Wenn die Blockchain die Downloads abrechnet…

Jenseits des Bitcoin-Hypes entwickeln sich Blockchain-Technologien verschiedenster Ausprägung kontinuierlich weiter. In der Medienwirtschaft ist die Musikindustrie mit ihrer Marktkonzentration auf wenige große Player, ihren niedrigpreisigen digitalen Gütern und ihrer internationalen Distributionsstruktur besonders qualifiziert, auf Blockchains zurückzugreifen. Steffen Holly, Geschäftsfeldleiter Media Management & Delivery beim Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie IDMT in Ilmenau, zeigt im IT-Channel von buchreport.de anhand vieler Beispiele, wie die Grundfragen vor einer Entscheidung für bestimmte Blockchain-Anwendungen lauten sollten, und was in der Musikbranche möglich und perspektivisch auch auf die Buchbranche übertragbar ist.

„Hey, wir sollten mal etwas mit Blockchain machen!“ Dieser Weckruf eines Vorstandes einer globalen Bank hat auch die Musikindustrie erreicht. Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether können der Branche nicht direkt gefährlich werden. Doch das omnipräsente Metadatenchaos bei steigenden Anforderungen an die Transparenz der Datenströme und der zunehmende Anteil prekärer kreativer Arbeit gegen Entlohnung in Centbeträgen weckt bei vielen Marktteilnehmern Hoffnungen in ressourcensparende Automatisierung. Hoffnungen auf eine Technologie, die auf dem Weg zum Scheitelpunkt des Hype-Cycle ist: die Blockchain. Das große Potential und die möglichen Auswirkungen der Blockchain als Ausprägung der „distributed ledger technologies“ (DLT), der „verteilten Hauptbuch-Technologien“ auf viele Geschäftsmodelle stehen außer Frage. Aber in dem Nebel, den viele werfen, ist es gerade schwierig, die Welt scharf genug zu sehen.

Für eine bessere Beurteilung von Möglichkeiten und Grenzen dieses Ansatzes ist es gut, ein paar generelle Fragen zu möglichen Anwendungen und deren Bedingungen im Umfeld des Geschäftes, speziell im Bereich Mediendistribution zu stellen.

Die Grundsatzfrage: Wird eine Blockchain benötigt?

Zunächst sollten die Voraussetzungen für einen Einsatz von Blockchain-Technologien geklärt werden:

  • Müssen Datenbanken dezentral verteilt werden?
  • Betreiben mehrere Schreibberechtigte selber Netzwerkknoten (Nodes) mit einer Kopie der Datenbank?
  • Liegt ein Fall sogenannter „Abwesenheit von Vertrauen“ vor und braucht man einen unabhängigen Vermittler?
  • Hängen die Transaktionen zwischen den Datenbanken voneinander ab?

Wenn man sich zum Beispiel trotz zutreffender übriger Bedingungen auf eine vertrauensvolle Vermittlerrolle (trusted intermediary) einigen kann, wird gar keine Blockchain benötigt. Denn die neue Technologie will die zentralen Gatekeeper durch ihre automatische Verifizierung von Transaktionen mittels proof-of-work, proof-of-stake oder anderer Verfahren ja ersetzen, wobei diese Prüfung von jedem Teilnehmer (Netzwerkknoten) einer Blockchain ausgeführt werden kann. Deshalb muss vor der Konzeption einer Blockchain die Frage nach der Notwendigkeit dieses fehlenden Vermittlers gestellt werden: zum Beispiel für geringere Kosten, schnellere Transaktionen, automatische Schlichtung (Reconciliation), neue Regulierungen.

Falls auch nur eine dieser Bedingungen nicht zutrifft, reichen übliche Dateispeicher und Datenbanken im Bereich „distributed computing“ oder einfache „distributed ledger technologies“ (DLT) für die Lösung der Probleme auf der Basis von:

  • Master-/Slave-Replikation bzw. Synchronisation
  • multiplen Datenbanken mit berechtigten (abonnierten) Nutzern
  • Datenbanken von Oracle & Co., MySQL, NoSQL o.ä.

