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So geht Brainstorming im Verlag

Das Brainstorming zählt zu den beliebtesten Kreativmethoden – auch in der Buchbranche. Doch nicht immer laufen die Kreativ-Meetings wie gewünscht. Meist liegt der Misserfolg weniger am mangelnden Hirnschmalz der Beteiligten als an einer gewissen Unkenntnis der Methode: Wie soll so ein Brainstorming ablaufen? Wer nimmt teil? Und was passiert dann?

Mit den Antworten auf folgende fünf Fragen, die vor jedem Brainstorming geklärt sein sollten, steigen Effizienz, Output und Spaß, ist Gerdt Fehrle überzeugt. Er ist studierter Germanist und Philosoph, Buchautor („Wie Großvater den Krieg verlor“, „Der Fall von Paris“), Verleger (Glockenbach-Verlag, Ero-Verlag) und Kommunikations-Experte (Prospero PR).

 

Gerdt Fehrle (Foto: Prospero)

Gerdt Fehrle (Foto: Prospero)

Frage 1: Wann und wie lange?

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Brainstorming? Faustregel: So früh im Projektablauf wie möglich. Trommeln Sie Lektorat oder Marketing-Team zusammen, sobald die Aufgabenstellung klar ist. Steht eine neue Kampagne an? Dämmert schon die nächste Messe am Horizont? Gilt es den Titel zu einem künftigen Bestseller zu finden? Je früher das Brainstorming stattfindet, desto freier können die Gedanken fließen, da noch kaum Entscheidungen gefallen sind.

Die Frage nach der Länge von Brainstormings hängt von der Komplexität der Aufgabenstellung ab. Prinzipiell gilt die Regel, dass ein Brainstorming einen gewissen zeitlichen Rahmen benötigt. Also genug Raum, damit Ideen sich entfalten können. Aber auch ein klar gesetztes Limit, das zum kreativen Output ermuntert. Ideen müssen entstehen, brauchen Zeit zum Wachsen und Landen. Daher sollte auch für kleine, überschaubare Themen ein Zeitfenster von 30 Minuten eingeplant werden. Eine umfassende Verlags- oder Marketingstrategie zu brainstormen kann dagegen mehrere Stunden oder gar einige Brainstorming-Runden in Anspruch nehmen. Hier unbedingt auf genügend Pausen achten. Oder aber die Teilthemen auf mehrere Tage splitten. Und den klar kommunizierten Endpunkt inklusive Ergebnissicherung nach jedem Meeting nicht vergessen.

Tipp: Der Organisator sollte sich bereits im Vorfeld überlegen, welche und wie viele „Happen“ realistisch in der veranschlagten Zeit vom Team zu meistern sind. Ein versiertes Verlagsteam stemmt sicher fünf bis zehn richtig griffige Titelfindungen in einer oder in zwei Stunden. Dann flacht die Kreativität für gewöhnlich ab.

 

Frage 2: Wo soll das Brainstorming stattfinden?

In der Regel finden Brainstormings online oder im Konferenzraum statt. Beide Orte sind hierfür aber nicht besonders gut geeignet:

  • Virtuelle Räume sind keine gute Wahl, da sie zweidimensional sind. Sie können nicht den Flow erzeugen, der entsteht, wenn Menschen live zusammenkommen. Die Faktoren „Spiel & Spaß“, das kreative Blödeln, das Brainstormings so erfolgreich macht, lassen sich aller aktuellen Online-Euphorie zum Trotz digital nur schwer erzeugen.
  • Konferenzräume sind meistens sehr nüchtern und funktional gestaltet. Oft genug herrscht in ihnen auch noch so etwas wie eine „Atmosphäre der Macht“. Für Kreativ-Runden ist das ebenso wenig förderlich wie die Zweidimensionalität des digitalen Raums.

Was also tun? Für Online-Meetings gibt es inzwischen natürlich Tools wie zum Beispiel Mural. Mit diesen Tools lassen sich kreative Prozesse zumindest nachbilden – mit zum Teil beachtlichen Ergebnissen.

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Für den Konferenzraum gilt: Dekorieren Sie! Schaffen Sie eine stimulierende Atmosphäre. Legen Sie Produkte, etwa erfolgreiche Vorgängertitel der Autorinnen und Autoren, themennahe oder konträre Titel oder Zeitschriften zum Anfassen aus. Poster und Bilder von Recherchen versetzen die Kreativen in die richtige Stimmung. Flipcharts und Magnetwände, an die Moderatorenkarten geheftet werden können, dienen zur sofortigen Visualisierung der Ergebnisse. Während des Meetings haben dann alle Beteiligten Zugriff auf die bereits gesammelten Geistesblitze. Ideen lassen sich so weiterentwickeln oder auch miteinander kombinieren.

 

Frage 3: Wer nimmt am Brainstorming teil?

Macht es einen großen Unterschied, wer an einem Brainstorming teilnimmt? Ja, sagt der Soziologe Brian Uzzi. Der Wissenschaftler erforschte die Zusammensetzung kreativer Gruppen und stieß dabei auf ein wiederkehrendes Phänomen. Er nannte es den Q-Faktor.

