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»Eine unglaubliche Zeitersparnis für Journalisten«

Künstliche Intelligenz ist in der Medizin oder im Finanzsektor bereits ein fester Bestandteil des Geschäfts. Auch im Medienbereich findet die Technologie zunehmend Anwendung. Wie wird KI den Journalismus verändern? Befürworter betonen den Nutzwert von KI für den Journalismus. Kritiker befürchten: „Roboterjournalisten“ könnten Redakteure ersetzen.

Reinhard Karger. Foto: Christian Krinninger

Reinhard Karger, Jahrgang 1961, studierte theoretische Linguistik und Philosophie in Wuppertal und war Assistent am Lehrstuhl Computerlinguistik der Universität des Saarlandes. Seit 2011 ist er Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Karger ist derzeit zudem MINT-Botschafter des Saarlandes und einer der 100 Fellows des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes. Foto: Christian Krinninger.

Zu den Befürwortern zählt Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Im Interview im IT-Channel von buchreport.de (erstmals im „Fachjournalist“ veröffentlicht) erklärt Karger, warum er davon überzeugt ist, dass KI den Journalismus verbessern wird.

Was versteht man unter Künstlicher Intelligenz?

Künstliche Intelligenz meint die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten. Sprechen, Erkennen, Verstehen von Sprache gehören dazu. Natürlich beeinflusst das viele Berufe, in denen Wissensfähigkeiten als Werkzeuge eingesetzt werden. Künstliche Intelligenz erhöht die Effizienz und die Qualität der Arbeit und unterstützt die kreative Leistung, ersetzt sie aber nicht. Letzterer Aspekt kommt meist leider zu kurz – auch wenn man mit Journalisten spricht.

Wieso wird das Thema „Künstliche Intelligenz“ in der öffentlichen Wahrnehmung kritisch gesehen?

Mein Eindruck ist, dass viele Journalisten eingeschüchtert sind durch die lautstarken PR- und marketinggetriebenen Leistungsversprechungen von KI, die im Wesentlichen aus den USA kommen.

Journalisten sehen sich selbst und zu Recht als Meister der Sprache – und sie fürchten, dass der Computer, der so vieles besser kann als der Mensch, am Ende auch besser mit Sprache umgehen wird. Maschinen kennen zum Beispiel natürlich nicht so etwas wie die sehr menschliche Angst vor dem „weißen Blatt Papier“.

Inwiefern kann der Journalismus von KI profitieren?

Offensichtlich bei der Recherche. Anderes Beispiel: Spracherkennung, eine Anwendung von Künstlicher Intelligenz, liefert bereits heute richtig gute Resultate bei der Verwendung als Diktiersystem, wird aber mittelfristig auch Gespräche in Texte wandeln können. Das würde bedeuten, dass der Journalist nach einem Interview nicht nur eine Audiodatei, sondern eine erträgliche Transliteration, also eine Niederschrift seines Gesprächs vor sich sieht. Eine unglaubliche Zeitersparnis für Journalisten!

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Bei anderen Werkzeugen, die KI bereitstellen kann, geht es um datenjournalistische Anwendungen. Komplexe Daten können mithilfe von Computern ausgewertet und visualisiert werden, dabei geht es um Tools für Informationsextraktion, Clustering, Summarization, aber natürlich auch um maschinelle Übersetzung für die multilinguale Erschließung von Quellen. Die Fragen müssen aber am Ende immer noch Journalisten stellen.

Wo kommt automatisierter Journalismus schon zum Einsatz?

Beim automatisierten Journalismus geht es aktuell meistens darum, dass strukturierte Informationen – also Tabellen – in natürlichsprachliche Texte überführt werden sollen.

Strukturierte Daten liegen vor allem in den Bereichen Sport, Wetter und Börse vor. Hier bieten Firmen wie Retresco, 2TXT oder Automated Insights bereits seit geraumer Zeit automatische Textgenerierung an. Sofern genügend Daten vorliegen, können lokale Wetterberichte, Börsennachrichten, Spielberichte im Sport, aber auch Produktbeschreibungen automatisch erzeugt werden. Darauf greifen auch deutsche Medien zurück.

