchempfehlungen und Anregungen aktiv dabei, das Sortiment maßzuschneidern: „Die Jugendlichen schärfen unseren Blick für die Bücher, die wir bestellen. Sie sind unglaublich belesen, Lesefreaks sozusagen.“ Das führt nicht nur in Corte Madera, sondern in allen Buchhandlungen mit Beirat zu messbar stärkerer Nachfrage und auch weniger Remittenden.

„The Insiders“ ist typisch für ein Teen Advisory Board: Bei den zwölf Mitgliedern im Alter zwischen 13 und 18 Jahren handelt es sich ausnahmslos um Mädchen, die einmal im Monat für rund eine Stunde sonntagnachmittags zusammenkommen. Niemand schaut auf die Uhr, manchmal verquatscht sich die Runde und sitzt viel länger zusammen. Jungens sind nicht nur in Corte Madera, sondern in so ziemlich allen TABs im Land selten anzutreffen.

Teenager sorgen für Mundpropaganda

Wie gut die Vorgabe funktioniert, zeigt sich daran, dass die Kunden von morgen an den Wochenenden gerne privat in die Buchhandlung kommen und häufig Eltern oder Freunde mitbringen. „Niemand ist besser darin, Bücher weiterzuempfehlen, die ihnen gefallen, als unsere Jugend­lichen“, sagt Len Vlahos, der mit seiner Frau Kristen Gilligan vor vier Jahren die Indie-Ikone Tattered Cover in Denver, Colorado, übernommen hat. „Über sie erreichen wir andere Jugendliche und Erwachsene, an die wir sonst kaum herankommen.“

Tattered Cover hat gleich zwei Teen-­Beiräte, einen im Haupthaus in Colfax, den Vlahos und Gilligan „geerbt“ haben, und einen in der Filiale in Aspen Grove. Letzteren hat Gilligan 2016 ins Leben gerufen. Zum ersten Treffen kamen damals fünf Jugendliche, heute zählt Aspen Grove über 50 Mitglieder, darunter sogar eine Handvoll Jungen. Vlahos: „Der Input der Jugendlichen ist beeindruckend, ihre Begeisterung ansteckend.“

Nicht nur in Denver ist die Fluktuation gering. Der überwiegende Teil der Teenager bleibt mehrere Jahre dabei, sagt Boulder-Buchhändlerin Schindholm. Ältere Mitglieder steigen, wenn überhaupt, nur aus, weil sie vor ihrem Abschluss mehr für die Schule tun müssen. Vlahos weiß von vielen ehemaligen Mitgliedern, die ihre Nachfolger/in selbst in die Gruppe gebracht haben.

Engagierter Input: Das Teen Advisory Boad von Boulder Bookstore hat kürzlich seinen 10. Geburtstag gefeiert. Für die Teilnahme gibt es zwar eine Warteliste, aber die Buchhandlung wirbt auch mit einem Flyer und auf ihrer Homepage für die Gruppe. (Foto: Boulder)

Viele bleiben „ihrer“ Buchhandlung auch dann treu, wenn sie aufs College gehen. In Boulder hat es schon das eine oder andere Ehemaligentreffen gegeben, sagt Schindholm. Und Claire Doornbos, die vor ihrem Wechsel zu Book Passage bei Diesel-A-Bookstore in Malibu gearbeitet und auch dort eine TAB-Gruppe betreut hat, weiß von zwei ehemaligen Beiratsmitgliedern, die heute als Buchhändlerinnen bei Diesel arbeiten.