Blockchain sind verteilte Datenbanken mit mehreren Schreibberechtigten, die einander nicht vertrauen und auch auf keinen vertrauenswürdigen Vermittler einigen können, wobei die zu validierenden Transaktionen alle voneinander abhängen. Sie ist eine spezielle Ausprägung der sogenannten Distributed Ledger Technologies (DLT).

Falls alle oben genannten Punkte zutreffen, müssen vor allem Regeln und Bedingungen formuliert werden, welche die Blockchain verarbeiten soll:

  • Art der Blockchain (public = offen oder private = geschlossen)
  • Regeln für die Eingrenzung und Legitimierung der Transaktionen (bei einer Datenbank reicht zum Beispiel der Status zu einem definierten Zeitpunkt, ein sogenannter constraint)
  • Wie belohne ich die Miner (aus dem System)?

Public Blockchain

Ein Netzwerk ohne verantwortlichen offiziellen Provider für die technische Infrastruktur. Auch in den Netzwerken der Kryptowährungen zum Beispiel wird auf die Identifizierung der Beteiligten verzichtet, um so vielen Nutzern wie möglich eine anonyme Nutzungsmöglichkeit bereitzustellen.

Private Blockchain

Blockchain mit Validator-/Regulator-Nodes sowie Consensus/Trust von außerhalb des Netzwerkes – zum Beispiel „Ripple“.

  • ein Netzwerk mit verantwortlichem, offiziellem Provider für die technische Infrastruktur, der einzeln (privat) oder als Gruppe (konsortial) agiert
  • die Art des Konsenses und der Identifizierung/Authentifizierung ist abhängig von der Anwendung

Die Herausforderung bei der privaten Blockchain liegt in der Definition des passenden Anwendungsfalles und in der Beteiligung einer bestimmten kritischen Masse an Teilnehmern. Deshalb ist es wichtig, sich mit den zum Teil gegensätzlichen Interessen der potentiellen Partner in der Wertschöpfungskette detailliert zu beschäftigen.

Dabei stehen einander oft die Bedürfnisse der jeweiligen Branchen und das Angebot auf Seiten der (Netzwerk-)Dienstleister bei der Standardisierung von neuen Prozessen gegenüber. Aus existierenden Pilotenwendungen können zumindest zum Teil Aussagen zu geplanten Anwendungen getroffen werden. Eigene Proof of Concepts gestatten exaktere Vorhersagen, verlangen aber Ressourcen und vor allem Durchhaltevermögen in einem Umfeld, das nach wie vor von Hype-Phantasien geprägt ist. Daneben muss man externe Einflüsse wie den rechtlichen Rahmen sowie die Lieferanten von Peripherie-Anwendungen für die Distributed Ledger Technologies (DLT) im Auge behalten.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

Mehr zum Thema IT und Digitalisierung lesen Sie im IT-Channel von buchreport und den Channel-Partnern knk und Rhenus.
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Hat man für sich selbst die ersten Überlegungen zum möglichen Einsatz gemacht und positiv beantwortet, gilt es vor allem wegen der zu erreichenden kritischen Masse die Kräfte zu sammeln und die Frage zu klären: Wie, warum und wann ist wer interessiert daran, die Vorteile der Blockchain bzw. DLT zu nutzen und zu erreichen?

Schritt 1: Abgleich der Hauptakteure und Interessenvertreter

Alle Stakeholder und ihre Rollen im möglichen Blockchain-Projekt sollten klar benannt sein, bevor die technische Ausprägung des Projekts definiert wird. Die Strategie in diesem Definitionsprozess ist dem Wandel unterworfen. Heute wird sie mit einem „Stakeholder Alignment Fokus“ (Fokus auf die Fähigkeiten, Ziele und Interessen der Stakeholder) betrieben. Da die älteren Strategien auch heute in Einzelfällen sinnvoll sein können, werden sie mit erwähnt.

