Messechef Juergen Boos: »Die Erfahrung macht uns agiler«

Juergen Boos ist seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse. (Foto: Jonas Ratermann)

Juergen Boos ist seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse. (Foto: Jonas Ratermann)

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, atmet nach der ungewöhnlichsten aller Messeausgaben auf: Frankfurt habe ein Zeichen für das Buch gesetzt. Gleichzeitig hat Boos aber auch die nächsten Aufgaben im Blick: Bilanz ziehen und dann die Planung fürs kommende Jahr angehen. Dieses wird absehbar mit ebenso vielen Corona-Unwägbarkeiten gespickt sein wie 2020.

Was war die größte Enttäuschung, was die besonders positive Überraschung?

Dass die physische Buchmesse nicht stattgefunden hat, war eine große Enttäuschung: Erst die Hoffnung, die Messe durchführen zu können, die Hoffnung auf eine eingeschränkte europäische Messe, dann die hybride Messe, dann nur noch die Lesungen in der Stadt und die Präsenz in der Festhalle. Aber selbst da haben wir mit Blick auf die Corona-Lage dann kurzfristig entschieden, kein Publikum in die Festhalle zu lassen – obwohl wir die Zulassung für bis zu 450 Zuschauer gehabt hätten …

Gefreut hat uns, dass die digitalen Angebote so gut angenommen wurden, dass wir damit ein internationales Publikum erreicht haben und sehr unterschiedliche Zielgruppen. Inhaltlich war es ein vielfältiges Programm, mit unterschiedlichen Formaten und kuratierten Networking-Sessions. Meinungsführer aus vielen Märkten kamen ebenso zu Wort wie Autoren und Autorinnen, die starke Botschaften hatten. Für mich persönlich war das „Bookfest digital“ am Samstag ein Höhepunkt.

»In diesem Jahr hat ja sonst nichts stattgefunden, und wir mussten dieses Zeichen der Hoffnung senden.«

Welche Learnings nehmen Sie mit?

Dass ich auf mein Team setzen kann, das hoch motiviert alle Herausforderungen angegangen ist. Das ist wichtig für nächstes Jahr, denn auch da wissen wir nicht, wie die Rahmenbedingungen aussehen werden. Hinzu kommt eine wichtige Erfahrung: Wir haben gelernt, dass wir schneller experimentieren und entscheiden können. In der Vergangenheit sind wir Veränderungen eher vorsichtig angegangen. Die internationale Halle 8 aufzulösen und die Aussteller in Halle 6 unterzubringen, hatte beispielsweise einen vergleichsweise langen Vorlauf. Künftig werden wir Veränderungen agiler und schneller vorantreiben.

Wäre es rückblickend besser gewesen, frühzeitig ins Digitale zu investieren, statt – entgegen der Signale aus dem Markt – an der physischen Messe festzuhalten?

Während sich besonders Konzernverlage entschieden haben, nicht nach Frankfurt zu kommen, haben umgekehrt auch 40 europäische Länder gesagt, dass sie teilnehmen wollen. Es gab also zwei Perspektiven. Die Entscheidung, digitaler zu werden, hatten wir schon vor Jahren getroffen. Durch die Unterstützung aus dem Neustart-Kultur-Programm der Bundesregierung war es jetzt möglich, das voranzutreiben.

»Wir müssen mit dem Unternehmen atmen, was absehbar auch Maßnahmen wie Kurzarbeit einschließen wird.«

Wie groß ist der Schaden – ideell und wirtschaftlich?

Gemessen an der Zahl der Aussteller sehen wir unseren Markenwert als den internationalen Marktplatz für den Rechtehandel eher bestätigt. In diesem Jahr hat ja sonst nichts stattgefunden, und wir mussten dieses Zeichen der Hoffnung senden. Einfach auf das nächste Jahr zu warten, wäre falsch gewesen. Wirtschaftlich ist es dagegen extrem schwierig, weil uns ein Jahr Umsatz fehlt. Diese Messe ist so eine Investition in die Zukunft. Wir werden jetzt mit allen Mitteln versuchen, Geld einzusparen und uns schlank und agil aufzustellen.

Aus dem Börsenverein war von „Restrukturierung“ und einem „Winterschlaf“ der Buchmesse zu hören.

Das ist zu vereinfachend. Wir haben neben der Messeveranstaltung im Oktober noch andere Aufgaben. Die internationale Kulturarbeit mit dem Auswärtigen Amt wird weiterlaufen. Wir organisieren für Auftraggeber weltweit Veranstaltungen, die zum Teil auch virtuell durchgeführt werden. Auch der deutsche Gemeinschaftsstand in London ist eine Aufgabe, auf die ich jetzt aber noch keine finale Antwort habe. Wir müssen mit dem Unternehmen atmen, was absehbar auch Maßnahmen wie Kurzarbeit einschließen wird.

Schon im Vorfeld hieß es: Die Buchmesse wird nach dieser Erfahrung eine andere sein. Haben Sie schon eine Vorstellung, wohin die Reise geht?

Was bleiben wird, sind viele digitale Komponenten wie die Rechtehandelsplattform. Ich will auch die Kooperation mit der ARD weiter vorantreiben, wir werden die Festhalle intensiver nutzen. Es wird noch mehr Veranstaltungen geben – die Formate in der Stadt haben jetzt trotz der Einschränkungen sehr gut funktioniert.

Ein Frankfurter Literaturfestival?

Nein, eben nicht. Wir sind das Buchfest, das die ganze Bandbreite des Buchmarktes sichtbar macht – vom Kochbuch bis zur Wissenschaft.

»Ich höre von vielen Seiten: Wir müssen uns treffen.«

Wohin neigt sich jetzt die Waage: „Wir wollen unsere alte Buchmesse wiederhaben“ oder „Es geht auch ohne“?

Ich höre von vielen Seiten: Wir müssen uns treffen. Gerade wenn man nur einmal im Jahr die Chance hat, die ganze Bandbreite der Geschäftspartner zu sehen, ist das essenziell. Deshalb haben wir so lange an der Präsenzmesse festgehalten.

Wie bereiten Sie sich jetzt auf die 73. Buchmesse vor?

Wir werden jetzt die digitale Buchmesse zusammen mit den virtuellen und klassischen Ausstellern evaluieren und uns dann überlegen, was wir im nächsten Jahr wieder einsetzen können. Wir müssen mit dem, was in diesem Jahr alles passiert ist, in die Gespräche gehen und die Kunden fragen: Was wünscht ihr euch von der Messe 2021?

 

  • »Change und Chance«
    Die digitale Buchmesse des Jahres 2020 soll eine Ausnahme bleiben, aber aktive Verlage werden ihre Erfahrungen über die Messe hinaus nutzen. Mehr dazu lesen Sie im buchreport.express 43/2020 (22.10.), hier als E-Paper verfügbar und hier als gedruckte Ausgabe bestellbar.

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