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Stephan Orth: Gute Worte statt Nachrichten-Fastfood

Normalerweise schreibe ich meine Bücher nicht zu Hause. Ich miete für drei Monate eine Ferienwohnung auf La Gomera, Paros oder in den Alpen, um ungestört in der Nähe der Natur arbeiten zu können. Der kostbarste Luxus beim Schreiben ist die Möglichkeit, direkt von der Tür aus Spaziergänge in einer wunderschönen Landschaft machen zu können. Weil dabei die besten Ideen kommen.

Ein paar Buchseiten und viele Korrekturen sind aber auch in meiner Wohnung in Hamburg entstanden. Die hat zwar keinen Naturpark vor der Haustür, aber einen entscheidenden Vorteil: Sie ist voller Bücher. Wer gut schreiben will, muss seinen Kopf kontinuierlich mit guten Worten, Sätzen und Kapiteln füttern, statt zu viel Zeit mit Nachrichten-Fastfood zu verbringen.

(Foto: Lars Krüger)

Die Bandbreite in den Regalen hinter dem Glasschreibtisch könnte auf einen neutralen Betrachter ein wenig chaotisch wirken: von Amundsen bis Dostojewski, von Kafka bis David Foster Wallace, von der Reiseerzählung bis zum Thriller. Doch gerade der Blick in andere Genres hilft oft beim Dazulernen. Oder der Rat großer Meister: Das ausgedruckte Nabokov-Zitat „Caress the detail, the divine detail“ erinnert mich jeden Tag an eine der wichtigsten Regeln für gelungene Texte.

Ein paar meiner eigenen Bücher stehen ebenfalls im Blickfeld. Nicht wegen meines großen Egos, sondern als Trost und Motivationshilfe. Sie sind Belege dafür, dass ich schon ein paarmal das Wunder vollbracht habe, ein Buch ganz zu Ende zu schreiben. Während des Schreibprozesses gibt es Momente, da erscheint das komplett utopisch.

Ich habe keinen festgelegten Schreibrhythmus, sondern wechsle alle paar Tage die Strategie. Mal setze ich mir das Ziel, exakt sieben Stunden Netto-Arbeitszeit zu schaffen, mal lege ich genaue Stundenpläne fest und mal gilt die Regel: Nach 7000 Zeichen klappe ich den Laptop zu, egal, ob ich dafür zwei oder zehn Stunden brauche. Diese Abwechslung hilft, nicht in einen zu gleichförmigen Trott zu kommen, bringt aber genug Routine, um der Kreativität Raum zu geben. Wer auch immer behauptet hat, viele Reize, viel Abwechslung seien gut für die Kreativität – stimmt nicht.

Ich bin kein großer Souvenirsammler, aber auf der Fensterbank stehen ein paar Dinge aus Regionen, die mich beeindruckt haben. Eine Keramik-Kuh aus Balkhar in Dagestan, zwei Holzfiguren aus Sulawesi, eine Miniatur-Rawab aus Xinjiang und zwei Gestalten, die ein chinesisches Kaiserpaar darstellen sollen.

(Foto: Lars Krüger)

Man würde vermuten, ein Reiseautor hat bestimmt einen spektakulären Globus zu Hause stehen. Von Manufactum aus handkaschiertem Glas oder wenigstens einen dieser Reliefgloben, auf denen in erschreckender Ignoranz jeder Maßstabsgenauigkeit Himalaya und Alpen etwa so hoch sind wie Hessen breit. Bei mir steht nur ein aufblasbarer Wasserball-Globus, ein Werbe­geschenk meiner Bank.

Es ist verblüffend, wie lange man luftgefülltes Stück Kunststoff drehen und wenden kann, wenn jeder abgedruckte Ländername eine Verheißung, eine Möglichkeit ist. Eine Erinnerung daran, dass ich meinen schmuck­losen Zuhause-Schreibtisch schon bald wieder verlassen werde.

Bestseller

Titel Rang
Couchsurfing in Saudi-Arabien (2/2021) 9
Couchsurfing in China (11/2019) 5
Couchsurfing in Russland (3/2017) 6
Couchsurfing im Iran (3/2015) 4
Sorry, wir haben uns verfahren (9/2012)* 3
Sorry, ihr Hotel ist abgebrannt (4/2011)* 6
Sorry, wir haben die Landebahn … (3/2010)* 1
* gemeinsam mit Antje Blinda Platzierungen auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten Taschenbuch und Paperback Sachbuch

Stephan Orth

Stephan Orth (Foto: Lars Krüger)

Stephan Orth, Jahrgang 1979, studierte Anglistik, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Journalismus. Von 2008 bis 2016 arbeitete er als Redakteur im Reiseressort von SPIEGEL Online, bevor er sich als Autor selbstständig machte. Mit einem Humor-Titel zu kuriosen Durchsagen aus dem Cockpit konnte er sich 2010 gemeinsam mit Co-Autorin Antje Blinda Rang 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste Taschenbuch Sachbuch sichern. Bei Malik erscheint Orths „Couchsurfing“-Reihe, in der er seine Reiseerlebnisse in Ländern schildert, die die wenigsten Deutschen als Wunschziel angeben würden. Für seinen jüngsten Band hat er sich nach Saudi-Arabien aufgemacht und zählt tatsächlich zu den Ersten, die ein Touristenvisum beantragt haben.

Preise

  • Columbus-Reisejournalistenpreis 2008 und 2009
  • ​China-Medienbotschafter-Programm 2014
  • ​ITB BookAward 2018 und 2019 für „Couchsurfing in Russland“ und „Iran – Tausend und ein Widerspruch“

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