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Lernen mit den Ohren: Hörbücher für den Unterricht

Hörbücher bieten eine Alternative, Schulstoff verständlich zu vermitteln. Zwei Verlage zeigen, welche Reihen sie dafür im Programm haben.

Reihe „Hören&Lernen“: Multiskript-Verlegerin Beate Herfurth-Uber (Foto: Multiskript) hat sich ein Ziel gesetzt: Sperrige Bühnenstücke für Menschen von heute zu erklären sowie Kindern und Jugendlichen den Zugang zu den Texten zu erleichtern. Für die Produktionen führt die Journalistin regelmäßig Interviews mit Regisseuren und Fachleuten.

Es gibt viele Hörbuchtitel zu Werken, die auf den Lehrplänen für den Deutschunterricht stehen. Nur wenige Verlage zielen bei ihrer Programmkonzeption aber direkt darauf, dass ihre Titel auch im Unterricht eingesetzt werden.

Einen solchen kulturpädagogischen Ansatz verfolgt der Multiskript Verlag mit seinem Programm. Der Hörbuchverlag wurde 2007 von der Journalistin Beate Herfurth-Uber gegründet, die nach ihrem Lehramtsstudium bei der „Tele-FAZ“ gearbeitet hatte, der damaligen Fernseh- und Hörfunksparte der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Ihre beiden Kompetenzbereiche hat Herfurth-Uber im Programm des Multiskript Verlags zusammengeführt: Die Reihe „Hören&Lernen“ bietet Hörbücher an, die journalistisch aufbereitet sind und Schülern in rund 80 Minuten „sperrige“ Bühnenklassiker verständlich machen sollen.

Das Lesen sollen die Hörbücher zwar nicht ersetzen, doch die Stücke seien „fürs Sprechen geschrieben worden“, begründet Herfurth-Uber das Konzept: „Man bekommt einen ganz anderen Zugang, wenn man die Texte hört, als wenn man sie nur liest.“ Um das Verständnis für den Schulstoff zu erleichtern, setzt der Verlag auf O-Töne und Interviews und arbeitet mit Theatern und Hochschulen zusammen: „Wir sind die Journalisten, die Fachleute sind die Regisseure und Wissenschaftler.“ Die Hörbücher selbst sind wie Hörfunk­features aufgebaut:

  • Ein Sprecher stellt den Autor vor, erzählt den Inhalt des Theaterstücks und moderiert durch das Hörbuch.
  • In Interviews erläutern Theaterregisseure, was sie persönlich an dem Stoff reizt, wie sie die Stücke interpretieren und wie sie sie auf der Bühne inszenieren.
  • Wissenschaftler erklären den Kontext, in dem die Stücke entstanden bzw. inhaltlich angesiedelt sind. So erläutert z.B. Historiker Prof. Dr. Axel Kuhn für Georg Büchners „Dantons Tod“ den Kontext der Französischen Revolution.
  • Ausschnitte aus Inszenierungen machen die Schlüsselszenen im Dialog und in der Interaktion auf der Bühne hörbar.

 

Auf ein Buch kommen viele Hörer

Neun solcher Reihentitel sind bislang veröffentlicht, zwei weitere zu Lessings „Nathan der Weise“ und Schillers „Die Räuber“ werden derzeit produziert. Die Nachfrage für die Hörbücher ist da, sagt Herfurth-Uber, vor allem für die Titel zu „Dantons Tod“ und Goethes „Faust“, die regelmäßig auf den Lehr- und Abiturplänen stehen. Für Reichweite sorgt zudem die Empfehlung für den Unterrichtseinsatz der Fachkommission Deutsch des Landes Baden-Württemberg, an der sich auch andere Bundesländer orientieren.

  • Die Hörbücher werden stationär sowie online bezogen, hier meist über Amazon.
  • Auch als Download werden die Titel gekauft, die unter anderem unterwegs auf dem Smartphone gehört werden.
  • 2017 hat der Multiskript Verlag darüber hinaus das Theater- und Literaturportal Theaterklassiker.de eingerichtet, auf denen Ausschnitte der Hörbücher zu hören sind.

Dennoch: Beim Umsatz gibt es noch Luft nach oben, so Beate Herfurth-Uber. Das liegt auch daran, dass die Hörbücher für den Einsatz im Unterricht über die Landesmedienzentren ausgeliehen sowie über Onleihe genutzt werden. Auf ein Hörbuch kommen daher viele Nutzer, was das Geschäft mit den Titeln dämpft.

