Glücksschweinchen im Geheimfach

Etwa die Hälfte jeden Jahres bin ich unterwegs, die besten Einfälle kommen mir dort, wo ich kaum Zeit finde, sie aufzunotieren – mitten im Basar von Kairo, während eines Aufstiegs im Himalaja, im Gedränge der Fußgängerzone von Shanghai. Selbst wenn es irgendwann ans Ausarbeiten eines Textes geht, schreibe ich nicht unbedingt zu Hause, sondern wo immer ich gerade bin, im Flugzeug, in der Bahn, im Hotel, im Gästeappartement einer Universität, in einer Wartehalle.

Der Schreibtisch von Matthias Politycki war eine Belohnung. (Foto: Alexander Tempel)

Trotzdem bleibt mein eigener Schreibtisch ein zentraler Anlaufpunkt. Ich habe ihn im Sommer 2010 gekauft, weil ich mich für irgendetwas belohnen (und nebenbei meinen alten klobigen Schreibtisch endlich loswerden) wollte. Die Dame, die ihn zuvor in ihrer Grünwalder Villa benutzt hatte, freute sich, dass ihn ausgerechnet ein Schriftsteller kaufen wollte; so kam ich an eine Antiquität, die ich mir unter normalen Umständen gar nicht hätte leisten können. Die Dame legte mir dann sogar ein silbernes Glücksschweinchen ins Geheimfach der rechten Schublade, und als wir abschließend noch einmal telefonierten, ermahnte sie mich, „nicht nur Weiberromane“ an ihrem Tisch zu schreiben.

Seitdem besitze ich einen Schreibtisch mit „Echtheits-Urkunde“. Daran arbeiten kann ich nur, wenn er leer ist. Nicht vollkommen leer; ein paar vertraute Dinge müssen unbedingt daraufstehen – ein Silberbarren, den mir ein Freund schenkte, bevor er sich zu Tode soff. Eine Serie an Duden-Bänden, in denen ich immer noch gern lese, wenn ich eigentlich nur etwas nachschlagen möchte. Eine völlig unbrauchbare Schere aus einem Gebirgsdorf im Jemen.

Unverzichtbare Nachschlagewerke und Erinnerungen. (Foto: Alexander Tempel)

Gelegentlich kommt ein neuer Gegenstand dazu, der mich bei einem Buchprojekt begleitet. Als ich „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken“ schrieb, hing an der Schreibtischlampe die Finisher-Medaille des Kilimandscharo-Marathons.

Bei der Niederschrift von „Meine Reise zum Tadsch Mahal“ lehnte am Lampenfuß eine Postkarte, die das Tadsch im Frühnebel zeigt. Während meiner Recherchen zu „Samarkand Samarkand“ hatte ich eine kleine Gipsbüste von Timur gekauft, schon damals mit einigen abgeschlagenen Ecken. Zu Hause hing ich ihr den Wolfszahn um den Hals, den ich von meinen Wanderungen im Pamir mitgebracht hatte, auf den Wegen meiner Hauptfigur. Seltsamerweise habe ich die Büste auch nach Erscheinen des Romans auf meinem Schreibtisch stehen lassen; andere solche „Begleiter“ wandern aufs Fensterbrett oder in ein Bücherregal.

Auf dem Lampenfuß steht seit einigen Monaten der Tischreiter eines tansanischen Restaurants. Der Manager schenkte ihn mir, nachdem ich vergeblich versucht hatte, ihn bei einer der Kellnerinnen zu kaufen. Ein kleiner Holzklotz, von Hand bemalt. Der Manager war extra von zu Hause gekommen und konnte gar nicht glauben, dass ich dafür sogar bezahlen wollte, der sei doch nichts wert. Für mich ist er tatsächlich unbezahlbar und derzeit das Wichtigste, was mich täglich auf meinem Schreibtisch erwartet. Er erinnert mich an den Roman, den ich als nächstes zu schreiben habe.

Matthias Politycki (Foto: Mohamed Imerhane)

Matthias Politycki

Der „Abenteurer der Gegenwartsliteratur“ (Tages-Anzeiger), Jahrgang 1955, ist die Hälfte des Jahres auf Reisen. Bei Hoffmann und Campe erschien zuletzt sein Reisebuch „Schrecklich schön und weit und wild“ (2017) und „Sämtliche Gedichte 2017–1987“ (2018). In seinem aktuellen Buch „Meine Reise zum Tadsch Mahal“ wirft Matthias Politycki einen neuen Blick auf das beliebte Reiseziel in Indien und blickt weit hinter die Kulissen eines seiner Lieblingsländer, das er bereits fünfmal besucht hat.

2006 nahm er als Schiffsschreiber an einer halbjährigen Weltreise auf dem Kreuzfahrtschiff „Europa“ teil. Als „writer in residence“ war er zudem am Queen Mary College in London, in Osaka, St. Moritz und Shanghai.

Der Romanautor, Lyriker und Essayist lebt in Hamburg und München.

Auszeichnungen (Auswahl)

  • Civitas-Literaturpreis (1987)
  • Bayerischer Staatsförderpreis (1988)
  • Ernst-Hofrichter-Preis (2009)
  • Preis der LiteraTour Nord (2010)
  • ITB BuchAward (2018)

Romane (Auswahl)

  • Samarkand Samarkand (HoCa, 2013)
  • In 180 Tagen um die Welt (Mare, 2008)
  • Herr der Hörner (HoCa, 2005)
  • Ein Mann von vierzig Jahren (Luchterhand, 2000)
  • Weiberroman (Luchterhand, 1997)
  • Taifun über Kyôto (Luchterhand, 1993)
  • AusFälle/Zerlegung des Regenbogens (Weismann, 1987)

Mein Schreibtisch

– im buchreport.spezial Reise & Touristik

 

Kommentare

Kommentar hinterlassen zu "Glücksschweinchen im Geheimfach"

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Mit dem Abschicken des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihre Daten elektronisch gespeichert werden. Diese Einverständniserklärung können Sie jederzeit gegenüber der Harenberg Kommunikation Verlags- und Medien-GmbH & Co. KG widerrufen. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutz-Richtlinien

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*