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Offener Brief von Verleger Ludwig Könemann: »Höherer Rabatt für Handel«

Die jüngste Kritik von Thalia-Chef Michael Busch ist kaum verhallt (und zuletzt machte sich Busch nach der Veröffentlichung eines internen Konferenz-Mitschnitts ja auch eher rar), aber die Themen bleiben aktuell. Der Buchhandel hat weiter mit Corona zu tun und auch große Themen wie Rabatte, Filialisierung oder Buchpreisbindung werden die Branche noch länger begleiten.

All das hat nun Verleger Ludwig Könemann zum Anlass genommen, mit einem öffentlichen Statement, einem Offenen Brief, auf verschiedene Punkte einzugehen.

Hier das Schreiben im Wortlaut:

„Big Michael hat kräftig auf die Buschtrommel gehauen. Und damit hatte er grundsätzlich recht. Professionelle Redenschreiber, die es vielleicht geschickter und verträglicher formuliert hätten, wären nur weniger authentisch gewesen. In der Krise hat der Onlineriese ohne Leistung profitiert, er hat sogar die Leistung für das Buch gedrosselt. Die große Boulevardbuchhandlung hat mächtig gelitten. Und die kleine oder die mittlere Buchhandlung glaubt zumindest, profitiert zu haben. Auf einer Welle der Solidarität haben manche Kunden den umständlichen Weg der Abholung gewählt, wo es doch mit Internetbestellung deutlich einfacher gewesen wäre.

Solidarität hat von allen Elementen mit Strahlkraft die geringste Halbwertzeit. Außer Amazon hat keiner wirklich gewonnen und Amazon wird weiter gewinnen. Klammheimliche Freude über die Probleme bei den Ketten ist auch keine Zukunftsstrategie. Ohne den Boulevard keine Auflagen, ohne Auflagen keine Bücher. Und ohne Bücher auch keine Inhaber-geführten Buchhandlungen.

Die gute Nachricht: die Pandemie ist dank Impfstoff in 3-4 Monaten vorbei. Aber der Impfstoff für den Boulevard ist noch nicht entwickelt worden. Und den werden wir dringend brauchen. Der Boulevard muss attraktiver für den Kunden werden.

Was muss sich ändern:

  • Die Sortimentsvielfalt muss wieder hergestellt werden, eine Buchhandlung braucht mehr Sortimentsbreite und sortimentstiefe. Buchhandlungen müssen wieder Stöberplätze werden.
  • Der Lagerbestand im Boulevard muss drastisch erhöht werden. Damit wird die Lagerumschlagsgeschwindigkeit drastisch gesenkt.
  • Dafür braucht der Buchhandel längere Ziele und einen deutlich höheren Rabatt. Die 50% Rabattgrenze* muss der Vergangenheit angehören.
  • Es braucht Aktionen für den stationären Buchhandel. Titel die exklusiv vom Buchhandel gekauft werden.

In jedem Fall muss der Weg in die Innenstadt wieder attraktiv werden. Bücher sind dafür das beste Sortiment. Und exklusive Angebote im Handel sind die beste Überlebensstrategie.

Jetzt ist wieder Michael Busch gefragt. Diesmal mit genauso schonungsloser Kritik am alten Konzept und mit der Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Dazu braucht er Unterstützung, aber eben auch konstruktive Kritik aus dem Buchmarkt. Denn nur gemeinsam gehen wir gestärkt in die Zukunft.

PS. Ein erster kleiner Schritt: Ab sofort gibt es für alle Mitarbeiter des Buchhandels und der Buchverlage auf alle Titel von Könemann einen Kollegenrabatt von 50% im Webshop. Rufen Sie uns an!“

*Anmerkung der Redaktion: Es gibt keine gesetzlich fixierte Rabatt-Obergrenze von 50%. Das Buchpreisbindungsgesetz (BuchPrG) sieht in § 6 Abs. 3 lediglich vor, dass „Letztverkäufer“ (=Buchhandlungen) keine besseren Konditionen bekommen dürfen als der Zwischenbuchhandel.

Kommentare

1 Kommentar zu "Offener Brief von Verleger Ludwig Könemann: »Höherer Rabatt für Handel«"

  1. Ach Ludwig,

    da waren wir uns dieser Tage zwar durchaus einig in der Meinung, dass ein Wegbrechen Thalias für die ganze Branche bzw. deren Produkte nicht gut sei; und dass die plötzliche Kundensolidarität für kleine und mittlere Buchhandlungsgrößen nicht unbedingt in Stein gemeißelt ist, auch da pflichtete ich Dir durchaus bei.

    Bei Deinen jetzigen Forderungen nach Sortimentsvielfalt, Lagervergrößerung und Überlegungen in Sachen Neuverteilung der Konditionen erkenne ich wohlwollend auch eine gewisse Übereinstimmung zu den sehr klugen Gedanken Matthias Ulmers. Was im Zuge dieser ganzen Diskussion allerdings unter keinen Umständen in Gefahr geraten darf, dies ist die Buchpreisbindung – momentan damit verbunden also die Forderung nach den von Dir so nonchalant in den Raum geworfenen 50+ für alle. Du weißt genau, dass es dann für die ganze Branche und die gesamte Branchenlogistik sehr schwer wird.

    Und ebenso genau weißt Du, dass diese bisher gewährten „Sonderkonditionen“ insbesondere bei einem Marktteilnehmer bislang keine größeren und tieferen Brancheneffekte nach sich zogen, außer dass vor Ort Boulevard noch sichtbar ist. Im Gegenzug kann man ketzerisch eher festhalten, dass diese 50+ dort nur dazu dienten, das eigene jahrelange Missmanagement komplett zu übertünchen und sich von allen anderen Marktbeteiligten teuer bezahlen zu lassen. Besonders gerade in den Zeiten der Coronakrise wurde an dieser Stelle übrigens, auch darüber sprachen wir kurz, so ziemlich alles vergeigt, was sich in Sachen Sichtbarkeit des Buches vergeigen lässt.

    Der lachende Dritte ist und bleibt Amazon, das sagst Du selbst. Dagegen zu Ungunsten aller anderer Beteiligten einige Zombies zu subventionieren, dies kann auch nicht die Lösung sein. Denn der kleine und mittlere Buchhandel schreit nicht unbedingt nach 50+, aber er schreit danach, nicht weiter nicht funktionierende Geschäftsmodelle mitfinanzieren zu müssen. Das ist es, was in den Verlagen und bei Thalia ankommen muss…

    Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

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