Besonders erfolgreiche kreative Gruppen bestehen aus einem kleinen, vertrauten Team, das genau zur jeweiligen Aufgabe passt. Das sind etwa die eng zusammenarbeitenden Lektorinnen und Lektoren des Verlags. Dieser Kern wird um etwa doppelt so viele Kolleginnen, Kollegen und auch Externe ergänzt. Sie treten frisch an das Thema oder die Fragestellung heran. Mögliche Kandidaten sind der unerfahrene Praktikant, die langjährige Mitarbeiterin aus einem anderen Arbeitsbereich oder auch die PR-Beraterin der beauftragten Agentur. Weniger geeignet ist der ungeduldig auf Ergebnisse wartende patriarchale Verleger-Typ oder der nur am Umsatz interessierte Verlags-Manager. Für sie heißt es: Wir müssen leider draußen bleiben!

Motivations-Tipp: Verschicken Sie keine schlichte Outlook-Einladung oder Termin-Mail. Geben Sie sich etwas Mühe bei der Einladung und ergänzen Sie diese um ein paar spannende Fragen, die bereits vorab zum Nachdenken anregen. Das zeigt Wertschätzung, steigert die Vorfreude, und vor allem beginnen die Gehirne schon mal, sich warmzulaufen.

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Frage 4: Wer übernimmt welche Aufgabe?

Auch in einem kreativen Brainstorming gibt es Rollen. Die Kreativrunde sollte so frei wie nur möglich arbeiten können. Die Kreativen lassen ihre Ideen fließen. Sie haben die Zeit nicht im Blick, während sie versuchen, gedankliche Schranken zu überwinden. Damit sie das auch sorglos und ergebnisoffen tun können, gibt es noch die Rolle des Kreativdirektors. Dieser lädt auch zum Brainstorming ein, ist Moderator des Meetings und schafft ideale Rahmenbedingungen für die kreative Gruppe. In agilen Strukturen haben diese Personen in etwa die Rolle des Scrum-Masters.

 

Frage 5: Wie läuft das Brainstorming konkret ab?

Jetzt wird es ernst. Das Brainstorming beginnt. Der Kreativdirektor oder die Kreativdirektorin eröffnet das Meeting. Er oder sie stellt die Aufgabe vor und nennt alle entscheidenden Aspekte, die für die Teilnehmer von Relevanz sind. Anschließend findet eine kurze Vordiskussion statt. Diese Phase heißt „Norming“ und sollte ca. 10% der Gesamtzeit einnehmen.

Es folgt das „Storming“. Hier arbeiten alle Teilnehmer mithilfe verschiedener Kreativtechniken an den Ideen für die zuvor vorgestellte Aufgabe. Für diese Phase sollte mindestens 70% der Zeit eingeplant werden, da hier der kreative Prozess stattfindet und die Lösungen entwickelt werden.

Für die letzte Phase, das „Forming“, bleiben noch knapp 20% der Zeit. Die Gruppe sichtet gemeinsam die erarbeiteten Ergebnisse, bewertet sie und bringt sie in eine Ordnung. Der Sturm ist sozusagen vorbei und es wird aufgeräumt.

Hat das eigentliche Meeting noch nicht die Ziele erreicht, die sich das Team gesetzt hat, ist das noch lange kein Grund zum Verzweifeln. Bis zum nächsten Brainstorming gilt nämlich im Kopf der Beteiligten die www-Regel: warten – wirken lassen – weitermachen. Das Unterbewusstsein übernimmt – und liefert im Nachgang oft wunderbare Ergebnisse.

Kreativ-Tipp: Für etwas enger gefasste Aufgabenstellungen im Verlag, etwa die Auswahl eines passenden Cover-Fotos, empfiehlt sich das ‚Falsifizierungs-Brainstorming‘: Alle zur Auswahl stehenden Fotos werden auf einem großen Arbeitstisch ausgebreitet. Entgegen der sonstigen Vorgehensweise sucht das Kreativ-Team nicht nach neuen Ideen, sondern sortiert das Vorhandene im Konsens aus. Zuerst die am wenigsten attraktiven, dann die weniger guten – so lange, bis nur noch drei, zwei oder im Idealfall ein Vorschlag übrigbleibt. Bleiben zuletzt drei oder zwei Favoriten auf dem Tisch liegen, entscheidet der oder die Hauptverantwortliche. Ganz im Gegensatz zum sonstigen Brainstorming, in dem die eiserne Regel gilt, Ideen aus der Kreativ-Runde nicht zu bewerten, verhält es sich beim „Falsifizierungs-Brainstorming“ eben auch diesbezüglich genau umgekehrt. Was durchaus auch seinen Reiz hat.

 

Fazit

Das Brainstorming ist ein sehr effektives Tool, um schnell und kreativ im Team Lösungen zu erarbeiten. Der Spaß, den das Team beim „Stormen“ hat, ist dabei genauso wichtig wie gute Planung, strukturierte Umsetzung und konsequente Ergebnissicherung. Let’s do it!

 

Kreativitätstechniken Teil 1: Wie Sie neue Ideen im Team entwickeln

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