Börsenverein im dreifachen Stresstest

Mahnung vom Börsenvereins-Politiker: Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis hat auf der Jahreshauptversammlung wie schon in vielen Jahren zuvor davor gewarnt, dass die Branche ihre besondere kulturpolitische Stellung verliere, weil einerseits die jüngere Politikergeneration weniger Verständnis für die besonderen Rahmenbedingungen der Buchbranche (u.a. das Urheberrecht) hätte, andererseits aber auch die „Zentrifugalkräfte“ in der Branche selbst sich negativ auswirkten. (Foto: buchreport/TW)

Wie die gesamte Branche fährt auch der Verband angesichts der Pandemie-Unwägbarkeiten auf Sicht. Am Dienstag dieser Woche (17.11.) hat der Börsenverein erfolgreich einen Pflichtpunkt abgehakt und erstmals seine Jahreshauptversammlung als Online-Veranstaltung abgehalten. Bei deutlich geringerer Beteiligung als bei den gewohnten Berliner Buchtagen konnten so leidlich reibungslos Berichte vorgetragen, der Vorstand entlastet und das Budget verabschiedet werden. Der Verband selbst hat das chronistisch aufbereitet.

Abseits der Regularien-Routine wurden Herausforderungen deutlich, die 3 Stresstests für den Verband bedeuten:

  • Finanzen: Der Haushalt wurde nicht ohne Grund nur mit zahlreichen Enthaltungen verabschiedet. Zwar lässt sich in diesen Tagen viel sparen an Veranstaltungen und Reisen, sodass der Kernverband 2020 und 2021 weiterarbeiten kann, aber hinter den (ausgelagerten) Wirtschaftsaktivitäten steht ein großes Fragezeichen, namentlich die Entwicklung der Frankfurter Buchmesse, von deren Strahlkraft und Überschüssen Branche und Verband jahrzehntelang profitiert haben.
  • Strategie: Was der Verband und die Börsenvereins-Gruppe künftig leisten können und sollen, ist neben dem Aspekt der finanziellen Spielräume vor allem eine Frage der Anforderungen der Mitglieder und Unternehmenskunden in einer Branche, die sich strukturell weiterhin stark verändert. Vorstandsmitglied Jens Klingelhöfer mahnt eine neue strategische Ausrichtung des Verbands auf Digitalisierung und Innovationen an und will dies ausdrücklich nicht als Thema eines Arbeitskreises verstanden wissen, sondern als mit einem Budget auszustattende Kernaufgabe.
  • Interessenskonflikte: Die einmalige Konstruktion des Börsenvereins als Dachverband aller Sparten der Branche wird einerseits beschworen als Stärke für die politische Sichtbarkeit und Sicherung der Privilegien (u.a. Buchpreisbindung). Andererseits fällt die Klammerung der unterschiedlichen Interessen dem Verband immer schwerer. Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis beklagt „zentrifugale Tendenzen“ und kritisierte unter dem Eindruck der jüngsten gemeinsamen Sitzung der Fachausschüsse: „Den Ton, in dem mittlerweile in unserer Branche gesprochen wird, halte ich für sehr bedenklich.“ Dies sei nur zum Teil der „digitalen Verrohung“ der Sprache zuzuordnen.

Ein gemeinsames Marktverständnis habe die Branche bislang zusammengehalten und erfolgreich gemacht. Skipis: „Wir sprechen in der Politik mit einer Stimme, haben ein unglaubliches Standing als Kulturbranche. Aber je mehr wir diesen Pfad verlassen, umso mehr gefährden wir nicht nur unsere Rahmenbedingungen, sondern auch die Existenz eines Marktes, der weltweit hohe Anerkennung genießt. Ich befürchte, dass wir schon heute die zentrifugalen Tendenzen in unserem Markt, in unserer Branche feststellen. Ich möchte nur ganz kurz auf die letzte Woche stattgefundene gemeinsame Fachausschuss-Sitzung zurückgreifen: Wir haben Räume geschaffen, um den Interessensausgleich, für den der Börsenverein steht, zu klären. Das heißt: Artikulation von Interessen, Diskussionen führen und eine Position erarbeiten. Das war in der gemeinsamen Fachausschuss-Sitzung bedauerlicherweise überhaupt nicht gelungen, obwohl die wichtigsten Themen der Branche auf der Tagesordnung standen. Wenn wir nicht weiter im Gespräch bleiben und um Lösungen ringen, dann werden wir diese exception culturelle, wie wir sie in Deutschland haben, langsam verspielen und davor möchte ich noch einmal warnen. Und als zusätzlichen Punkt: Den Ton, in dem mittlerweile in unserer Branche gesprochen wird, halte ich schon für sehr bedenklich.“

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