Alles ist im Fluss

(Foto: privat)

Ich schreibe entweder in meinem Büro oder draußen in einem Park in der Nähe meines Hauses.

In meinem Büro hängen viele Bilder meiner Familie und von Orten, die ich bereist habe. Ein Abenteurer zu sein, macht einen großen Teil meiner Persönlichkeit aus, und es gibt mir Energie, Bilder von uns beim Rucksackurlaub zu sehen.

Der Park ist für mich auch ein großartiger Ort. Es ist ruhig und ich kann einen kleinen Fluss sehen, der in einen See in der Nähe mündet. Ich mag frische Luft und ich habe festgestellt, dass mich der Aufenthalt in der Natur automatisch kreativer macht. Wenn ich draußen bin, habe ich die meisten Ideen. Manchmal entwickle ich seitenweise Dialoge in meinem Kopf, während ich wandere oder Fahrrad fahre. Der Trick ist, nach Hause zu kommen und es aufzuschreiben, bevor ich es vergesse.

 

Haben Sie feste Arbeitszeiten?

Das kommt auf das Projekt an. An erster Stelle steht: Ich bin ein Elternteil. Wenn ich an einem Buch arbeite, widme ich für gewöhnlich den ersten Teil meines freien Tages dem Schreiben, schreibe mindestens zehn Seiten, bevor ich mich anderen Aktivitäten zuwende. Andererseits kann mir der Tag entfliehen. Man setzt sich hin, um ein paar E-Mails zu beantworten, und mir nichts, dir nichts sind drei Stunden vergangen.

„Das Café am Rande der Welt“, „The Big Five for Life“ und „Safari des Lebens“ habe ich geschrieben, bevor ich Vater wurde, daher konnte ich anders über meine Zeit verfügen. Ich schrieb unaufhörlich, oft sechs oder sieben Stunden, zu allen Tageszeiten. Ich schrieb „Safari des Lebens“ in zehn Tagen, oft bis spät in die Nacht. Wenn ich schreibe, ist es, als ob die Zeit still steht. Ich betrete diese andere Welt und es kann sich tatsächlich seltsam anfühlen, wenn ich zurückkomme.

Habe ich mich erst auf ein Projekt eingelassen, habe ich den ganzen Tag über Ideen. Ich fahre irgendwohin und die Figuren reden in meinem Kopf. Manchmal muss ich anhalten und es aufnehmen, weil ich wirklich mochte, was durch mich hindurchfloss und ich weiß, dass ich es vergesse, wenn ich es nicht festhalten kann.

Brauchen Sie eine bestimmte Atmosphäre zum Arbeiten?

Ich finde Lärm sehr ablenkend. Ein Fernseher, der eingeschaltet ist, oder telefonierende Menschen schaffen nicht die Atmosphäre, die ich brauche. Schreiben bedeutet für mich, die Figuren reden zu hören und mich so darin zu vertiefen, dass ich wirklich dort bin. Alles, was das verhindert, ist ein Problem. Naturgeräusche stören mich interessanterweise nicht. Vogel­gezwitscher und umherlaufende Eichhörnchen sind kein Problem. Ich brauche also nicht absolute Ruhe. Wenn es lärmt, dürfen es nur keine ablenkenden Geräusche sein.

Arbeiten Sie allein oder teilen Sie Ihre Gedanken mit jemandem?

Bis ganz zum Schluss arbeite ich allein. Nachdem ich ein Buch geschrieben habe, redigiere ich es 15- bis 20-mal. Die ersten 10-Mal bearbeite ich es an meinem Laptop. Die letzten 10-Mal arbeite ich mit den gedruckten Seiten und gehe sie durch. Auf Papier zu lesen ist ganz anders als am Bildschirm. Ich fühle und sehe Dinge anders, wenn ich die gedruckten Seiten lese.

Wenn ich glaube, dass das Buch fertig ist, bitte ich 10 Leute, es zu lesen und mir sehr kritische Rückmeldung zu geben. Ich möchte wissen, welche Teile sie sehr mochten und unbedingt wissen, welche Teile verwirrend waren oder nicht „geflossen“ sind. Ich suche nach Tendenzen in ihren Antworten. Eine einzelne Meinung ist nur eine einzelne Meinung. Wenn aber 4 von 10 Leuten einen Teil verwirrend finden, weiß ich, dass ich noch einmal daran arbeiten muss.

Haben Sie stets einen Notizblock dabei?

Wenn ich an einem Buch arbeite, ist es wichtig, etwas dabeizuhaben, mit dem ich meine Gedanken einfangen kann. Ich benutze oft mein iPhone dafür. Ich habe auch Post-it-Zettel auf meinem Nachttisch. Es kommt schon mal vor, dass ich in der Dunkelheit kurz vorm Einschlafen noch eine großartige Idee habe. Also mache ich das Licht an, schreibe es auf und lösche das Licht wieder. Kaum liegt mein Kopf auf dem Kissen, habe ich eine weitere Idee. Also Licht an, aufschreiben und wieder Licht aus. Nach dem dritten Mal weiß ich, dass ich in mein Büro gehen und tippen muss. Etwas fließt durch mich hindurch und die Post-it-Zettel reichen nicht aus.

