Osiander und Thalia kaufen gemeinsam ein   

Christian und Heinrich Riethmüller (Inhaber und Mitglieder der Geschäftsführung von Osiander), Michael Busch (Michael Busch, CEO und geschäftsführender Gesellschafter Thalia Mayersche), Harmut Falter (geschäftsführender Gesellschafter Thalia Mayersche)

Vertrieblicher Schulterschluss: Christian und Heinrich Riethmüller (Inhaber und Mitglieder der Geschäftsführung von Osiander), Michael Busch (Michael Busch, CEO und geschäftsführender Gesellschafter Thalia Mayersche), Hartmut Falter (geschäftsführender Gesellschafter Thalia Mayersche) wollen eine gemeinsame Osiander Vertriebsgesellschaft gründen. (Foto: Heinz Heiss, Montage: Buchreport)

Südwestfilialist Osiander lehnt sich beim Marktführer Thalia Mayersche an: Die strategische Partnerschaft umfasst die Bereiche IT, Onlineshop und Beschaffung. Mit dem Verbund erhöht Thalia seine Nachfragemacht. 

Der deutsche Buchhandel erlebt innerhalb eines Jahres die zweite Konzentrationsbewegung: 2019 hatten Thalia und der nordrhein-westfälische Filialist Mayersche fusioniert, jetzt rückt auch Osiander deutlich enger an Thalia Mayersche. Der Südwestfilialist und der Marktführer gehen eine strategische Partnerschaft ein und gründen eine gemeinsame Osiander-Vertriebsgesellschaft.

Ziel der neuen Partnerschaft ist es, die „Zusammenarbeit in den Bereichen IT, Webshop und Beschaffung“ und „die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Buchhändler gegenüber multinationalen Konzernen zu stärken“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung der Unternehmen. Mit dem „Multinationalen“ ist Amazon gemeint. Der Online-Riese und Thalia Mayersche setzen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt jeweils mehr als 1 Mrd Euro um. 

Details der Kooperation, die bis Oktober 2021 umgesetzt sein soll:

  • Die neue Osiander Vertriebsgesellschaft OVG wird von Osiander und Thalia Mayersche gemeinsam gehalten, Thalia Mayersche verfügt über die Anteilsmehrheit. Sitz der Gesellschaft ist am Osiander-Stammsitz in Tübingen.
  • Sprecher der OVG-Geschäftsführung wird Osiander-Inhaber Christian Riethmüller.
  • Ingo Kretzschmar, verantwortlich für das stationäre Geschäft bei Thalia Mayersche, und der kaufmännische Osiander-Leiter Thomas Reif ergänzen das Geschäftsführungsteam.
  • Die Osiandersche Buchhandlung mit ca. 70 Standorten verbleibt im Eigentum der Familie Riethmüller.
  • Ihr Fokus soll künftig auf der „Gestaltung der Premium-Marke Osiander“ sowie dem weiteren Ausbau des Buchhandlungsnetzwerkes im Süden Deutschlands liegen.

Der Vollzug der Kooperation muss noch von den zuständigen Kartellbehörden abgesegnet werden. Stichwort Einkaufsmacht, denn das von Thalia Mayersche bediente Umsatzvolumen wächst mit Osiander um weitere 100 Mio Euro.

 

»Mehr Handlungsspielraum gewinnen«

Durch die Neuorganisation könne Osiander „die Digitalisierung vorantreiben, Prozesse effizienter gestalten und Kosten senken“ und dadurch „größeren Handlungsspielraum für das Kerngeschäft Buchhandel“ gewinnen, so die Osiander-Inhaber und Mitglieder der Geschäftsführung Christian und Heinrich Riethmüller. In der Buchhandlung, die auf eine Tradition bis 1596 zurückblicken kann, ist die Familie Riethmüller seit 1920 beziehungsweise 1955 federführend und hat das Unternehmen seit den 1970er-Jahren ausgebaut und zur Regionalkette mit rund 70 Buchhandlungen entwickelt. Wird das Vorhaben vom Kartellamt abgenickt, werden voraussichtlich 32 Mitarbeiter (20 Vollzeitstellen), die im zentralen Wareneingang bei Osiander arbeiten, ihre Stelle verlieren, weitere Personaleinsparungen sind nicht ausgeschlossen. 

