Erzwungener Tritt auf die Bremse

Das Beratungsunternehmen Narses hat die Stimmungslage bei den digitalen Dienstleistern ausgelotet. Das VG Wort-Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) verdunkelt auch ihre wirtschaftlichen Perspektiven. Aljoscha Walser (Foto: Gudrun-Holde Ortner), Geschäftsführer von Narses, gibt im buchreport-Interview eine Einschätzung zur Lage.

Wie läuft das Geschäft mit digitalen Dienstleistungen?

Im Dezember waren die Teilnehmer unserer Panel-Befragung für das Jahr 2016 fast euphorisch. 95% erwarteten gleichbleibende oder steigende Umsätze. Nach meinem Eindruck vom diesjährigen Publishers? Forum ist die Erwartungshaltung deutlich gedämpfter als zu Jahresbeginn. Dies gilt insbesondere für Anbieter, deren Geschäftsmodell der Verkauf von Projekten oder Software ist.
Wie steht es um die Grundstimmung in den Verlagen und ihre Investitionsbereitschaft? 
Die Stimmung, besonders bei Publikumsverlagen, wird durch zwei Faktoren gedrückt: Den ersatzlosen Wegfall der Umsätze mit Weltbild, der bei einzelnen Verlagen deutlich zweistellig war, und das BGH/VG Wort-Urteil. Die Zahlen des Börsenvereins hierzu sind alarmierend. Wir wissen, dass nicht alle Häuser entsprechende Rückstellungen in die Bilanzen aufgenommen haben; warum auch immer. Bis die Auswirkungen für Cashflow und Bilanzen klar sind, müssen die Verleger den Igel in der Tasche lassen, vor allem wenn sie von beiden Entwicklungen betroffen sind. Da gibt es derzeit kein Geld für Investitionen. Sollten Verlage investieren, dann wohl primär dort, wo sie kurzfristige Effekte im Umsatz oder besser noch in den Kosten realisieren können. 
Wie ist die Prognose für den Dienstleistungssektor nach dem BGH-Urteil?
Die Dienstleister hatten die Auswirkungen des BGH-Urteils auf ihre Kunden offensichtlich nicht auf dem Radar. Wir erwarten daher, dass Softwarehäuser mit deutschem Fokus abrupt auf die Kostenbremse treten müssen, weil das Neugeschäft in den nächsten 12 bis 18 Monaten leidet.
Welche Auswirkungen haben Rückforderungen und ausbleibende Zahlungen?
Meine persönliche Hoffnung ist, dass unter dem Druck sinkender Erlöse der Schmerz in den Verlagshäusern groß genug wird, um radikale Veränderungen einzuleiten. Die Parole kann nur lauten: Die Buchbranche muss Buchindustrie werden. Ich bin davon überzeugt, dass kleinere Medien-Unternehmen eigenständig überleben können, wenn sie mit effizienter Technologie, optimierten arbeitsteiligen Prozessen unter professionellem Management kundennahe Produkte entwickeln. Meine Befürchtung ist: Für manche ist es zu spät und sie können froh sein, wenn sie einen Sponsor oder Käufer finden. In jedem Fall wird dieses Urteil die Industrialisierung, aber auch die Konzentration beschleunigen.

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