E-Books: Was Leser wollen

Fabian Kern. Foto: Harald Henzler.

Fabian Kern ist Berater, Projektmanager und Trainer für Digitales Publizieren. Foto: Harald Henzler.

Wenn Verleger von Büchern reden, meinen sie meist gedruckte Medien. Die Produktion von E-Books übertragen sie oft Dienstleistern. Wie behalten sie dennoch den Daumen auf der Produktqualität? Worauf kommt es an?

Gute E-Books gefallen Händlern und Lesern. Sie „funktionieren“ in Katalogen und großen Content-Repositorien, lassen sich weiterverarbeiten und erlauben dem Verbraucher Inhaltsdarstellung und -erschließung auf digitalen Devices verschiedenster Typen und Fabrikate. Auf der Basis von fast zwei Jahrzehnten Erfahrung mit E-Publishing fasst Fabian Kern in einer Serie im Prozesschannel von buchreport.de zusammen, was Führungskräfte bereichsübergreifend über Qualitäts-Standards für das digitale Lesen wissen müssen. Im ersten Teil ging es um Qualität aus der Sicht der Händler und Aggregatoren. Im zweiten Teil geht es darum, wann Leser von einem technisch guten E-Book sprechen. 

Im ersten Teil unseres Artikels zu den Qualitätsstandards für das digitale Lesen hatten wir vor allem die Händler-Perspektive betrachtet: Während für die E-Book-Marktplätze vor allem technische Kriterien im Sinne einheitlicher und verlässlicher Dateistrukturen eine Rolle spielen, ist die Perspektive der Kunden und Leser eine gänzlich unterschiedliche. Die Erwartungshaltung von Lesern besteht natürlicherweise in möglichst optimaler Zugänglichkeit, Lesbarkeit und Usability. Kunden sind es mittlerweile gewohnt, digitales Lesen quer über die verschiedensten Hard- und Software-Plattformen hinweg zu praktizieren und erwarten dafür eine mediengerechte Umsetzung ihrer Inhalte.

Qualitätsansprüche von Lesern: Lesbarkeit und Ästhetik, Usability und Handling

Die Sicht der Leser auf das Thema Qualität-Standards ist sehr viel weniger präzise fassbar als die der Händler: Zum einen artikulieren die wenigsten Leser (wenn sie nicht gleichzeitig auch Teil der Verlagsbranche ist sind) ihre Qualitätsansprüche auf klare und operationalisierbare Weise. Zum anderen gibt es zwar mittlerweile recht gute Studien und Erhebungen über den E-Book-Markt – leider gehen dabei aber die wenigsten über Faktoren wie Nutzungsintensität, Kaufverhalten oder Vorlieben für Genres hinaus und machen auch Usability, Ästhetik oder Funktionalität von E-Books zum Thema.

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Was schätzen Kunden an E-Books und welche Faktoren sind wichtig für das digitale Lesen?

Als eine der besten Informationsquellen für den deutschen E-Book-Markt haben sich in den letzten Jahren die regelmäßig durchgeführten Marktstudien der Bitkom erwiesen. Insbesondere in den Ausgaben von 2014 und 2017 wurden Fragestellungen thematisiert, die sinnvolle Rückschlüsse auf Qualitätsstandards zulassen. Eine weitere interessante Quelle für Nutzungsverhalten im internationalen Markt ist die Studie „How we read digitally?“ von Booknet Canada, die auf der ebookcraft-Konferenz 2018 vorgestellt wurde. Zusammengefasst erlauben diese Studien folgende Schlüsse:

