Monatspass

»Veränderung braucht Rituale«

Kerstin Kraft und Kai Sonntag. Fotos: Raum Für Führung.

Kerstin Kraft und Kai Sonntag. Fotos: Raum Für Führung.

Manche Manager meinen, im Change müssten alte Zöpfe konsequent abgeschnitten werden. Deshalb schaffen sie bisweilen auch bewährte „Rituale“ ab – insbesondere, wenn diese wie überholte Routinen ohne großen Geschäftsnutzen wirken. Doch das könnte voreilig sein: Rituale haben gerade in komplexen, emotional aufgeladenen Situationen oft entscheidenden Einfluss.

Wer das zu nutzen weiß, bringt Change-Vorhaben schneller und einfacher ans Ziel. Berater Kerstin Kraft und Kai Sonntag im Channel Produktion & Prozesse von buchreport.de über den Nutzen der Rituale.

Ein Fallbeispiel: Jeden ersten Freitag im Monat verbinden die Firmenkundenberater einer mittelständischen Bank ihre Vertriebsrunde mit einem gemeinsamen Frühstück in einer der Filialen. Zahlen und Fachliches besprechen, aber auch Erfolge feiern, sich im vertrauten Kreis mal Ärger oder Frust von der Seele reden oder sich einen Rat von Kollegen holen. Das war schon immer so, oder zumindest kann sich keiner der Beteiligten erinnern, dass es je anders gewesen wäre. Doch jetzt soll Schluss sein damit. Der neue Vertriebsleiter der Bank hat per E-Mail mitgeteilt: „Im Zuge der Re-Organisation des Vertriebs“ würden künftig sämtliche standortübergreifenden Besprechungen „nur noch per Video-Chat“ stattfinden – das sei erstens zeitgemäß und würde zweitens Kosten sparen.

Wie, meinen Sie, reagieren die Berater?

Wer Rituale gedankenlos streicht, macht sich Veränderung schwerer als nötig

Genau: Verstimmt. Das wäre vielleicht noch hinzunehmen, denn wer freut sich schon über die Abschaffung von gewohnten Annehmlichkeiten im Zuge von Veränderungen. Womöglich könnte es im Sinne eines Aufrüttelns sogar gewollt sein. Doch wenn Mitarbeiter im Kontext von Change-Vorhaben den Sinn solcher Ritual-Streichungen nicht verstehen, werden zusätzliche Widerstände mobilisiert und die vorhandene Verunsicherung möglicherweise noch verstärkt.

Der Grund dafür ist einfach: Rituale wie das im Beispiel beschriebene – gemeinsame Frühstücke oder Mittagessen, bestimmte, ritualisierte Arten des Feierns von Vertrags- oder Projektabschlüssen, der wöchentliche Betriebsrundgang des Chefs oder andere „Traditionen“ – vermitteln Zugehörigkeit, Sicherheit und Orientierung. Gleichzeitig reduzieren sie Komplexität. Rituale sind Inszenierungen, die nicht nur kognitiv wirken, sondern über die Kraft des Sinnlichen, Symbolischen und Emotionalen. Dadurch können sie erstaunlich machtvoll sein. Kurz: Rituale wirken wie Knoten im sozialen Netz der Organisation.

Rituale als Plattformen nutzen

Genau deshalb eignen sich Rituale auch als „Plattformen“ für das Umsetzen von Change-Vorhaben: Sie bieten Change-Managern einen hervorragenden Rahmen, um Veränderungen in die Organisation hineinzutragen. Veränderungen bedeuten für die Betroffenen, dass sie sich von allerlei Vertrautem verabschieden müssen und Neuland betreten. Das löst oft Ängste, Ärger und auch Widerstand aus. Wer Menschen für Veränderungen gewinnen will, muss genau dort ansetzen. Das ermöglichen Rituale, indem sie durch ihren formalen Ablauf, ihre Dramaturgie, Halt geben und die Möglichkeit, sich im geschützen Rahmen und gemeinsam mit anderen mit dem Neuen und den eigenen Gefühlen dazu auseinanderzusetzen. Durch bewusst gesetzte und zelebrierte Botschaften kann das Alte gewürdigt und der Blick schließlich auf den Neubeginn gerichtet werden. So wird das Veränderungsgeschehen nicht nur auf der rationalen Ebene, sondern durch Wahrnehmen und Erleben auch auf der emotionalen und zwischenmenschlichen Ebene „verarbeitet“. Also genau der Dimension, die in den Projekten meistens die größten Schwierigkeiten bereitet.

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Dazu können bestehende Rituale genutzt oder weiterentwickelt werden oder auch eigens neue kreiert werden. Wichtig dabei ist, dass die Mitarbeiter eingebunden werden und die angepassten oder neuen Rituale gut an die Unternehmenskultur andocken können.

