»Krimi-Boom als Humus für literarische Spitzenprodukte«

Thomas Wörtche ist einer der profiliertesten Krimi-Experten Deutschlands. Im Gespräch mit buchreport analysiert er die aktuelle Krimi-Produktion.

Thomas Wörtche

Thomas Wörtche, geboren 1954, ist Kritiker, Publizist, Literaturwissenschaftler. Er beschäftigt sich für Print, Online und Radio mit Büchern, Bildern und Musik, schwerpunktmäßig mit internationaler crime fiction in allen medialen Formen, und mit Literatur aus Lateinamerika, Asien, Afrika und Australien/Ozeanien. Von 1999 bis 2007 war Wörtche Herausgeber der global-crime-Reihe „Metro“ in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag, mit dem Diaphanes Verlag hat er zuletzt die Reihe „Penser Pulp“ herausgegeben (2013–2014). Gemeinsam mit Zoë Beck und Jan Karsten gründete Wörtche 2013 den E-Book-Verlag Culturbooks (zurzeit nicht operativ tätig). Er ist Co-Herausgeber des Online-Feuilletons CulturMag und Jurymitglied u.a. des Deutschen Krimi Preises und der KrimiZEIT-Bestenliste.

Gottfried Benn benutzte Kriminalliteratur als „Radiergummi fürs Gehirn“. Sind Krimis in erster Linie Entspannungslektüre?

Sicher erfüllen sie diese Funktion und es ist kein Problem, Krimis nach Lust und Laune wegzuknabbern, aber die Kriminalliteratur kann mehr. Spätestens seit den 20er-Jahren, etwa mit den Romanen von Dashiell Hammett, hat sie eine höhere Qualität erreicht – ästhetisch, gesellschaftspolitisch und erkenntnistheoretisch. Die deutschen Intellektuellen der 20er- und 30er-Jahre, die ebenfalls viele Krimis gelesen haben, wie Brecht, Bloch oder Kracauer, kannten natürlich nur die einfacher gestrickten britischen Golden-Age-Krimis. Das hat damit zu tun, dass es in Deutschland keine große Tradition gab. Man hat Krimis immer gesehen als regelgeleitetes Erzählen, was für einen bestimmten Typus von Kriminalliteratur ja auch zutrifft. In diesem Typus geht aber das, was heute Kriminalliteratur sein kann, natürlich nicht auf.

Wird das literarische Potenzial von der gegenwärtigen deutschen Kriminalliteratur ausgeschöpft?

Ja, es gibt in Deutschland Autoren, die das ausschöpfen, darunter auch solche, die erfolgreich ein breites Publikum finden. Es hat sich merkwürdigerweise ausgerechnet im Kriminalroman eine E- und U-Schere aufgetan, die man bisher eigentlich nur in der sogenannten seriösen Literatur beobachten konnte. Es ist ein interessantes Phänomen: Würde man Texte von Merle Kröger und Sebastian Fitzek vergleichen, müsste man ein tertium non datur konstatieren. Dann weiß ich aber gar nicht, ob es überhaupt noch Gemeinsamkeiten gibt.

Sie haben kritisiert, dass ein Großteil der Krimi-Produktion am Buchmarkt immer mehr zum Wellness-Produkt verkomme, das sich allein am persönlichen Wohlbefinden des Lesers orientiere.

Da muss man differenzieren: Es gibt weiterhin und mit großem Erfolg hochauflösende Kriminalliteratur, die wirklich ein Anliegen hat, außer nur zu unterhalten. Aber es gibt natürlich auch Produktionen, die hergestellt werden für den direkten Konsum. Diese Titel werden immer stärker nach Gesichtspunkten der Vermarktung ausdifferenziert: In den Verlagen versteht man heute unter Genre möglichst hochdefinierte Erzählverfahren, bei denen alles vorgegeben ist. Frauenspannung oder Psychothriller sind z.B. beliebte Schlagworte, wobei Romane, die der letzteren Kategorie zugeordnet werden, inzwischen von Patricia-High­smith-­Romanen zu solchen mit möglichst viel Blut geworden sind. Da stimmen die Begriffe schon nicht mehr. Dennoch wird alles sehr definiert, es gibt Vorgaben und Schreibschulen, ganze Produktionsmechanismen und -algorithmen, die einen bestimmten Markt bedienen.

Ihre These zielte darauf ab, dass auch der Buchhandel in die Programmpolitik der Verlage hineinregiert, vor allem durch die großen Filialisten.

Auch in diesem Punkt bin ich der Überzeugung, dass mittlerweile eine Sättigung erreicht ist. Es hat eine Zeit lang funktioniert, dass die Buchketten ihre Wünsche nach einer bestimmten, gut verkäuflichen Art von Literatur formuliert haben. Es ist im Grunde das Prinzip der Klonierung: Etwas ist erfolgreich und darum sorgen wir für Nachschub, der möglichst nach demselben Muster gestrickt ist. Und wenn die Verlage nicht liefern, gibt es eben Probleme bei der Einbestellung. Das hat sich inzwischen totgelaufen, weil die Leser ein differenziertes Angebot haben wollen. Vor allem in Deutschland ist viel passiert, viele deutsche Autoren sind in Erscheinung getreten, die auch für eine bedeutend größere Vielfalt sorgen...

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