  • Früher: Top-Down-Strategie (Projekt-Owner setzt den Rahmen)
  • Danach: Bottom-Up-Strategie (Stakeholder setzen den Rahmen)
  • Heute: „Stakeholder Alignment Fokus“ für Kostenanalysen, die Erstellung einer Roadmap zur Zusammenarbeit der Beteiligten zwecks Erarbeitung von Standards, die Führung von Diskussionen zu den sozialen Auswirkungen, um die Technologie zu stützen, sowie ein Verständnis eventueller Regulatoren und Rechtsrahmen

Dabei ist es wichtig, immer das wichtigste Transformationspotential der Blockchain im Auge zu behalten: den Bedarf für Vermittler zu reduzieren und die autonome Ausführung von Transaktionen zu ermöglichen. Dies bedeutet u.a.:

  • Festlegung von Übereinkünften in einer geteilten Plattform
  • Eliminierung von erforderlicher Unterstützung bei der Ausführung von Lizenz- und Royalty-Transaktionen
  • Reduzierung von Risiken auf Grund von Misstrauen gegenüber dem Vermögen oder der Verpflichtung der Parteien
  • Abschaffung von Vermittlerrollen und deren Konfliktpotential bei der Lösung der erforderlichen Geschäfte

Schritt 2: Untersuchungen zur Identifizierung der erfolgversprechendsten Usecases

Die Anwendungsfälle sollten enthalten:

  • Einen Überblick zu den Playern und deren Zahlen
  • Den aktuellen Stand der relevanten Prozesse und die Analyse der Probleme
  • Die Beschreibung der zukünftigen Prozesse und deren Nutzen
  • Die Herausforderungen und Schlüsselstellungen, die bei der erfolgreichen Einführung von DLT erreicht werden müssen
  • Ein Fazit mit der Zusammenfassung, einen Ausblick und die unbeantworteten Fragen

Dabei gilt es, folgende Ziele zu erreichen:

  • Aufklärung der Community (Projektpartner, Lieferanten, mögliche Kunden usw.) über die entscheidenden Vorteile der Blockchain
  • Hervorgehobene Kommunikation des Hauptnutzens, welcher durch eine neue Infrastruktur erreicht werden soll
  • Unterstützung existierender Untersuchungen im Rahmen von Pilotprojekten und Anstöße für neue Diskussionen zu diesem Thema
Bild: Pixabay

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Schritt 3: Findung von konkreten Beispielen für die erfolgversprechendsten Anwendungsfälle

Die potenziellen Anwendungsfälle könnte man wie folgt charakterisieren:

  1. Geteilte Aufbewahrungsorte (Shared Repository) für Informationen (Metadaten, digitale Inhalte, Lizenzinformationen) werden von mehreren Partnern genutzt. Beispiel: Eine Registrierung aller Metadaten, die alle Beteiligte und deren Art der Beteiligung festhält, aktualisiert und mit anderen Marktteilnehmern geteilt werden kann (Streaming Services, TV, Radio)
  2. Mehrere Schreibberechtigte haben Beziehungen zu den Beteiligten und deren Transaktionen (Lizenzierung, Bearbeitung), die modifiziert und geteilt werden. Beispiel: Ein Royalty-System, welches von einer kleinen Anzahl von Marktteilnehmern kontrolliert und betrieben wird, wobei jeder Marktteilnehmer unzählige Kunden (Urheber, Künstler) hat, mit denen er interagiert
  3. Minimales Vertrauen zwischen den Partnern, die gemeinsam an den Transaktionen beteiligt sind. Beispiel: Verlage, Künstler, Urheber, Collecting Societies, Label haben unterschiedliche Interessen am Vertrieb oder der Promotion von einzelnen Werken gegenüber verschiedenen Online-Services, wie zum Beispiel YouTube u.a.
  4. Vermittler, die als einzelne oder als Verbund Beziehungen validieren und Vertrauen herstellen. Beispiel: Reduktion der Bedeutung oder komplette Eliminierung der zentralen Vermittlerrolle, die Vertrauen und Nachvollziehbarkeit für Vergütungen erzielt, wie zum Beispiel Collecting Societies
  5. Gegenseitige Abhängigkeit bei Transaktionen, die von verschiedenen Beteiligten erzeugt wird. Beispiel: Bei der Änderung von Beziehungen (Katalogwechsel, Sublizenz) ändern sich auch die Grundlagen von Transaktionen von Services am Markt, welche wiederum u.ä. an Treuhänder Zahlungen von Royalties veranlassen, nachdem die Änderungen validiert und wirksam sind

Welche Anwendungen gibt es schon, welche sind im Entstehen?

