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Eindeutige Regieanweisungen für alle Formate und Kanäle

Die XML-Kodierung ist zunehmend auch in Publikumsverlagen angesagt. Matthias Kraus ist Gründer und Geschäftsführer des Softwarehauses Xpublisher, das auf XML-Redaktionssysteme spezialisiert ist. Er erläutert im Channel Produktion und Prozesse auf buchreport.de die Vorteile des Einsatzes medienneutraler strukturierter Daten, auch mit Blick auf künftige Anforderungen zur Barrierefreiheit.

 

Matthias Kraus (41) ist Gründer und Geschäftsführer der Xpublisher GmbH. Seit 2001 berät er zahlreiche, auch internationale Unternehmen und Organisationen aus Verlagswesen, Luft- und Raumfahrt, Technologie, Bildung, der öffentlichen Verwaltung und weiteren Branchen im Bereich des Multichannel-Publishings und begleitet sie auf dem Weg in die Digitalisierung. (Foto: XPublisher)

Viele Verlagshersteller halten XML für überflüssig. Warum haben sie unrecht?

Unsere Überzeugung ist, dass gerade Verlage von XML profitieren. Inhalte mit herkömmlichen Textverarbeitungsprogrammen zu erstellen und anschließend in unterschiedliche Kanäle zu distribuieren, ist sehr aufwendig und fehleranfällig. Denn derselbe Inhalt muss für jeden Kanal und für jedes Format manuell neu aufbereitet werden. XML dagegen trennt Struktur, Inhalt und Darstellung. Das ermöglicht die unterschiedliche Darstellung des gleichen Inhalts ohne die Änderung des XML-Dokuments. Verlage können ihre Inhalte also ganz einfach und automatisiert publizieren.

Was für Bewegungen und Trends haben Sie in 20 Jahren XML gesehen?

Die wohl größte Veränderung betrifft den Umgang mit XML. Verlage erkennen das Potenzial und sehen darin die Chance, ihre Dokumentenerstellung und -distribution zu automatisieren und sich damit insgesamt effizienter und digitaler aufzustellen. Zudem ist die Arbeit mit XML einfacher geworden. Konnten früher nur technisch versierte Autoren mit XML arbeiten, bieten XML-Editoren heutzutage oft zusätzlich eine intuitive, Word-ähnliche Oberfläche.

XML galt lange als Technologie für Fachverlage. Und tatsächlich ist in der Belletristik und im Sachbuch das Desktop-Publishing so simpel geworden, dass „Küchentisch-Setzer“ ihre Dienstleistung auf Basis von InDesign billigst anbieten. Auch E-Book-Konvertierung ist für kleines Geld zu haben. Lohnt dort überhaupt der ganze teure Zauber mitDokumenttypdefinitionen (DTD) und Co.?

Natürlich – das Schlüsselwort hier lautet Qualität. Heutzutage reicht es nicht aus, Inhalte nur für die Ausleitung in einen Kanal aufzubereiten. Auch bei Belletristik und Sachbuch steigt der Bedarf an Wiederverwendung von Inhalten oder deren Zusammensetzung zu neuen Produkten, beispielsweise Verlagsvorschauen. Dies muss hoch automatisiert und mit identisch hoher Qualität erfolgen.

Die Sicherstellung der Barrierefreiheit von PDFs und E-Books wird bald gesetzliche Vorschrift sein. Um in diesen Punkten mithalten zu können, müssen Unternehmen jeder Branche auf eine konsequente Strukturierung ihrer Inhalte setzen. Davon gehen auch Forrester-Analysten aus. Die Basis dafür bildet XML.

Viele Verlage stellen ihren Autoren komplexe Word-Vorlagen zur Verfügung, in die diese hineinschreiben müssen, und setzen aufwendige Word-Konverter ein. Ein Irrweg?

Komplexe Word-Vorlagen geben dem Autor lediglich Handlungsempfehlungen. Diese Formatierungen sind nur für das menschliche Auge, nicht aber für Maschinen, Computer oder Software lesbar. Für eine Weiterverarbeitung und Wiederverwendung der Inhalte sind sie daher kaum geeignet. XML-Editoren dagegen stellen sicher, dass ihre Vorgaben beim Schreiben eingehalten werden. Regieanweisungen unterstützen die Nutzer. Dies garantiert, dass der erstellte Content stets gemäß dem hinterlegten Regelwerk valide ist. Dazu braucht es XML, das Content nicht mit Formatierungen, sondern mit Semantik speichert. Die strukturierte Auszeichnung im Hintergrund macht die Inhalte maschinenlesbar und in Folge für eine Vielzahl von Kanälen wiederverwendbar.

Braucht jeder Verlag eigene DTDs?

