Das unterschätzte Organ – Stephan Roth will über die Blase aufklären

Prof. Dr. med. Stephan Roth (Foto: Michael Mutzberg)

Stephan Roth ist seit 1997 Direktor der Urologischen Universitätsklinik Wuppertal und Lehrstuhlinhaber für Urologie an der Universität Witten/Herdecke. Roth hat im Springer-Verlag mehrere Bücher veröffentlicht. Sein Kongressmotto „Urologie umfasst mehr“ sollte unter anderem die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren, dass Urologie mehr ist als nur Männermedizin – nämlich eine Spezialdisziplin, die alle Erkrankungen von Nieren, Harnleitern, der Blase und dem äußeren Genital geschlechter- und altersübergreifend behandelt. Dies vermittelt er auch in seinem Blog „blasendoktor.de“ und in seinem Selfpublishing-Sachbuch „Blase gut – alles gut“. Dieses steht jetzt auf der BoD-Bestsellerliste. Bei buchreport berichtet er von der Entstehung des Titels.

Worum geht es in Ihrem Buch?

Es geht um häufige Funktionsstörungen und Erkrankungen der Harnblase. Damit sind gemeint: Die überaktive Drangblase als Rhythmusstörung der Blase, akute und wiederkehrende bakterielle Entzündungen der Blase, die blutende Blase, die „rheumatische“ Blasenerkrankung und schließlich das Problem der Blasenschwäche, also der Inkontinenz oder der undichten Blase.

Es handelt sich jedoch um kein Fachbuch, sondern einen vollkommen neuartigen Ratgeber für Betroffene und Interessierte. Denn sie sollen verständlich auf den aktuellen Stand der Wissenschaft gebracht werden, auch hinsichtlich schulmedizinisch oft übersehener oder totgeschwiegener Therapieverfahren. Als Beispiel sei die Pflanzentherapie bei Blasenentzündungen genannt. Betroffene sollen damit zu Experten werden, um neue Wege zu gehen und kostenintensive oder quälende Fehlwege zu vermeiden.

Wie entstand die Idee zum Buch?

Die Blase ist ein vergessenes Organ. Seit dem Jubelschrei nach der letzten Windel redet keiner mehr über sie. Sie muss einfach funktionieren. Erst wenn es dann zu Störungen kommt, wird man sich wieder bewusst, wie wichtig dieses Organ ist – aber als Erwachsener sucht man oft auch aus falscher Scham keine Gesprächspartner mehr.

Sowohl in meiner Funktion als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, aber auch aus der mehr als 30-jährigen Erfahrung als Urologe habe ich gelernt, dass die Informationen über die Blase erbärmlich gering sind. Alle reden über das Herz, das Gehirn, dem Darm oder die Prostata, aber keiner über die Blase. Und schaut man in das Internet, wird die Irritation noch größer. Meist findet man verkaufs- und interessengesteuerte Halbwahrheiten.

Das war für mich die Geburtsstunde, ein Buch über dieses unterschätzte Wunderorgan zu schreiben. Denn es ist tatsächlich ein Herz im Unterleib. Ein geniales Speicherorgan und ein phänomenaler Hohlmuskel, zwar mit einer geringeren Pump- und Schlagkraft als das Herz, dafür aber durch den Willen (teilweise) steuerbar.

Ich wollte nicht nur ein aktuelles und an der Wissenschaft orientiertes Buch schreiben, sondern einen Ratgeber, der auch dem Laien und Betroffenen hilft. Und der zudem auf scheinbar unbewiesene oder andersartige Therapieverfahren wie beispielsweise die Pflanzentherapie eingeht.

Da Buchstabenwüsten insbesondere bei thematisch fremden Sachverhalten meist schnell ermüden, habe ich mit vielen Zeichnungen versucht, scheinbar komplexe Zusammenhänge so zu vereinfachen, dass sie nachvollziehbar werden.

Für wen eignet sich das Buch als Lektüre?

Das Buch ist grundsätzlich ein Ratgeber für alle, aber insbesondere für Frauen. Denn akute und wiederkehrende Blasenentzündungen und der unwillkürliche Urinverlust treten in 95 % aller Fälle bei Frauen auf. Dabei ist wichtig zu wissen, dass es bei den Blasenentzündungen nicht nur um ältere Frauen geht, sondern auch um junge, scheinbar gesunde Frauen.