 

Erweiterung des Portfolios

Medienpakete schnüren: Multiskript will künftig seine Hörbuchtitel um Videos und weitere Materialien ergänzen. Für die im Herbst 2017 erschienene Lessing-Biografie wurde im Lessinghaus in Wolfenbüttel gedreht (Foto: Multiskript). Als Nächstes sollen Materialien für den Hörtitel zu „Faust“ ergänzt werden, auch für „Nathan der Weise“ und „Die Räuber“ entstehen parallel zum Hörbuch bereits Filmsequenzen.

Für das Konzept sieht Beate Herfurth-Uber aber weiterhin Potenzial. Multimediale Lernansätze, die auch von der Kultusministerkonferenz diskutiert werden, seien zwar im Einsatz, aber noch ausbaufähig. Hörbücher sowie Filme und Videos könnten künftig eine größere Rolle im Deutschunterricht spielen. Der Verlag baut daher sein Portfolio aus: Begleitend zu den Hörbuchtiteln soll das Programm in Richtung Film weiterentwickelt und um didaktische Hinweise für den Unterrichtseinsatz ergänzt werden. Daraus sollen Medienpakete geschnürt werden. Auch über Podcasts wird nachgedacht.

Zudem will der Verlag mit Titeln wie den Hörbuch-Biografien „Lessing“ und „Jenny & Karl Marx. Eine Liebe in Briefen“ auch über den Unterrichtseinsatz hinaus an Reichweite gewinnen und ein breiteres Publikum ansprechen. Die Nominierung der Lessing-Biografie für den Deutschen Hörbuchpreis 2018 in der Kategorie „Bestes Sachhörbuch“ hat hier Auftrieb gegeben und für Rezensionen im Feuilleton gesorgt. Das sei gerade für einen Verlag mit begrenztem Werbeetat besonders wichtig.

 

Diskussionsstoff liefern

Die Hamburger Hörcompany setzt mit ihren Titeln ebenfalls auf den Gebrauch im Unterricht. „Vielen Kindern fällt es noch schwer, den Schulstoff zu erfassen“, sagt Angelika Schaack, die den Hörbuchverlag vor 16 Jahren mit gegründet hat. Dafür hat der Verlag diverse Reihen im Programm, die auch von Lehrern als Vorbereitung für den Schulstoff empfohlen und genutzt werden:

  • Die 2005 gestartete Reihe „Weltliteratur für Kinder“ umfasst 18 Titel, wurde bislang über 80.000 Mal verkauft und 2014 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet.
  • Longseller sind auch die Sachhörbuchtitel „Deutsche Geschichte“, „Europäische Geschichte“ und „Weltgeschichte“ sowie „Evolution“ und „Die Weltreligionen“.
  • Die neue Reihe „Kinder entdecken berühmte Leute“ porträtiert kulturgeschichtlich zentrale Personen. Der erste Hörtitel über Johannes Gutenberg erschien im Februar 2018, zeitgleich zum Buch (Kindermann).

Jenseits der etablierten Reihen mit einer Startauflage von 3000 Exemplaren will die Hörcompany künftig mehr Titel produzieren, die selbst zum Unterrichtsstoff werden können. Die Idee: mit Hörspielen Themen anzusprechen, die Kinder und Jugendliche unmittelbar betreffen, zum Nachdenken anregen und als Diskussionsgrundlage im Unterricht verwendet werden können.

  • Lea-Lina Oppermanns „Was wir dachten, was wir taten“ wurde im Herbst 2017 als Hörbuch vertont. Darin wird die Geschichte eines Amoklaufs geschildert und die Frage diskutiert, was die Jugendlichen zu einer solchen Tat bringen kann.
  • Im Herbst erscheint eine Kurzserie zum Thema Sport, die auf den Büchern des vielfach prämierten US-amerikanischen Autors Jason Reynolds basiert. In „Ghost. Jede Menge Leben“ wird der Junge Ghost in das Schul-Laufteam aufgenommen und muss sich dort seinen privaten Problemen stellen; „Patina. Was ich liebe und was ich hasse“ erzählt von einer weiteren Läuferin, die rennt, weil ihre Mutter im Rollstuhl sitzt.
  • Ebenfalls im Herbst erscheint Jennifer Mathieus „Moxie“. Der Titel erzählt von einem Mädchen, das sich kreativ gegen den Sexismus an ihrer Schule zur Wehr setzt und die Mädchenpower-Bewegung „Moxie“ („Sei stark, trau Dich“) auslöst.

Eva Killy killy@buchreport.de

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