Win-Win für alle Beteiligten

Für Doornbos ist das Advisory Board eine „klassische Win-Win-Situation“ für alle Beteiligten, denn natürlich profitieren auch die Jugendlichen von ihrem Engagement. Besonders beliebt ist der kostenlose Lesestoff: Bei den monatlichen Treffen haben die Mitglieder freien Zugriff auf die Lese­exemplare, die US-Verlage gerade im Jugendbuchbereich sehr großzügig verschicken: „Bücher früher als andere lesen zu können, ist eine großartige Motivation.“

Im Gegenzug schreiben die Jugendlichen kurze Buchbesprechungen, die dann in der Abteilung oder im Online-Shop zu den Titeln gestellt werden, sobald diese erscheinen. Weil die Mitglieder „kritisch und sehr ehrlich“ lesen, kommt es gelegentlich auch zu Verrissen. Negatives Feedback fällt nicht unter den Tisch, sondern wird direkt an den Verlag weitergegeben. Meistens wird außerdem eine zweite Meinung eingeholt. Fällt diese ebenfalls schlecht aus, wird der entsprechende Titel entweder gar nicht oder nur in einer Kleinstmenge geordert.

Die Einbindung der Teen-Beiräte in die Buchhandlungen variiert. Wie ein gutes TAB über Buchempfehlungen hinaus aufgestellt werden kann, zeigt das Beispiel von Tattered Cover, an dem sich mittlerweile andere Indie-Händler orientieren:

  • Das monatliche Treffen wird häufig durch Gäste aufgewertet. Eingeladen werden beispielsweise Autoren, aber auch Literaturagenten und Verleger, die gemeinsam mit den Jugendlichen über Bücher und die Buchbranche diskutieren.
  • Bei der von der Buchhandlung einmal im Jahr organisierten Teen Book Con werden die teilnehmenden Autoren von TAB-Mitgliedern begleitet und betreut.
  • Die Mitglieder sind in die Planung und Vorbereitung der alle zwei Jahre stattfindenden Harry-Potter-Party einbezogen, die in Denver bei Teenagern und Erwachsenen inzwischen Kult ist.
  • Beide Teen-Beiräte haben ihre eigenen Schreibgruppen aufgebaut, die sich ebenfalls einmal im Monat treffen; auch hier sind regelmäßig Jugendbuchautoren dabei, um Tipps zu geben.

Einer der bekanntesten Jugendbeiräte in den USA ist „Teen Press Corps“ von BookPeople in Austin, Texas. Megan Dietsche Goel, die nicht nur für das Kinder- und Jugendbuch, sondern auch für das extensive Veranstaltungsprogramm der 4000-qm-Buchhandlung zuständig ist, hat die Gruppe 2010 gegründet. Die 12 bis 14 Mitglieder haben sich im Laufe der Jahre einen großen Freiraum erarbeitet:

  • Über Buchempfehlungen und Autoreninterviews hinaus schreiben sie Meinungsbeiträge, die sie in einem eigenen Blog auf der BookPeople-Homepage, oft aber auch in lokalen Medien veröffentlichen.
  • Einmal im Monat wählen sie ein Jugendbuch des Monats, das im Laden und online intensiv beworben wird.
  • Das Press Corps begleitet inzwischen nicht mehr nur die Events der Buchhandlung für junge Leser, sondern ist aktiv in viele literarische Veranstaltungen von BookPeople eingebunden.

Anja Sieg  sieg@buchreport.de

Teenager-Beiräte – im buchreport.magazin 11/2019

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im buchreport.magazin.

 

Praxis: Wie ein Teen Advisory Board funktioniert

Immer mehr Indie-Buchhändler holen in den USA Teenager ins Boot, um in einem anhaltend starken Jugendbuchmarkt dichter am Geschmack der Zielgruppe zu sein. Die meisten „Teen Advisory Boards“ (TAB) sind ähnlich strukturiert. Nachfolgend eine Übersicht über die wichtigsten Details:

Boulder-Flyer

  • Ein Teen-Beirat hat durchschnittlich zwischen 10 und 20 Mitglieder (es können aber auch mehr sein) im Alter zwischen 13 und 18 Jahren.
  • Mädchen sind deutlich in der Überzahl, Jungen machen nur sehr vereinzelt mit.
  • Die Mitglieder rekrutieren sich überwiegend aus den örtlichen Highschools und werden meistens über die in den USA sehr wichtigen Schul­bibliotheken vermittelt; in Einzelfällen werben Buchhändler auch direkt (s. Abb. Flyer von Boulder).
  • Zwar gilt als generelle Regel, dass ausgeschlossen wird, wer dreimal hintereinander ein Treffen verpasst, aber das kommt nur selten vor.
  • Das Interesse ist fast immer so groß, dass es Wartelisten gibt und frei werdende Plätze sofort wieder besetzt werden können.
  • Wer Mitglied werden will, muss belesen sein und braucht die schrift­liche Zustimmung der Eltern.
  • Der Beirat trifft sich üblicherweise einmal im Monat (meistens an einem Sonntagnachmittag) für rund eine Stunde.
  • Die Buchhandlung stellt Snacks und Getränke.
  • Unter allen Mitgliedern werden regelmäßig Leseexemplare verteilt.
  • Im Gegenzug liefern die Teenager für jedes Treffen einen sogenannten „Shelftalker“, eine kurze handschriftliche Annotation des Titels, wie sie auch in Deutschland von Buchhändlern platziert werden.
  • Viele Buchhandlungen reservieren für Empfehlungen und Lieblings­bücher der Mitglieder ein eigenes Regal in der Jugendbuchabteilung.
  • Die Buchempfehlungen werden auch in den Online-Shops der Buchhandlung eingestellt.
  • Die Teenager helfen bei der Vorbereitung von Veranstaltungen mit Jugendbuchautoren in der Buchhandlung oder in Schulen; mit zunehmender Erfahrung organisieren sie diese auch weitgehend selbstständig.
  • Den Jugendlichen wird auch ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Autoren eingeräumt.
  • Sie betreuen diese Autoren während des Besuchs und führen Interviews, die dann online gestellt werden.
  • Wenn sie selbst Bücher kaufen, erhalten die Teenager in vielen, aber nicht allen Buchhandlungen Mitarbeiterrabatt.
  • Damit Mitglieder und betreuende Buchhändler untereinander in Kontakt bleiben können, haben viele Läden eine geschlossene Facebook-Seite für ihr Teen Advisory Board eingerichtet.
  • Einige Buchhandlungen bieten den Beiratsmitgliedern an, quasi als Praktikum gelegentlich in der Jugendbuchabteilung mitzuarbeiten.

Kommentare

Kommentar hinterlassen zu "So helfen junge Leserinnen, Ihr Sortiment zu gestalten"

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Mit dem Abschicken des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre Daten elektronisch gespeichert werden. Diese Einverständniserklärung können Sie jederzeit gegenüber der Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien-GmbH & Co. KG widerrufen. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutz-Richtlinien

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*

Dossier

Aktuelles aus dem Handel

  • Pläne für das Bundesgesetzblatt: Digital und in öffentlicher Hand  …mehr
  • Strukturwandel im Pressevertrieb setzt sich fort  …mehr

  • SPIEGEL-Bestseller im Blick

    Der SPIEGEL-Bestseller-Newsletter gibt Ihnen jede Woche kostenlos einen Überblick zu den Aufsteigern der neuen SPIEGEL-Bestsellerlisten.

    » Melden Sie sich hier kostenlos an.

    Wollen Sie sich darüber hinaus schon vorab und detailliert über die Toptitel von morgen informieren, um frühzeitig disponieren zu können?

    » Bestellen Sie das SPIEGEL Bestseller-Barometer ab 8 Euro pro Monat.

    Wenn Sie die SPIEGEL-Bestesellerlisten z.B. in Ihren Geschäftsräumen präsentieren wollen oder online in Ihren Web-Auftritt integrieren möchten, hat buchreport weitere Angebote für Sie.

    » Weitere Angebote zu den SPIEGEL-Bestsellerlisten