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Geschwister-Scholl-Preis 2018 geht an Götz Aly

Für sein Buch „Europa gegen die Juden. 1880 – 1945“ (S. Fischer) wird Götz Aly mit dem 39. Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

In der Jury-Begründung heißt es: „Die Erforschung der Verbrechen des Nationalsozialismus hat der Historiker Götz Aly mit bedeutenden Büchern vorangetrieben, darunter ‚Vordenker der Vernichtung‘ (1991, mit Susanne Heim), ‚Hitlers Volksstaat‘ (2005) und ‚Warum die Deutschen, warum die Juden?‘ (2011). In seinem jüngsten Buch ‚Europa gegen die Juden. 1880-1945‘ zieht er eine Art von Summe – indem er eine markante These zu den Möglichkeitsbedingungen des Holocaust umfassend belegt und begründet, mit ganz Europa im Blick. Der Antisemitismus war demnach nicht die Sache einer Minderheit von irrationalem Hass getriebener Fanatiker. Für die Verdrängung der Juden aus dem bürgerlichen Leben gab es rationale Gründe – rational im Sinne von: erklärbar, aus den materiellen Interessen derjenigen, die von der Beseitigung der Konkurrenz profitierten. Mit verblüffendem Effekt zitiert Aly aus der prophetischen Geschichtsschreibung des bayerischen Finanzbeamten Siegfried Lichtenstaedter, der 1942 in Theresienstadt ermordet wurde. Es war möglich, den Holocaust vorauszusagen. Dann hätte er auch verhindert werden können. Und dann sollte es wenigstens möglich sein, ihn zu erklären.

Der Neid auf die als besonders tüchtig wahrgenommenen Juden ist auch nach Aly nicht die einzige Ursache dafür, dass Vorurteile im Völkermord kulminierten. Aber von dieser Ursache ist zu selten die Rede: So hässlich der Neid aussieht, er ist mit Werten verknüpft, die heute noch hochgehalten werden. Einwanderungsbeschränkungen und Berufsverbote waren sozialpolitische Maßnahmen, die in Gesellschaften des massenhaften sozialen Aufstiegs im Namen der Chancengleichheit ergriffen wurden. Heute wird in der Flüchtlingspolitik ein Widerstreit zwischen humanitären Imperativen und sozialstaatlichen Besitzständen beschworen. Alys Kapitel über die Konferenz von Évian 1938 liest sich in diesem Sinne als Lehrstück. Welche Lehre daraus zu ziehen ist, müssen Leserinnen und Leser selbst entscheiden. In einem Zeitungsartikel über Évian hat Aly in diesem Sinne den Historiker Aly vom Bürger Aly unterschieden.

Der Historiker hat die Forschung als Außenseiter geprägt, ohne Lehrstuhl und Apparat. Der Bürger sucht als Publizist den Streit, weil er auf dessen klärende Wirkung setzt. Manchmal streitet der Historiker Aly sogar mit dem Bürger Aly. Auch damit setzt Götz Aly ein Beispiel für geistige Unabhängigkeit und intellektuellen Mut.“

Götz Aly, geboren 1947, ist Historiker und Journalist. Er arbeitete u.a. für die „taz“, die „Berliner Zeitung“ und als Gastprofessor. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e.V. und die Landeshauptstadt München vergeben 2018 den mit 10.000 Euro dotierten Geschwister-Scholl-Preis zum 39. Mal. Sinn und Ziel des Geschwister-Scholl-Preises ist es, jährlich ein Buch jüngeren Datums auszuzeichnen, das von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben. Zu den Preisträgern zählten in den letzten Jahren unter anderem Hisham Matar, Garance Le Caisne, Achille Mbembe, Glenn Greenwald, Otto Dov Kulka, Liao Yiwu, Joachim Gauck, Roberto Saviano, David Grossman und Anna Politkovskaja.

Der Geschwister-Scholl-Preis wird im Rahmen des Literaturfests München vergeben. Die Preisverleihung findet am 19. November 2018 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität statt. Am 20. November 2018 ist eine öffentliche Lesung in der Buchhandlung Lehmkuhl geplant.

Der Fachjury unter Vorsitz von Michael Then, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels – Landesverband Bayern e. V.  und Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers gehörten 2018 an: Patrick Bahners (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Niels Beintker (Bayerischer Rundfunk), Jobst-Ulrich Brand (Focus), Andreas Isenschmid (Journalist und Literaturkritiker), Dr. Michael Schmitt (ZDF), Prof. Dr. Paula-Irene Villa (LMU / Institut für Soziologie) und Sonja Zekri (Süddeutsche Zeitung). Als Vertreter des Börsen-vereins Bayern sind außerdem Ulrich Dombrowsky (Buchhändler, Regensburg), Michael Krüger (Schriftsteller und Publizist) und Thomas Rathnow (DVA) Mitglieder der Jury, von Seiten des Stadtrats Klaus Peter Rupp (SPD), Marian Offman (CSU) und Dr. Florian Roth (Bündnis 90 / Die Grünen / Rosa Liste). Beratende Mitglieder waren neben Dr. Hildegard Kronawitter (Weiße Rose Stiftung e. V.) die Stadträtinnen Ulrike Grimm (CSU) und Dr. Constanze Söllner-Schaar (SPD).

 

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