  1. resonate.is – ein kooperativer Streaming-Musikdienst, der auf P2P- und Blockchain-Technologie basiert (betrieben von invoke.org)
  2. ujomusic.com – eine Basis für Künstler, die es ihnen ermöglicht, ihre kreativen Inhalte zu besitzen und zu kontrollieren und direkt dafür bezahlt zu werden, ihre musikalischen Talente mit der Welt zu teilen. (Prototyp mit der Sängerin Imogen Heap)
  3. ascribe.com – System zur Organisation von Distributionssperren, zum sicheren Teilen von Inhalten und zur Verfolgung der Verbreitung digitaler Kreationen.
  4. dotblockchainmusic.com – veröffentlichte ein umfassendes Konzept für die „Fair Trade Musikdatenbank“, ein weltweites dezentrales Blockchain-basiertes Dokumentationssystem, das die Probleme von Eigentum, Zahlungen und Transparenz lösen kann.
  5. decent.ch – Vision ist es, ein vollständig integriertes und vertrauenswürdiges weltweites System zur Verteilung digitaler Inhalte zu schaffen, bei dem der Kommunikationsfluss durch den Blockchain-Mechanismus gesichert und zeitgesteuert funktioniert.
  6. bittunes.org – ein australisches Start-up, das die Aufgabe übernommen hat, eine neue Softwareplattform zu schaffen, um verschiedenen Problemen in der Musikindustrie Abhilfe zu schaffen. Ein Projekt, das fast zehn Jahre zurückreicht, aber mit der plötzlichen breiten Einführung von Bitcoin im April 2013 enormen Auftrieb erhielt.
  7. peertracks.com – eine Plattform für Musik-Streaming, Musikhandel (Downloads), Talent-Entdeckung und Fan-Engagement, die es jedem Contentkreatoren ermöglicht, von Musik zu leben. Die grundstürzende Neuerung liegt in dem zugrundeliegenden Peer-to-Peer-Netzwerk (MUSE genannt), mit dem ein Großteil des kostspieligen Overheads vereinfacht wird oder durch Automatisierung wegfällt.
  8. singulardtv.com – ein blockchain-basiertes Entertainmentstudio mit Rechtemanagement-Plattform auf der Grundlage von Smart Contract und mit Video-On-Demand-Portal.
  9. mediachain.io – ein dezentrales Datennetzwerk, das es Organisationen, Entwicklern und Entwicklern erleichtern soll, Informationen über kreative Arbeiten auszutauschen und wiederzuverwenden (blog.mediachain.io).
  10. custostech.com – entwickelt modernste digitale Inhaltstechnologien, die es Inhaltsinhabern ermöglichen, sensible Medien zu verteilen, zu verwalten und zu schützen.
  11. steem.io – eine blockchainbasierte Social Media Plattform, auf der jeder Belohnungen verdienen kann (steemit.com).
  12. envoke.org – konstruiert eine grundlegenden Blockchain für die Registrierung von Musikwerken als Basis eines Repositoriums von Metadaten und Lizenzbeziehungen, beginnend mit unabhängigen Labels und Künstlern. Die Datenbanktechnologie stammt von ascribe.com/BigChainDB, das Backend von resonate.is.

Weitere Artikel zum Thema Blockchain finden Sie hier.

Steffen Holly studierte als ausgebildeter Industrie-Elektroniker Musik, bevor er in der Musikindustrie vor allem im Bereich Lizenzierung und Werbung arbeitete. Von 2000 bis 2009 war er als Director Audio Products & Technology Licensing bei der MAGIX AG verantwortlich für Produktentwicklung und Technologie-Lizenzen. Gemeinsam mit der späteren MAGIX-Tochtergesellschaft m2any, einem Spin-Off des Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT), leitete er die Entwicklung mehrerer neuer Ideen und Anbieter für Audio-Identifizierung und Musikempfehlungen, zum Beispiel Mufin.com. Von 2009 bis 2012 arbeitete Steffen Holly als CTO für das Berliner Startup AUPEO Personal Radio, verantwortlich für Technologie, Produkt und das globale Musiklizenz-Programm, was u.a. Kooperationen mit dem Fraunhofer IDMT und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) beinhaltete. Seit Januar 2013 leitet er das Geschäftsfeld Media Management & Delivery am Fraunhofer IDMT.

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