  • Digitales Lesen findet quer über alle Hardware- und Software-Plattformen hinweg statt: Etwa ein Viertel aller E-Book-Nutzer verwendet zur Lektüre mehr als ein einzelnes Gerät. Auch Plattformen wie PC, Notebook und Smartphone sind dabei zentral als Lese-Geräte. Diese Flexibilität wird ermöglicht durch sowohl die Diversität der Lesegeräte, als auch über ein plattformübergreifendes Angebot von Lese-Applikationen. Für die E-Book-Produktion heißt das vor allem: Optimierung von Layout und Funktionen für eine Gerätekategorie oder einen einzelnen Marktplatz ist ein No-Go. E-Books müssen als responsive Medien begriffen werden, die sich eben genau in sehr vielen verschiedenen Umgebungen nutzen lassen müssen. Die Verwendung von hochqualitativen Reflow-Layouts ist dabei Pflicht, entsprechendes Testing und Qualitätssicherung sollte dabei ebenfalls auf allen Plattformen durchgeführt werden.
  • E-Books müssen leicht zu finden sein: Als wesentliche Gründe, warum Leser zum E-Book und nicht zum Print greifen, werden genannt: E-Books stehen jederzeit zur Verfügung und nehmen keinen Platz weg. Sie haben (bis auf das Lesegerät an sich) kein Gewicht mehr und der Leser kann von jedem Ort aus auf sie zugreifen. Neue Lektüre kann schnell und einfach erworben werden. Diese objektiven Nutzen-Faktoren liegen dabei natürlich eher im Medium selbst begründet als in der einzelnen E-Book-Datei und können so von Verlagsanbieter-Seite nur wenig bis gar nicht beeinflusst werden. Sinnvoll wäre es daher, unbedingt darauf zu achten, dass die eigenen Titel möglichst gut den Konventionen für Erschließung, Auffindbarkeit und Usability des jeweiligen E-Book-Anbieters entsprechen – zum Beispiel in Bezug auf Metadaten-Management, Dateigrößen oder Reader-Features. Nur so können die Nutzen-Faktoren, für die zunächst der E-Book-Händler verantwortlich ist, auch in vollem Umfang von den Nutzern ausgeschöpft werden.
  • Schriftgröße und Layoutmerkmale individualisierbar gestalten: Die unter Nutzern mit Abstand am meisten genutzten und geschätzten Features sind dabei die Anpassungsmöglichkeiten für Schriftgrößen und Layout-Merkmale. Erst mit deutlichem Abstand folgen dann Funktionen wie Lesezeichen, Annotationen und Kommentare. Layout-Anpassungen für bessere Lesbarkeit gehen dabei von Einstellungen für Schriftart/Schriftgröße über den Nacht-Modus und andere Themen bis zur Anpassung von Textausrichtung, Farben und Lupen-Funktionen. Für den Content-Anbieter bedeutet das in der Konsequenz, dass Datei-Aufbau und Layouts optimalerweise so gestaltet werden, dass sie sich flexibel allen Einstellungsmöglichkeiten der Nutzer anpassen können. Auch hier heißt die Devise: Responsiver Content ist Trumpf!
  • Inhaltsverzeichnisse und Verweise verlinken: Über das sequentielle Blättern hinaus werden hier insbesondere Funktionen wie der integrierte Table of Content, Suche, Register und Verzeichnisse, aber auch eigene Lesezeichen und interne Verlinkung verwendet. Insbesondere TOC, Suche und Verzeichnisse werden dabei von mehr als 40% der Nutzer verwendet und geschätzt. Suche und Lesezeichen sind dabei natürlich Features, die die Lesesysteme der Händler bereitstellen müssen. Verlags-Anbieter sollten dabei unbedingt darauf achten, dass Content-Zugänge wie Inhaltsverzeichnis, Register und Verlinkungen nicht nur im E-Book vorhanden sind, sondern sich auch in den Lese-Applikationen auf mediengerechte Weise sinnvoll nutzen lassen.
  • Digitales Nutzerverhalten beobachten: Beim sequenziellen Lesen wird nicht nur horizontales Swipen (ähnlich dem Blättern im Buch) benutzt. Daneben werden auch das Tippen auf den Bildschirm, vertikales Scrollen wie im Browser und Blättern mit physischen Buttons mit fast identischen Nutzungszahlen verwendet. Aus dem analogen Lesen gelernte Navigations-Pattern spielen also nicht mehr unbedingt die dominante Rolle, sondern überlagern sich mit Usability-Konzepten aus anderen Digital-Medien. Für Aufbereitung und Design von E-Books spielt dieser Faktor nur noch sehr bedingt eine Rolle, als dies eine Eigenschaft der Lese-Software ist. Diesen Wandel der Nutzungsmuster zu beobachten, wird aber auch in Zukunft spannend bleiben – denn es ist nicht zu erwarten, dass sich das Nutzerverhalten nicht auch weiter entwickeln wird.