Gibt es besonderes Mobiliar in Ihrem Raum?

Eigentlich nicht. Ich habe einen Schreibtisch und einen Stuhl und blicke durch mein Fenster auf einen kleinen See. Ich prüfe gerade Möglichkeiten für einen Stehtisch oder einen Aufsatz für meinen aktuellen Schreibtisch, sodass ich auch stehend arbeiten kann. Es kommt vor, dass ich schreibe und es wirklich fließt, und plötzlich sind Stunden vergangen. Das kann einen körperlich strapazieren, wenn man sitzt, daher prüfe ich, wie ich stehen und tippen kann. Ich habe auch darüber nachgedacht, nur Stimmerkennungs-Software zu verwenden. So könnte ich im Büro herumlaufen und sprechen, anstatt die Stimmen in meinem Kopf über die Tastatur zu konvertieren. Wir werden sehen.

Auf was können Sie während des Arbeitens nicht verzichten?

Meinen Laptop, definitiv. Ich bewundere Autoren der Vergangenheit, die ihre Inhalte mit der Hand geschrieben haben. Ich hingegen habe schon das Problem, dass ich langsamer tippe als ich denke. Mit der Hand zu schreiben, wäre noch schlimmer. Also erlaubt mir mein Laptop, meine Gedanken relativ schnell einzufangen und auch eilig zu redigieren. In meinen Büchern kommen ja viele Dialoge vor. Wenn die Figuren sich in meinem Kopf unterhalten und ich nicht mitkomme, ist das ein Problem.

Ich bin auch ein Schönwetter-Mensch. Ich verbringe meine Tage in Shorts, T-Shirts und ohne Schuhe. Eine schöne, sonnige und warme Umgebung ist wahrscheinlich die Voraussetzung für mich, gut zu schreiben. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Kreativität in irgendeiner anderen Umgebung anzuzapfen.

Gibt es spezielle Momente oder Rituale, die Sie inspi­rieren?

Um ehrlich zu sein: Der besondere Moment ist die Entscheidung, ein Buch zu schreiben. Ich habe teilweise Jahre nichts geschrieben und dann mehrere Bücher in einem einzigen Jahr. Wenn ich ein Konzept habe und mich diesem verpflichte, beginnen die Ideen zu fließen. Es ist beinahe etwas wie einen Schalter umzulegen. Den Charakteren sagen: „Okay, fangt an zu sprechen, ich bin bereit.“ Bei den wenigen Malen, an denen ich versucht habe, ohne diese Verpflichtung zu schreiben, ist nicht annäherend dieser Fluss zustande gekommen. Ich merke dann, dass der Inhalt einfach nicht das gewünschte Kaliber hat.

Dürfen Gäste Ihr Arbeitszimmer betreten?

Ich bevorzuge es, niemanden während des Schreibens um mich zu haben. Wie bereits erwähnt, verschwinde ich gewissermaßen, wenn ich diese andere Welt betrete. Andere Menschen um mich zu haben und sie in mein Büro kommen zu lassen, würde dieses Eintauchen verhindern.

Aus dem Amerikanischen von Daniela Zielberg

John Strelecky

wurde 1969 in Chicago, Illinois (USA), geboren. Er absolvierte sein Studium und eine Pilotenausbildung, um seinen Kindheitstraum vom Fliegen großer Flugzeuge zu verwirk­lichen. Nach der Diagnose einer Herzschwäche musste er umdenken und wurde Unternehmensberater. Im Jahr 2002 nahm er sich eine neunmonatige Auszeit und bereiste mit seiner Frau als Rucksacktourist die Welt. Die einschneidenden Erfahrungen inspirierten John Strelecky zu seinem ersten Buch, das in der englischsprachigen Welt unter dem Titel „The Why Cafe“ erschienen ist. Seit 2015 bietet sein Unternehmen „John Strelecky & Friends“ im deutschsprachigen Raum Seminare an, die seine „Big Five for Life“-Philosophie vermitteln. Am 26. Oktober ist bei dtv eine Sonderedition des „Café am Rande der Welt“ erschienen, die eine Weihnachtsgeschichte des Autors enthält.