Im Rahmen der Tolino Allianz und auch bei der Einkaufsplattform „Shopdaheim“ hatten Osiander und Mayersche bereits zuvor zusammengearbeitet. Auch an einer gemeinsamen IT-Lösung habe man bereits gearbeitet, das Projekt soll nun unter dem Dach der neuen Gesellschaft umgesetzt werden. Hartmut Falter, geschäftsführender Gesellschafter von Thalia Mayersche: „Entlang der gesamten Wertschöpfungskette spielen Dienstleistungs- und Serviceplattformen eine immer größere Rolle. Der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft des deutschen Buchhandels liegt in der Zusammenarbeit. Als Unternehmer handeln, Investitionen, z.B. in die digitale Infrastruktur, gemeinsam schultern: Nur so können wir im Wettbewerb mit offensiven internationalen Plattformen bestehen.“

„Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit in klar definierten Themenfeldern, mit einer weiteren bedeutenden Unternehmer-Familie unserer Branche. Unsere neue Vertriebsgesellschaft wird von dem spezifischen Know-how aller Gesellschafter immens profitieren“, äußert sich Michael Busch, CEO und geschäftsführender Gesellschafter von Thalia Mayersche, zu der Partnerschaft.

Das ist Thalias Plattform-Idee: Services für andere Buchhandlungen

Kommentare

2 Kommentare zu "Osiander und Thalia kaufen gemeinsam ein   "

  1. Hartwig Bögeholz | 23. Oktober 2020 um 15:05 | Antworten

    Was Thalias Aufstieg ermöglicht hat, ist weniger eigene Leistung. Vielmehr haben zwei durchtriebene Elemente das Wachstum herbeigeführt. Das eine ist die Brot-und-Spiele-Taktik: Mit einer Mischung aus Locken und Drohen gelang es Thalia, zunächst einer Vielzahl mittlerer Buchhandlungen Furcht einzuflößen, so daß sich diese reihenweise den Hagenern zum Fraß vorgeworfen haben. Damit war das Mittelfeld großenteils abgeräumt. „Thalia ist die Muse der Mafia“, konstatierte die FAZ dazu. (Mayersche und Osiander haben das in der Folge abgekupfert.) Das andere ist eine vergleichbare Taktik, nun angewendet auf Verlage: Mit einer Mischung aus Versprechungen steigender Absätze und der Auspressung von Rabatten bis weit in den Bereich der [Fragwürdigkeit] haben sich viel zu viele Verlage in Abhängigkeit begeben. Das, was sie sich wirtschaftlich nicht leisten konnten, aber Thalia dank dieser […] Manöver gewähren mussten, konnten sie sich nur wo wieder holen? Klar, bei den mittleren und kleinen Buchhandlungen, die auf diese Weise Thalias Aufstieg unfreiwillig schmieren mussten.

    Und wenn ein Konzern groß genug ist, erweitert sich das Instrumentarium. Perfide […] Methoden, in großer Zahl eingesetzt, haben Mayersche und Osiander ´überzeugt´. Wie mühen sich alle Beteiligten doch bis zur Lächerlichkeit, das Geschehen schön zu reden: Gemeinsame Werte, gegenseitige Sympathien, vertrauensvoll und freundschaftlich, geteiltes Verständnis von Tradition, besonderer Wert familiengeführter Unternehmen – das Geschwurbel kann einen speiübel werden lassen. In der „Financial Times“ etwa wird über derartige Vorgänge realistisch berichtet – dort würde es heißen, angeschlagene größte Kette übernimmt noch angeschlagenere kleinere Kette in der vagen Hoffnung auf Weiterbestand. Punkt.