Digitale Ästhetik und handwerkliche Herausforderungen für EPUB-Contenterstellung

Das andere große Handlungsfeld für hochwertige Digitalpublikationen ist die Entwicklung einer mediengerechten Gestaltung und Ästhetik. Genau wie in der Print-Typografie geht es hier um Gestaltungsregeln, die der Nutzer in der Regel nur dann bewusst wahrnimmt, wenn sie verletzt werden. Besonders viel Input darf man sich an dieser Stelle insofern von den Kunden nicht erwarten. Unter unseren Kollegen in Webdesign und Web-Entwicklung hat sich die digitale Typografie über die letzten 10 Jahren vielmehr zu einer eigenständigen Gestaltungsdisziplin entwickelt. Viele Erkenntnisse in diesem Bereich lassen sich fast 1:1 auch auf E-Book-Layouts und verwandte Publikationen übertragen und als Grundregeln für hochwertige Layouts verwenden:

  • Layout-Wahrnehmung und optimale Lesbarkeit: Eine Grunderkenntnis der Digital-Typografie ist zunächst, dass Textwahrnehmung auf kognitiver Ebene auf Displays schlicht anders funktioniert als auf Druckseiten. Zusätzlich sind wir auf Geräten wie Smartphones und eReadern immer mit relativ kleinen Displays konfrontiert und können im Grunde nur „Seiten-Miniaturen“ gestalten. Eine zentrale Aufgabe der digitalen Gestaltung ist insofern zunächst, optimale Lesbarkeit auch über längere Textstrecken hinweg sicherzustellen. Wahrscheinlich ist fast jeder Verlag in der E-Book-Gestaltung mit der Maxime „wie im Print“ gestartet – im Detail sehen wir aber mittlerweile die Erkenntnis, dass genau dies kein sinnvoller Weg für eine optimale Digital-Typografie ist.
  • Schriftart-Auswahl für Digital-Publikationen: Zwar hat das Font-Rendering der Lesesysteme in den letzten Jahren dramatische Fortschritte gemacht, dennoch sind viele für Print gängige Schriftarten nicht optimal für die Wahrnehmung auf Displays gestaltet. Inbesondere feingliedrige Serifen-Fonts werden auf dem Bildschirm deutlich anders dargestellt als auf einer Print-Seite und erschweren sogar die Lesbarkeit. Unter den Schrift-Gestaltern haben sich insofern eigene Gestaltungsregeln für bildschirmoptimierte Fonts herausgebildet: Klare Konturen und offene Formen, optimierte Buchstaben-Abstände und klar ausgeprägte x-Höhen, deutlich unterscheidbare Glyphen und prägnante Serifen sind hier die Maxime. Das Ergebnis: Mittlerweile steht eine große Zahl gut ausgebauter und ästhetisch hochwertiger Web-Fonts zur Verfügung. Das Feld reicht hier von Eigenentwickungen der Marktplätze wie der Amazon Bookerly oder der Google Literata bis zu den eText-Fonts von Monotype oder dem frei verfügbaren Sortiment der Google Webfonts. Für Verlagsanbieter ist hierbei die Empfehlung, sich für die E-Book-Gestaltung eine eigene „digitale Hausschrift“ auszuwählen und CI und Layout darauf abzustimmen.
  • Digitale Detailtypografie: Genauso wie es für die Print-Typografie klare Grundregeln für Seiten-Aufbau und Textlayout gibt, gelten diese auch für Digitalmedien. Aus den letzten 10 Jahren Webdesign lassen sich folgende Faustregeln ableiten: Im Vergleich zum Print-Layout wählt man eine etwas höhere Grundschrift-Größe. Die optimale Zeilenlänge in Buchstaben ist etwas kürzer als im Print. Und auch die Zeilenhöhe in Relation zur Grundschrift ist etwas höher als für vergleichbare Print-Layouts.
  • Umgang mit Weißraum: Auch in der Seitengestaltung setzt sich dieses Vorgehen fort. Aufgrund der kleinen Displays bzw. Satzspiegel ist man zunächst geneigt, den verfügbaren Platz optimal ausnutzen zu wollen, d.h. so viel wie möglich Text auf eine „Seite“ zu bringen – optimal ist jedoch genau das Gegenteil. Für Schrift-Wahrnehmung und Lesbarkeit profitieren Texte im Digitalen davon, sehr viel mehr Raum zu bekommen. Egal, ob es dabei um Detailtypografie geht oder um Seitengestaltung und Textabstände: Für digitalen Text verwendet man optimalerweise immer etwas mehr Weißraum, als man zunächst denkt.
  • Reflow-Layouts und sequentieller Content: Eine große Herausforderung für viele Produkt-Typen ist die Tatsache, dass die Displays schlicht nicht den Platz für Mehrspaltigkeit bieten. Egal ob es um echten Zweispalten-Satz geht, Textumfluss um Bilder und Textobjekte oder Gestaltungselemente wie zum Beispiel Marginalien: Für eine optimale E-Book-Gestaltung muss bei allen diesen Elementen das „Nebeneinander“ in ein „Hintereinander“ aufgelöst werden. Das ist insbesondere dann eine Herausforderung, wenn über die Anordnung der Elemente ein Sinnzusammenhang transportiert wird. Dieser Zusammenhang muss dann für sequentiellen Content-Fluss anders gedacht und gestaltet werden. Komplexe Publikationen müssen insofern bei der Übertragung ins Digitale oft in Teilen neu konzipiert werden. Optimalerweise wird dies bereits bei der initialen Konzeption von Gestaltungselementen und Layouts bedacht – im nachhinein in existierende Buchkonzepte einzugreifen, ist oft mühsam und mit ungeliebten Kompromissen verbunden.
  • Navigation und Erschließung: Beim Aufbau von Content-Zugängen wie dem Table of Contents, Registern/Verzeichnissen und internen Verlinkungen muss inhaltlich bedacht werden, dass diese für einen E-Book-Leser schlicht die einzige Chance sind, sich in großen Content-Mengen zu bewegen. Bei allen Content-Zugängen sollte insofern konsequent darauf geachtet werden, dass sie nicht nur inhaltlich stimmig sind, sondern unter den Rahmenbedingungen der Lesegeräte und Applikationen auch mit vernünftiger Usability nutzbar sind.