 

Bestseller

Titel bester Platz (Dauer*)

Das Café am Rande der Welt (2/2007) 1 (171 Wochen)

The Big Five for Life (2/2009) 3 (140 Wochen)

Safari des Lebens (1/2010) 27 (41 Wochen)

Wiedersehen im Café… (5/2015) 4 (126 Wochen)

Das Leben gestalten … (2/2018) 19 (32 Wochen)

*Verweildauer auf der Bestsellerliste  Quelle: buchreport

Der Sprung ins eigene Abenteuer

John Strelecky über seine Selbstfindung und den inneren Schreibbefehl

(Foto: Heike Bogenberger)

Mein Weg zum Schriftsteller ist schon interessant. Es fing an, als ich mein „normales“ Leben hinter mir ließ und mich entschied, meinen lang gehegten Traum zu verwirklichen, die Welt zu sehen. Ich war damals 32 Jahre alt. „Zu alt, um einen lukrativen Job aufzugeben und sich wie ein Student zu verhalten“, sagten mir viele Leute. Ich hörte auch oft das Wort „verrückt“, als die Leute erfuhren, was ich vorhatte. Ich hatte mich von der Armutsgrenze emporgearbeitet und der allgemeine Tenor war nun mal, dass man das nicht wegwirft, wenn man es einmal erreicht hat. Die Sache war allerdings die, dass ich an einem Punkt angekommen war, an dem ich mir nicht vorstellen konnte, den gleichen Weg weiterzugehen und damit glücklich zu sein. Schwierige Entscheidung hin oder her. Etwas musste sich jedenfalls ändern.

Auch wenn es dem Großteil meines Umfelds verrückt erschien, machte ich mich auf in ein Abenteuer: ein Jahr mit dem Rucksack um die Welt. Nach nur einer Woche schrieb ich in mein Tagebuch, dass es vor meinem Aufbruch 1000 Gründe gegeben hatte, warum diese Reise keinen Sinn ergeben würde, aber bereits nach sieben Tagen unterwegs waren alle diese Bedenken weggewischt.

Jenes Jahr hat mein Leben verändert. Ich erlebte Menschen und Tiere, Ruinen und Kulturen, von denen ich als Kind geträumt hatte. Ich habe mehr über das Leben, über die Welt und über mich selbst erfahren als in all meinen vorherigen Lebensjahren zusammen. Was vielleicht am wichtigsten war: Ich fühlte mich das erste Mal seit langer Zeit frei.

Vier Monate nach meiner Rückkehr sagte mir etwas, dass ich mich hinsetzen und schreiben sollte. Es war wie eine innere Stimme.

Wenn man in Ländern unterwegs ist, deren Sprache man nicht spricht und also auch die Zwischentöne nicht versteht, lernt man, dieser inneren Stimme zu folgen. Oft ist es das Einzige, was man hat. Als sie mir also sagte „schreib“, setzte ich mich hin und schrieb.

Über 21 Tage floss etwas durch mich hindurch und auf die Seiten. Ich dachte nie darüber nach, was ich schrieb. Ich las nicht einmal, was jeden Tag floss. Ich schrieb einfach. Nach Ablauf der 21 Tage fühlte ich, dass dieser Fluss beendet war. Also druckte ich das Geschriebene aus, stellte es in ein Regal und beließ es dort eine kleine Weile. Was sich auf diesen Seiten befand, als ich es dann eine Woche später las, war beinahe Wort für Wort, was sich in meinem ersten Buch „Das Café am Rande der Welt“ befindet.

 

Viele Absagen, aber inspirierte Leser

Seit jenem Tag war nicht immer alles im Fluss. Ich wurde von mindestens 100 Verlagen weltweit abgelehnt. Wahrscheinlich sogar eher 200. Ich bekam sogar eine Absage von jemandem, der noch nicht dazu gekommen war, es direkt zu lesen, während mein Buch bereits auf der Bestsellerliste stand.

Doch hier sind wir jetzt. Die kleine Geschichte „Das Café am Rande der Welt“ wurde in 35 Sprachen übersetzt und war ein Nummer-1-Bestseller für über 156 Wochen auf drei verschiedenen Kontinenten. Das Wichtigste ist jedoch, dass es die Leser inspiriert hat, was großartig ist. Es war auch der Startschuss für weitere Bücher. „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“, „The Big Five for Life“, „Das Leben gestalten mit den Big Five for Life“, „Safari des Lebens“ … Auch diese Bücher haben Millionen Leser berührt und inspiriert, was einen Demut lehrt und gleichzeitig großartig ist.

Als Kind habe ich am liebsten Abenteuerbücher gelesen. Ich liebte sie, weil auch ich ein Abenteurer sein wollte. Als ich diesen Traum habe Wirklichkeit werden lassen und mit dem Rucksack durch die Welt gereist bin, habe ich wirklich zu leben begonnen. Ein Autor zu sein, hat daran großen Anteil.

Ich bin immer noch Abenteurer im Herzen. Eine meiner größten Wonnen ist es, von Lesern zu hören, dass ihnen meine Bücher irgendwie geholfen haben, den Sprung in ihre eigenen Abenteuer zu wagen.

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