    Noch etwas Anderes fällt auf. Sind die Kollegen in den Ketten eigentlich nur Schönwettergeschäftsleute? Können sie nur wirtschaften, wenn der Betrieb gleichsam von selbst läuft? Was machen sie eigentlich mit ihren Erträgen? Sind Rückstellungen für schlechte Perioden oder Zeiten schon altmodisch? Eine Pandemie mit Lockdown war gewiß nicht zu erwarten, aber eine Vielzahl anderer Gründe kann Geschäfte schon mal stilllegen – von der Baustelle bis zum Hochwasser. Notfallpläne? Flexibilität? Pragmatische Lösungen? Alles, was bei kleineren Buchhandlungen seit der Finanzkrise leidvoll in den Erfahrungsschatz eingegangen ist, scheint die Großkopfeten zu überfordern. Und ihr wollt gegen Amazon antreten, gar bestehen? Lachhaft. Diese Gerede ist nur eines der gängigen […] Instrumente, nun konzertiert gegen Verlage eingesetzt.

    „Unser großer gemeinsamer Wettbewerber heißt Amazon“ – übersetzt in Klartext heißt das: Liebe Verlage, wir werden euch weitere Prozente aus den Rippen schneiden. Und wehe, ihr widersetzt euch! Dann werdet ihr sehen, was ihr davon habt … frühere Auslistungen lassen grüßen. Liebe Verlegerinnen und Verleger, das habt ihr nun davon, Euch zum Tanzbären an der Leine von Thalia herabgewürdigt zu haben. Jetzt seid ihr gleichzeitig Tanzbär von Amazon und dem Möchtegern-Amazon. Viel Vergnügen in der bipolaren Zukunft. Wenn ihr jetzt nicht radikal umdenkt, dann ist euch wirklich nicht mehr zu helfen. Wie hatten wir vor anderthalb Jahren geschrieben?

    Was der buchhändlerische Teil (der Branche) wirklich bräuchte, wäre ein effektiver, schlagkräftiger und verlässlicher Verbund – die Zeit der netten einvernehmlichen Gesprächskreise ist abgelaufen. Wir sind mittlerweile die einzige Branche, in der es keinen solchen Zusammenschluss gibt. Leider ist niemand in Sicht, der ein solches Projekt beginnen würde – oder? Was der verlegerische Teil wirklich bräuchte, wäre die Traute, den Branchenriesen nicht nur zu widerstehen, sondern ihnen von vornherein offensiv entgegenzutreten. Frei nach dem Motto: Glaubt bloß nicht, dass ihr uns nach dieser oder der nächsten Fusion vielleicht im Südwesten erhöhte Konditionen aufzwingen könnt.

    Nun sind wir am Scheidepunkt angelangt. Entweder die Verlage ergeben sich restlos in ein Konzern-gesteuertes Schicksal – oder sie raffen sich zu einer klaren Haltung auf, in der vitale, engagierte und einfallsreiche Buchhandlungen eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Und, wir wiederholen uns, die zukunftsfähigen Buchhandlungen brauchen einen schlagkräftigen Verbund. Mehr ist nicht zu sagen.

    Hartwig Bögeholz (Jürmker Bücherstube, Bielefeld), Wolfram Schwarzbich (Buchhandlung Bethel, Bielefeld)

    Die [ ] markieren redaktionelle Änderungen aufgrund möglicherweise justiziabler Einlassungen.

  2. Das kommt ja schneller als erwartet! Mal sehen, ob die Kartellämter auch endlich in Fahrt kommen. Das deutsche Kartellamt pennt ja anscheinend und möchte lieber die Preisbindung abschaffen. Mal sehen, wann die „Antitrust Division“ des „Department of Justice“ zuschlägt. Entscheidender ist, wann wir selbst aufwachen: Eine „Allianz der Unabhängigen“ scheint notwendiger denn je!

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