Ein anderes sehr verbreitetes Problem ist die überaktive Drangblase. Diese tritt geschlechterübergreifend auf. Die Männer rennen wegen des vermuteten Zusammenhangs mit der Prostata zum Urologen, viele Frauen zunächst zum Gynäkologen. Die kennen sich aber meistens mit den komplizierten Regulationsabläufen der Blase nicht aus. Deshalb ist es ein Ziel dieses Buches, Betroffenen über die Zusammenhänge und Möglichkeiten der Behandlung bei nicht-entzündlichen Blasenstörungen wie der überaktiven Drangblase zu informieren.

Wie erreichen Sie Ihre Leser?

  • Zeitungsveröffentlichung
  • Interviews in weiteren Zeitschriften
  • Buchbesprechungen
  • Eigener Blog – mit Hinweis auf Buch als Erweiterung
  • Lesungen
  • Postkarten – diese beidseits mit dem Buchcover bedruckten Postkarten werden in (einigen) urologischen Praxen und Praxen von Physiotherapeuten ausgelegt
  • TV & Radio

So können Buchhändler Sie erreichen

Ich kenne die BoD-Initiative, dass man das eigene Buch kostenpflichtig in einer Region bei Buchhändlern auslegen lassen kann. Kann interessant sein, aber nicht derzeit im Lockdown. Ich werde bei befreundeten Buchhändlern in der Nachbarschaft nachfragen, ob sie das Buch vielleicht auslegen oder zumindest die gedruckten Werbepostkarten.

Weitere Online-Veranstaltungen sind geplant, hauptsächlich im Rahmen von Fachkongressen und Veranstaltungen von Pflegenden.

Sie haben bereits einige Bücher beim Springer-Verlag publiziert. Wie kommt es, dass Sie diesen Titel als Selfpublisher veröffentlicht haben?

Der Springer-Verlag, bei dem ich mehrere Bücher publiziert habe (Rathert , Roth „Urinzytologie – Praxis und Atlas“; Roth et al „Klinische Urologie“ und Piechota / Waldner / Roth „Tipps und Tricks in der Urologie“) ist wie der Thieme-Verlag ein reiner Wissenschaftsverlag. Diese Verlage eignen sich nicht für eine Publikation für das Laien-Publikum. Das Zielspektrum ist viel zu eng. Ich kenne keine „laienwirksame“ Publikation aus einem der medizinischen Fachverlage.

Darüber hinaus strebe ich auch eine Veröffentlichung in anderen Ländern an, weil die besprochene Thematik des Buches ein weltweites Problem ist. Deshalb sollte es weltweit Betroffene interessieren.

Ich hatte durch eine Kollegin und sehr bekannte Autorin die Möglichkeit, in der Lektorenkonferenz eines bekannten deutschen Verlages besprochen zu werden. Deren Reaktion war jedoch eine Absage, „da ein Großteil der Leserinnen kein Buch zu diesem Thema kaufen würde, das von einem Mann geschrieben ist.“

Nach Erhalt dieser Absage habe ich noch eine pro-forma Anfrage an Random-House geschickt – aber von allen eingeordneten Verlagen (Heyne … etc..) nach 10-12 Wochen eine formalisierte Absage erhalten. Da ich damit gerechnet habe und nicht noch weitere monatelange Absagerunden bei anderen Verlagen „riskieren“ wollte, habe ich mich dann zum Selfpublishing entschieden.

Ich habe mir dann einen professionellen Lektor gesucht. Eine 1. Adresse war auf den ersten Blick vielversprechend, im weiteren Verlauf aber suspekt, so dass ich abgesagt habe. Ergänzende lange Vorrecherchen über homepages der Anbieter und deren Bücher führte mich zu Dr. Peter Schäfer, der das Projekt dann 7 Wochen lektoriert hat. Über die Plattform 99designs.de habe ich dann einen Cover-Design-Wettbewerb organisiert, den dann Frau Dorothee Menden aus Berlin gewonnen hat. Beide Personen sind in den Danksagungen am Ende erwähnt.

Derzeit gehe ich davon aus, dass etablierte Verlage erst einmal abwarten, wie gut sich ein Buch verkauft, um es dann ggf. in Auktionsrunden zu „erwerben“. Um wenig internet-affine Leserinnen und Leser zu erreichen, wäre die Publikation in einem klassischen Buchverlag unverändert das fortgeführte Ziel. Leider erscheint diese Perspektive bei der derzeitigen „Lockdown-Situation“ und dadurch ausgelösten Krise des Buchhandels als wenig wahrscheinlich.

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