Stellen Sie sich vor, der neue Vertriebsleiter unserer Beispiel-Bank hätte die Frühstücke nicht einfach per E-Mail gestrichen – sondern hätte selbst an einem oder zwei Frühstücken teilgenommen, seine Beweggründe und Ziele der Reorganisation vorgestellt und die Beteiligten dann aufgefordert, ihm einen Umgestaltungsvorschlag für das Treffen im Sinne der Veränderung zu machen. Es zum Beispiel als informellen Resonanzzirkel im Veränderungsprozess zu nutzen.

Sehr wahrscheinlich hätte er damit auch nicht nur Zustimmung geerntet. Aber er hätte Interesse und Respekt gegenüber dem bestehenden Ritual zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig die Notwendigkeit der Veränderung und Weiterentwicklung – auch des Rituals – verdeutlicht.

Auch bei Ritualen kommt es auf die Passung an

Natürlich werden Sie nicht jedes Ritual beibehalten oder abwandeln, das Sie entdecken. Es könnte durchaus sein, dass Sie sich sehr bewusst von Ritualen – gerade auch beliebten – trennen. Weil vielleicht ihre Symbolik oder die zwischen den Zeilen transportierten Botschaften nicht zu Ihrem Change-Projekt passen. Das könnte, nebenbei bemerkt, der Anlass für ein (Abschieds-) Ritual sein.

Auf jeden Fall setzen Sie damit deutliche Zeichen und vermeiden andererseits eine „Ritual-Inflation“, denn weniger und stimmiger ist auch bei Ritualen mehr.

Deshalb empfehlen wir Ihnen einen bedachten Umgang mit Ritualen. Beobachten Sie zunächst und versuchen Sie die Bedeutung des Rituals und seine Codes zu verstehen. Wer sind die Teilnehmer, was die Anlässe? Welche Werte und Haltungen werden damit gefördert oder verhindert? Welche neuen Perspektiven lassen sich damit erproben? Welche Wirkung hat das Ritual in die Organisation hinein?

Erst dann können Sie wirklich entscheiden: Soll das Ritual gestrichen werden? Oder würde es mehr Sinn machen, es zu behalten? Und für den Fall, dass ein Ritual grundsätzlich nützlich erscheint, aber nicht ganz zum Change-Projekt passen mag: Vielleicht kann es ja verändert werden wie im obigen Beispiel.

Das eigene Change-Vorhaben ritualisieren

Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, nicht nur bestehende Rituale für Change-Vorhaben zu nutzen, sondern zusätzlich auch neue, auf die spezifische Veränderung zugeschnittene Rituale einzuführen: so manches Standardelement von Change-Prozessen lässt sich als Ritual verstehen und gestalten: Ein Kick-off-Ritual zum Start jedes Teilprojektes, um den Beginn der Veränderung zu markieren und „Aufbruchsstimmung“ zu erzeugen. Ein „Klartextritual“ begleitend zur Veränderung, das Beteiligten die Gelegenheit gibt, ihre Sicht auf den Change zu äußern und wenn nötig ihrem Unmut über die Schwierigkeiten beim Change Luft zu machen oder sich über Ängste oder Vorbehalte auszutauschen. Und ein „Erfolgsritual“ als positiver Verstärker für das Erreichen jedes Meilensteins, um den eigenen Fortschritt zu feiern.

Der entscheidende Unterschied ist, vom zähen Zahlen-Daten-Fakten-Meeting zu einem gemeinsamen Erleben und gemeinsam getragener Überzeugung zu kommen. Es wird spürbar, wie die verschiedenen Personen zu den Veränderungen stehen und wie sich das Neue anfühlt. Denn die angestrebten neuen Werte und Muster sollten sich bereits im Change-Prozess und seiner Gestaltung zeigen.

Unsere Empfehlungen für Führungskräfte und Change-Manager lauten daher:

  1. Beobachten Sie zunächst die Kultur in der Organisation: Welche Rituale gibt es? Welche könnten der Veränderung zuträglich sein, welche abträglich?
  2. Wenn Sie zuträgliche Rituale identifiziert haben, überlegen Sie: wie könnten Sie diese für Ihre Ziele nutzen? Können Sie bestehende Rituale übernehmen oder anpassen? Sollten Sie neue kreieren?
  3. Wichtig dabei ist, dass Sie die Mitarbeiter einbinden und auch neue Rituale anschlussfähig an die Kultur der Organisation sind.

Fazit

Auch wenn Rituale vielleicht auf den ersten Blick etwas sperrig oder merkwürdig wirken, lohnt sich eine intensivere Beschäftigung damit, denn sie können wie ein Katalysator für das Change-Projekt wirken. Insofern ist die Frage nicht, „ob“ Veränderungen Rituale brauchen, sondern „welche“ sinnvoll sind und wie sie wirksam eingesetzt werden können. Für Change-Manager ist es daher eine der wichtigsten Aufgaben, dies frühzeitig zu bedenken und entsprechend zu gestalten.

Mit freundlicher Genehmigung von Raum Für Führung.

 

Kerstin Kraft und Kai Sonntag sind freie Berater im Raum Für Führung, Kerstin Kraft mit Standort Aschaffenburg, Kai Sonntag mit Standort Frankfurt.

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