Zweitverwertung ja, aber bitte mit Anspruch

Die deutsche Verlagsbranche hat über die letzten 10 Jahre – in meinen Augen zu Recht – ein im internationalen Vergleich relativ hohes Preisniveau für E-Books gehalten. Das ist aber nur zu rechtfertigen, wenn diesem Preis auch eine entsprechende Wertigkeit gegenüber steht – was sich am Ende auch in den Herstellprozessen ausdrücken muss. Sieht man in E-Books auf den ersten Blick deutlich erkennbare Konvertierungsfehler, lieblose Content-Gestaltung oder gar OCR-Artefakte, dann drückt das zu Recht auf die Wertschätzung des Content. Wollen wir Produkte herstellen, die von unseren Lesern nachhaltig geschätzt werden, dann müssen auch unsere Digital-Publikationen auf höchstem handwerklichen Niveau realisiert werden.

Fabian Kern begleitet mit seiner Unternehmensberatung digital publishing competence Verlage und Medienhäuser auf dem Weg in die digitale Welt. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Projektleiter für digitales Produzieren mit den Schwerpunkten XML-Content-Management, Web-Entwicklung, E-Book-Produktion, Mobile Apps und Online-Datenbanken. Seit 2012 ist er als freier Berater, Projektmanager und Trainer tätig und berät Publikums- und Fachverlage in allen Belangen der digitalen Produktentwicklung.

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