Friedenspreis an Amartya Sen

Amartya Sen erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020. Er wurde live zur Verleihung des Friedenspreises durch Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs in der Frankfurter Paulskirche zugeschaltet.
(Foto: Tobias Bohm)

In einer Zeit, die stark von der Coronavirus-Pandemie gezeichnet ist, setzte die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Amartya Sen den Akzent auf die grundlegendere, aber ebenfalls globale Bedrohung: die „Pandemie des Autoritarismus“.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte den indischen Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen Amartya Senin seiner Laudatio als moralische Instanz, als Kämpfer für globale Gerechtigkeit und als Demokraten. Er betonte die zentrale Rolle, die Demokratie in Sens Vorstellungen von Gerechtigkeit und Freiheit einnimmt und verwies auf den immerwährenden Wettstreit politischer Systeme bei der Beantwortung der zentralen Fragen unserer Zeit.

In seiner Dankesrede rückte Sen die Bedeutung der Meinungsfreiheit und Streitkultur für Freiheit, Frieden und Fortschritt in den Mittelpunkt und warnte vor deren zunehmender Gefährdung durch autokratische Systeme. Den Streit als Möglichkeit, seine eigene Meinung kundzutun und die der anderen anzuhören, beschreibt Sen als fundamental und zugleich als stark gefährdet: „Wenn die Redefreiheit beschnitten wird und Menschen dafür bestraft werden, dass sie ihre Meinung sagen, können wir in dem Leben, das wir führen können, schweren Schaden erleiden. Leider gehört die erhebliche Einschränkung der Meinungsfreiheit nicht der Vergangenheit an, und es gibt immer mehr Länder, in denen autoritäre Entwicklungen die Freiheit zu widersprechen schwieriger – oft viel schwieriger – machen als früher. Die repressiven Tendenzen in vielen Ländern der heutigen Welt – insbesondere in Asien, in Europa, in Lateinamerika und innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika – geben Anlass zur Sorge. Mein eigenes Land, Indien, gehört ebenfalls in diesen beklagenswerten Korb.“

Anhand von Beispielen legte der Friedenspreisträgerdar, wie Regierungen auf unterschiedliche Weise Teile der Gesellschaft unterdrücken und in ihren Rechten beschneiden: „Der Autoritarismus verhängt direkte Strafen gegen Menschen; dazu gehören die Verletzung der persönlichen Freiheit und der politischen Freiheitsrechte. Darüber hinaus aber hängt der soziale Fortschritt in hohem Maße von menschlicher Kooperation ab, und eine Spaltung der Gesellschaft durch die Verfolgung missliebiger Gruppen kann die gemeinsame Arbeit für den Fortschritt um ein Vielfaches schwieriger machen. Ich will keineswegs behaupten, dass in einem autoritären System niemals je sozialer Fortschritt erreicht werden kann. Das ist manchmal durchaus möglich, aber tendenziell wird der Fortschritt ernsthaft behindert, wenn Streit und kritische Diskussionen verboten und die Interessen einiger Menschen beharrlich ignoriert werden.“

Er sagte: „Die Welt ist heute mit einer Pandemie des Autoritarismus konfrontiert, die das menschliche Leben auf je unterschiedliche, aber zusammenhängende Weise in Mitleidenschaft zieht. Angesichts unserer globalen Verbindungen und der Bedeutung unseres gemeinsamen Menschseins gibt es allen Grund, uns nicht nur um unser eigenes Land, sondern auch um andere ernsthaft Sorgen zu machen und uns für Probleme überall auf der Welt zu interessieren.“ Und so schloss er mit einem Appell: „Heute ist gesellschaftlich kaum etwas dringlicher geboten als globaler Widerstand gegen den zunehmenden Autoritarismus überall auf der Welt. Der notwendige Widerstand kann auf vielerlei Art erfolgen, aber mehr Lesen, mehr Reden, mehr Streiten sollten ohne Zweifel Teil dessen sein.“

Börsenvereins-Vorsteherin Karin Schmidt-Friderichs bezeichnete Sens Schriften als ein geeignetes Fundament für den Aufbau einer besseren Welt nach Corona: „Sen ist ein Vordenker in Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, als Feminist und als Weltenbürger, der der Weisheit des Ostens eine stärkere Stimme verleiht. Die Lektüre von Amartya Sen kann so etwas sein wie der Polarstern für eine weltoffene, gerechte Gesellschaft. Sie kann Orientierung geben und Ansporn sein. Sie kann helfen, keine faulen Kompromisse zu machen, sondern Wege zu finden, die mutig sind.“ 

Die Verleihung des Friedenspreises ist seit 1950 feierlicher und politischer Abschluss der Frankfurter Buchmesse. Wie die Messe selbst, die deutlich reduziert und mit digitalen Formaten ausgetragen wurde, fand auch die Friedenspreisverleihung  in der Frankfurter Paulskirche pandemiebedingt ohne geladene Gäste statt. Amartya Sen wurde live aus den USA zugeschaltet. Die Laudatio von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der sich am Vortag der Verleihung in Quarantäne begeben musste, wurde durch Schauspieler Burghart Klaußner verlesen.

Hier geht es zur Begründung der Jury, zu den Reden, zur Biografie und Bibliografie von Amartya Sen.

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