Insbesondere unter den großen Verlagen gibt es viele, die ihre eigene DTD bzw. XML-Schemas entwickelt haben. Andere bevorzugen Standard-DTDs oder XSDs, mit denen sie sehr gut arbeiten.

Wo halten Sie PrintCSS für eine relevante Technologie?

Insbesondere bei textintensiven Publikationen wie belletristischen Werken ist PrintCSS die geeignete Lösung, um druckfertige PDFs zu erstellen. Für sehr layoutintensive Produkte wie Zeitschriften und Magazine bietet sich dagegen Adobe InDesign an.

Experten haben crossmediales Publizieren eine strategische Überlebensfrage für die Verlage genannt. Würden Sie dies unterschreiben?

Die Digitalisierung verändert die Medienlandschaft grundlegend und bietet dabei enormes Potenzial für Verlage. Über eine Vielzahl von neuen Kanälen gelangen Inhalte einfach und direkt zum Leser. Gleichzeitig stellt dies Medienunternehmen vor große Herausforderungen. Sie müssen ihren Content für die Distribution in verschiedenen Formaten aufbereiten und anschließend für die jeweilige Zielgruppe auf unterschiedlichen Plattformen publizieren.

Dieser Herausforderung begegnen Verlage am besten mit einer „Content First“-Strategie. Dabei liegt der Fokus nicht auf dem Medium per se, sondern auf der medienneutralen Erstellung der Inhalte.

Wie viele der deutschsprachigen Verlage, die sich von ihrer Größe, Programmstruktur und Zielgruppenausrichtung her für XML-Workflows qualifizieren, setzen bereits XML ein?

Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Im Frühjahr 2021 haben wir gemeinsam mit einem Medienpartner 130 Verlage nach ihrer Zweitverwertung von Inhalten befragt. Und tatsächlich gab über die Hälfte an, dass sie eine strukturierte Aufbereitung zwar als essenziell betrachtet, diese aber noch mit viel Aufwand verbunden ist. XML-Workflows würden hier also an genau der richtigen Stelle ansetzen.

Der Channel Produktion & Prozesse

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Xpublisher positioniert sich auch international. Wie weit ist das deutschsprachige Publishing im Vergleich zum englischsprachigen, wenn es um Crossmedia geht?

Wir sehen, dass Verlage im US-Markt stärker auf Standards vertrauen als deutsche Verlage. Die Automatisierung ist dort schon weiter vorangeschritten als bei uns. Das merken wir auch in unserer täglichen Arbeit mit unseren internationalen Kunden.

Unter Ihren Kunden haben Sie nicht nur „hauptamtliche“ Verlage – also solche, die leben, um zu publizieren. Was sind das für Kunden und inwieweit könnten Verlage von ihnen lernen?

Bei unseren Kunden, die im Bereich der technischen Dokumentation tätig sind, sind XML-Inhalte bereits weitestgehend Standard. Strukturierte Inhalte bilden dabei die Grundlage für einen reibungslosen Arbeitsablauf während des gesamten Veröffentlichungsprozesses. Denn gerade im Bereich der technischen Dokumentation werden Inhalte immer wieder verwendet und neu zusammengesetzt. Auch Verlage profitieren, wie ich oben gezeigt habe, von einer strukturierten Erstellung ihrer Inhalte. Mit dem richtigen System geht das genauso intuitiv wie mit Word.

Werden wir in 25 Jahren überhaupt noch in Büchern lesen oder werden die großen Content- und Vernetzungsplattformen uns schon längst an so etwas wie ein „Netflix für Inhalte“ gewöhnt haben?

Ich bin davon überzeugt, dass wir noch weitere Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung sehen werden – ob in Form neuer Kanäle oder neuer Systeme. Gleichzeitig bin ich mir sicher, dass das Buch niemals verschwinden wird. Ob Print oder Online, der Wunsch, Inhalte nicht nur in Bildern, sondern in Wörtern zu konsumieren, wird bestehen bleiben.

Die Fragen stellte Michael Lemster, lemster@buchreport.de

 

Glossar

  • DTD: Dokumenttypdefinition (DTD) ist die Spezifikation aller Strukturen, die in einer bestimmten Art von Dokument vorkomm­en dürfen.
  • XSD: XML Schema (XSD) ist die Spezifikation von Strukturen für XML-­Dokumente.
  • XML: eXtensible Markup Language (XML) ist die Auszeichnungssprache zur Darstellung hierarchischer Daten im Format einer Textdatei. Die sowohl von Menschen als auch von Maschinen lesbar ist.
  • PrintCSS: PrintCSS ist eine Methode zur Erstellung von PDF-Dokumenten unter Verwendung von XML/HTML als Eingabe und CSS für die Gestaltung.

 

Quelle

 

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