»Lesen Sie unbequem!«

Nachdem kürzlich Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, in der „Welt“ gegen Kuschel-Slogans à la „Lesen macht glücklich!“ von „Lesepropagandisten“ aus Buch- und Kulturbranche polemisierte, schlägt nun Bernd Noack in der „NZZ“ in die gleiche Kerbe: Bücher sind keine Kuscheltiere und Lesen ist nicht schön!

Seit einiger Zeit schon versuche der Buchhandel in Deutschland, für die Kundenwerbung „Büchern die Eigenschaften einer Wellness-Oase anzudichten“, meint Noack: „Die Lektüre soll zum Rundum-Wohlfühl-Erlebnis werden, Seite für Seite Glückshormone freisetzend. Lesen gilt längst nicht mehr als intellektuelle, gar mühsame Erfahrung, sondern als sinnliche Auszeit. Das Buch als Kuscheltier – das gönn’ ich mir!“

Auch an einer romantisierenden Darstellung von Buchhandlungen und Sortimentern stößt sich der „NZZ“-Autor, da werde der „Buchhändler als schrullig-liebenswerter Geschichten-Greis ins fahl flackernde Kerzenlicht gerückt“. Er kritisiert die vom Buchhandel verkündete heile Lesewelt: „Das Leben sei ‚lesenswert‘, redet man uns ein, und wir sehen uns schon flockig leicht über die blumige Wiese schweben mit einem Büchlein in der Hand, das uns beseelt und erquickt. Jedes Wort ein Freudenquell, jede Geschichte eine wahre Wonne. Tatsächlich aber wird da die zeitweilige Ausschaltung des Nach-Denkens propagiert.“

Stattdessen sei die Realität des Lesens eine andere: „Lektüre ist schwer verdauliche Nahrung für Seele und Hirn, ist ein Brocken, der sich uns in den Weg legt (und den Camus’ Sisyphos endlos den Berg hinaufwälzt). Lesen ist nicht schön. Es ist anstrengend und im besten Fall subversiv, es stachelt auf, fordert zum Widerstand gegen Bestehendes und Himmelschreiendes auf. Lesen ist Sprengstoff für eine verträumte Welt, ein aktiver Akt gegen die öde Ordnung. Der Slogan muss lauten: ‚Lesen Sie unbequem!‘.“

 

 

 

 

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