Ein Beispiel: Ein Kleinaktionär ruft die Webseite eines Unternehmens auf und interessiert sich für den Aktienkurs. Wenn eine Tabelle zur Kursentwicklung der Aktie vorliegt, kann man aus diesen Fundamentaldaten automatisch kurze Texte erzeugen. Das kann für ein Unternehmen interessant sein.

KI kann hier eine Bereicherung sein, denn so erschließen sich neue Veröffentlichungsmöglichkeiten. Diese Darreichungsform – Tabelle in Text überführen – kann natürlich auch der Mensch leisten, allerdings nur dann, wenn er sich selber zum Schreibsklaven degradiert.

Wo liegen die Grenzen von automatisiertem Journalismus?

Gewisse Textsorten – bei denen die persönliche Erfahrung wichtig ist – wie die Reportage, der Kommentar, die Kritik oder die Glosse können mittel- bis langfristig nicht von Maschinen erstellt werden.

Eine wichtige Frage ist in meinen Augen: Wie wird der Fortschritt bei der Sprachsynthese das Radio verändern? Wie man an den Beispielen Google DeepMind, WaveNet oder Google Duplex sieht, wird diese immer besser. Sprachsynthese funktioniert bei kurzen Durchsagen – etwa an Bahnhöfen oder bei Telefondialogsystemen in Call Centern – schon ganz gut. Für alle weiteren Aspekte braucht man aber die ungebremste Power der Prosodie, der Sprachrhythmik. Die Frage ist: Können Maschinen Prosodie? Die passende Satzmelodie kann man nur dann wählen, wenn man die Inhalte versteht. Deshalb unterscheidet man zwischen „Text to Speech“ – wie etwa bei Call-Center-Systemen – und „Content to Speech“. Bei Letzterem ist die Inhaltsanalyse wichtig, um die richtige Satzmelodie zu designen. Da gibt es durchaus Fortschritte in der Forschung, aber das maschinelle Sprachverstehen hat noch viele Hürden zu nehmen.

Was bedeutet das für den Journalismus?

Transliterierte Interviews könnten in Zukunft von einem Rechner unter Umständen besser zusammengefasst werden als derzeit. In einer Audiodatei die spontansprachlichen Effekte – „ähs“, „hms“ und so weiter – herauszufiltern, die Inhalte zu erkennen und daraus ein Ergebnis zu destillieren, das man gebrauchen könnte – das halte ich schon bald für möglich. Die Frage ist doch: Wann bekommen wir so etwas wie Photoshop für Journalismus, für Inhalte?

Wenn Interviews maschinell vorverarbeitet werden könnten, wären Journalisten redaktionell motivierter: Sie könnten viel mehr – und auch längere – Gespräche führen, denn der Mensch interessiert sich primär für den Menschen. Das könnte den Journalismus insgesamt verbessern.

Wie sehen Sie eigentlich Ihre Rolle als Unternehmenssprecher des DFKI – würden Sie sich als Lobbyist für Künstliche Intelligenz bezeichnen?

Nein. Mir geht es um den KI-Reality-Check: darum, dass die Öffentlichkeit versteht, wo Erfolg versprechende, sinnvolle Einsatzgebiete von Künstlicher Intelligenz sind, aber auch, wo ihre Grenzen liegen.

Meine Aufgabe ist es, in der nervösen Diskussion um KI für Ruhe und informierte Urteilsfähigkeit zu sorgen. Wir müssen uns einerseits mit ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigen: Wenn die Objekterkennung weiter verbessert wird, kann dies zum Beispiel in der Medizin – bei der Analyse von CT- oder MRT-Fotos – von großem Nutzen sein. Eine verbesserte Objekterkennung bedeutet aber andererseits auch, dass das anlasslose, permanente Screening im öffentlichen Raum – und damit die Zuordnung von Personen – möglich wird. Das öffnet die Tür für geheimdienstliche Anwendungen und auch das muss diskutiert werden.

In der jetzigen Debatte um Künstliche Intelligenz ist mir allerdings zu wenig Realismus. Man sollte das Wünschbare benennen können, ohne dass gleich wieder ein Horrorszenario an die Wand gemalt wird.

Felix Fischaleck. Foto: Stephan Baumann.

Felix Fischaleck. Foto: Stephan Baumann.

Die Fragen stellte Felix Fischaleck. Mit freundlicher Genehmigung von Fachjournalist.de, einer Publikation des Deutschen Fachjournalisten-Verbands (DFJV).

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