Aufstand am Alex

Nachdem die DBH Anfang Oktober den Rotstift bei der Wohlthat’schen angesetzt hatte, um die Ramsch-Tochter der Gruppe durch Stellenabbau und Filialschließungen auf Kurs zu bringen (buchreport berichtete), wächst der Widerstand der Belegschaft. Mitte des Monats folgten rund 30 der 84 Mitarbeiter in Berlin dem Aufruf der Gewerkschaft ver.di zum Streik: 5 der 16 Filialen, davon 2 in Potsdam, blieben geschlossen, die übrigen Läden wurden zum Teil in Ein-Mann-Besetzung durch Bereichsleiter des Unternehmens geführt. Jetzt sorgt der darauf folgende Rundbrief der Chefetage an die Mitarbeiter für Unmut.

Rückblick: Hintergrund des Streits ist der Stellenabbau im Unternehmen. Rund ein Viertel der Belegschaft betroffen, 8 Mitarbeiter haben Beendigungskündigungen erhalten, gegen 13 wurden Änderungskündigungen ausgesprochen. Zum Jahresende werden zwei weitere Filialen schließen (Tegel-Center und Maaßenstraße), damit haben allein in Berlin von 27 Läden 11 dicht gemacht. Laut ver.di stocken die Verhandlungen über einen Sozial- und Anerkennungstarifvertrag. „Die Arbeitgeberseite versucht eine Hinhaltetaktik wegen des Weihnachtsgeschäfts“, kritisiert Gewerkschafts­sekretärin Janet Dumann, nachdem zwei Verhandlungsrunden Mitte November und Anfang Dezember ohne Ergebnis geblieben waren.

Betriebsrat pocht auf Mantel

Konkret fordert der Betriebsrat, dass Wohlthat zum 1. Januar 2010 den Manteltarifvertrag und zum 1. Juli 2010 den Entgelttarif des Einzelhandels für Berlin/Brandenburg übernimmt. Außerdem sollen im Sozialtarifvertrag künftig folgende den Mitarbeitern wichtige Punkte festgelegt werden:

  • Ein „transparentes“ Freiwilligenprogramm beim Personalabbau
  • Verringerte und planbare Arbeitszeiten, damit 400-Euro-Kräfte einen Zweitjob annehmen können
  • Die Aufstockung der Arbeitszeit für Teilzeitkräfte bei regelmäßiger Mehrarbeit.

Mitarbeiter sollen Streik der Geschäftsleitung anmelden

Die Auseinandersetzungen wurden mit diversen Scharmützeln geführt: So hatte ver.di schon im November zu Warnstreiks aufgerufen, worauf an zwei Tagen bei „Pausenstreiks“ sechs Berliner Filialen für eine halbe Stunde geschlossen waren (die Gewerkschafter berichteten hier darüber). Daraufhin erließ die Geschäftsleitung der Wohlthat’schen eine einstweilige Verfügung, über die ein Arbeitsgericht entscheiden wird.

Rundschreiben aus der Chefetage

Nach den jüngsten Streiks hat sie einen Rundbrief mit „Informationen und Arbeitsanweisungen“ an die Mitarbeiter versendet. In dem Schreiben, das buchreport vorliegt, werden die Beschäftigten aufgefordert, eine „Teilnahme an Streikmaßnahmen spätestens eine Stunde vor deren Beginn anzuzeigen“. „Zuwiderhandelnde Mitarbeiter“ hätten mit arbeitsrechtlichen Schritten zu rechnen. Als „Einschüchterungsversuch“ bezeichnet Dumann den Brief, den die Mitarbeiter keinesfalls unterschreiben sollten. „Wir lassen durch einen Anwalt prüfen, ob ein Verstoß gegen das Mitbestimmungsrecht vorliegt und wir eine einstweilige Verfügung beantragen“, erklärt Betriebsrat Marc Schneider.

„Das Unternehmen befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Wir kämpfen bei Wohlthat um das Überleben jeder einzelnen Filiale“, erklärt DBH-Beirat Carel Halff. „Nur dank der Unterstützung der Gesellschafterin DBH ist eine Fortsetzung des Betriebes überhaupt möglich. Wir können daher nur eine Bezahlung der Mitarbeiter zu marktüblichen Bedingungen anbieten.“

Wohlthat’sche in der Krise

Die 2005 von Weltbild zunächst hälftig und nach Integration in die DBH 2008 komplett übernommene MA-Kette Wohlthat’sche ist von ursprünglich 53 Filialen mittlerweile auf 36 verkürzt worden. Hintergrund sind die in den vergangenen drei Jahren in siebenstelliger Höhe aufgelaufenen Verluste nach Umsatzeinbrüchen, die auch flächenbereinigt, also unabhängig von Filialschließungen, knapp 10% betragen haben sollen. Für die Wohlthat’schen Läden wurde allein im Geschäftsjahr 2007/08 bei einem Umsatz von gut 20 Mio Euro ein Jahresfehlbetrag von mehr als 2 Mio Euro erwirtschaftet. Geschäftsführer Ulrich Daniels blieb bislang der Gang zum Insolvenzgericht offenbar nur deshalb erspart, weil die DBH mit Rangrücktrittserklärungen auf ein 3,8 Mio Euro schweres Gesellschafter-Darlehen eine Überschuldung verhindert habe.

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