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Wie die »Computerfrauen« verloren gingen

US-Informatiker Moshe Y. Vardi. Foto: privat.

US-Informatiker Moshe Y. Vardi. Foto: privat.

Ob in Verlagen oder anderswo: IT ist Männersache. Weitestgehend. Wir haben uns daran gewöhnt: Programmiererinnen sind die Ausnahme, auch der Medienwirtschaft zum Schaden. Hunderttausende IT-Stellen können in Deutschland nicht besetzt werden. Doch das war nicht immer so.

Der „Boys‘ Club“ Silicon Valley ist ein Beispiel, wie Frauen aus der Industrie hinausgedrängt wurden. US-Informatikprofessor Moshe Y. Vardi zeigt im IT-Channel von buchreport.de, welche großen Leistungen weibliche IT-Fachleute vollbracht haben, und dass die Rekrutierungsprobleme eine lange Historie haben.

 

Sexismus bei Google

Im Juli 2017 veröffentlichte der Google-Ingenieur James Damore ein Memorandum mit dem Titel „Googles ideologische Echo-Kammer“, das die Diversity-Richtlinien von Google kritisierte. Das Memo ging viral, fand in- und außerhalb von Google weite Verbreitung und führte zu einer breiten Diskussion in den Medien. Im August 2017 entließ Google Damore wegen Verletzung des Verhaltenskodex des Unternehmens. Das amerikanische National Labor Relations Board, zuständig für Arbeitnehmer-Rechte, kam zu dem Schluss: Google verstieß nicht gegen das US-Bundesarbeitsgesetz, als es Damore entließ. Dennoch reichte Damore eine Klage wegen Diskriminierung gegen Google ein.

Das zentrale Argument seines Memos war, dass die in der Technologiebranche im Allgemeinen und bei Google im Besonderen beobachtete Geschlechterdisparität teilweise durch biologische Unterschiede zwischen Frauen und Männern erklärt werden konnte. Grundsätzlich, argumentierte Damore, seien Frauen weniger an Computern interessiert als Männer.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

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Ironischerweise ist in den letzten Jahren die historische Rolle der Frauen im Computing viel deutlicher geworden. Wir können, glaube ich, die derzeitige geschlechtsspezifische Ungleichheit bei der Datenverarbeitung nicht verstehen, ohne die Geschichte der Frauen in der IT zu verstehen.

Die Codeknackerinnen des Zweiten Weltkriegs

Welch wichtige Rollen Ada Lovelace, die erste Programmiererin überhaupt, und Grace Hopper, die „Amazing Grace“ der US-Marine, in der Entwicklung der Programmiersprachen spielten, ist allgemein bekannt. Lovelace arbeitete eng mit Charles Babbage zusammen, dem britischen Mathematiker, der als erster einen allgemein einsetzbaren Computer konzipierte und als erster erkannte, dass Computer über reine Rechenfunktionen hinaus Aufgaben übernehmen könnten. Hopper war eine der ersten Programmiererinnen des Harvard Mark I Computers und spielte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von COBOL. Aber Lovelace und Hopper sind auf weite Strecken die einzigen Frauen, die Anerkennung für ihre bedeutende Rolle in der Computergeschichte erhalten. Zum Beispiel ist es weniger bekannt, dass sieben Frauen die weltweit ersten Programmierer waren, die den ENIAC programmiert haben, den ersten universell einsetzbaren, programmierbaren elektronischen Computer.

Aber die allgemeine Unwissenheit über die Computergeschichte geht tiefer. Die frühen Programmierer waren Frauen, denn bis zur Entwicklung der elektronischen Rechner war die Informatik eine menschliche Aufgabe; „Computer“ waren Menschen, die rechneten. Das Rechnen erforderte Präzision und Geduld, und die meisten „menschlichen Computer“ vor dem ENIAC waren weiblich. Insbesondere spielten Frauen eine Schlüsselrolle beim Knacken geheimdienstlicher Codes, das die Entwicklung der Computer stark vorantrieb. Drei aktuelle Bücher beschreiben diese Schlüsselrolle der Frauen in der Kryptologie:

  •  „Women Codebreakers in Bletchley Park“ von Kerry Howard entschlüsselt das Erbe der britischen Codebrecherinnen im Zweiten Weltkrieg.
  • „Code Girls“ von Liza Mundy erzählt die Geschichte der Frauen, die mehr als 70 % der etwa 15.000 US-Codebrecher während des Krieges stellten.
  • „The Woman Who Smashed Codes: A True Story of Love, Spies, and the Unlikely Heroine Who Outwitted America’s Enemies“ von Jason Fagone erzählt das Leben von Elizabeth Smith Friedman, die 40 Jahre lang eine führende Rolle in der US-Kryptographie spielte.

Ein weiteres neues Buch, „Brotopia“ von Emily Chang, beschreibt, wie „Silicon Valley alles disruptiert – alles außer dem Boys’ Club“. „Von Anfang an“, schreibt Chang, „hat die Branche auf Männer gesetzt: zuerst auf unsoziale Nerds, dann, Jahrzehnte später, selbstbewusste und risikobereite Brüder.“ Die „Vanity Fair“ brachte einen umstrittenen Auszug, in dem Chang über „exklusive, drogenbefeuerte Sexpartys“ berichtet, bei denen Frauen Freiwild waren. Aber die umstrittenen Sex-Partys sind nur ein Ausschnitt der Gender-Probleme des Silicon Valley. Changs Buch zeigt insgesamt, wie tief frauenfeindlich das Silicon Valley ist.

Im IT-Sektor sind nur 17,4% aller Bewerber weiblich. Das zeigt die Studie „Recruiting Trends 2017“. Um die Frauenquote zu erhöhen, setzen Unternehmen vor allem auf gezielte Nachwuchsförderung oder die Präsentation eigener Mitarbeiterinnen als Vorbilder.

Ein falsches Rekrutierungssystem

A.T. Wynn und S.J. Correll, zwei Stanford-Soziologen, kommen in einem Aufsatz mit dem Titel „Puncturing the pipeline“ zu demselben Schluss: Unter Verwendung originärer Beobachtungsdaten aus Bewerber-Interviews bei Technologieunternehmen fanden sie heraus, dass Unternehmensvertreter oft Verhaltensweisen an den Tag legen, die eine abweisende Umgebung für Frauen schaffen. Sie kamen zu dem Schluss, dass Vorgesetzte „oft den Rekrutierungsprozess stören und damit dafür sorgen, dass das Interesse von Frauen für eine Technologiekarriere erstirbt“.

Man mag denken, dass diese Probleme spezifisch für Silicon Valley sind, aber die MeToo-Bewegung hat deutlich gemacht, dass auch das akademische Umfeld für Frauen feindlich sein kann.

Harte Arbeit vor uns

Wie haben wir demnach die Frauen in der IT-Industrie verloren? Sie gingen nicht einfach weg, sondern wurden hinausgedrängt. Es liegt harte Arbeit vor uns, wenn wir den Schaden beseitigen wollen.

Aus 

 

Moshe Y. Vardi ist Karen Ostrum George Distinguished Service Professor für Computational Engineering und Direktor des Ken Kennedy Institute for Information Technology an der Rice University, Houston.

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