Wenn Maschinen das Lesen übernehmen…

Markus J. Sauerwald vom RWS Verlag am Google-Hauptquartier. Foto: privat.

Markus J. Sauerwald vom RWS Verlag am Google-Hauptquartier. Foto: privat.

Künstliche Intelligenz (KI) mechanisiert das Lesen und delegiert die so bedeutende Kulturfertigkeit an Maschinen. Was heißt dies für die Gesellschaft? Wie wird es den Fachinformationsmarkt verändern? Welche Chancen und welche Risiken bringt es den Verlagen?

Markus J. Sauerwald ist Verlagsleiter des RWS Verlages und sieht Informationstechnik als wichtigen Wettbewerbsfaktor – gerade für die vielen mittelständischen Fachverlage. Auf ausgedehnten Reisen in die Technologie-Brennpunkte Europas und der USA diskutiert er mit Markt- und IT-Experten, was neue Technologien für Gesellschaft und Medienbranche bedeuten. In einer kleinen losen Serie im IT-Channel von buchreport.de teilt Markus J. Sauerwald seine Erkenntnisse.


Lesen gehört neben Rechnen und Schreiben zu unseren wichtigen Kulturfertigkeiten. Lesen ist notwendiger Teil unserer Kommunikation. Wir reflektieren unser Wissen durch Lesen.

Künstliche Intelligenz kann Menschen inzwischen das Lesen „abnehmen“, ja im Grunde mechanisieren. Was verändert die „Übertragung“ des Lesens an ein Programm und welche Auswirkungen hat dies für alle, die den Lesestoff kreieren, verbreiten und aufnehmen: Autoren, Verlage, Buchhandlungen, Leser?

Verliert Lesen an Bedeutung?

Auch in der heutigen Zeit wird viel gelesen. Die Lesequellen sind vielfältig. Für einen großen Teil des Publikums hat in den letzten zehn Jahren die Lektüre auf elektronischen Handgeräten die Aufnahme von Information dramatisch verändert. In vielen Fällen haben diese elektronischen Geräte auch das bisherige analoge Lesemedium (Buch, Zeitung) ersetzt. Schnelllesen wird unterstützt durch die Möglichkeit, mit einer Fingerbewegung den Text in Bewegung zu bringen und am Auge vorbeiziehen zu lassen – viel schneller als selbst beim dynamischen Lesen oder „Schnelllesen“ früherer Zeiten. Das „kontemplative Lesen“, gewissermaßen das Versinken in den Text, das Innehalten und Reflektieren des Inhalts gerät darüber in Gefahr, zu kurz zu kommen.

Quantencomputer wie dieser ermöglichen Watson erst. Foto: IBM.

Quantencomputer wie dieser ermöglichen Watson erst. Foto: IBM.

Ungeachtet des Mediums bleibt das Lesen dabei eine persönliche Angelegenheit. Doch drängen zunehmend Programme zur Marktreife, die versprechen, Texte mittels hoher Rechenleistung und Programmierung zu „verstehen“. Führend ist hier das Programm IBM Watson, das Texte strukturiert und begreift und in der Lage ist, auf in natürlicher Sprache gestellte Fragen ausformulierte Antworten aus diesen Texten zu geben.

Herkömmliche Suchmaschinen dagegen vermitteln lediglich relevant erscheinende Internetseiten, auf denen User die passenden Antworten auf Suchkombinationen erwarten. Hier muss der Mensch noch entscheiden, ob die ihm angezeigten Ergebnisse relevant sind oder die Suche verfeinert werden muss.

Bei meinen Besuch bei IBM erlebte ich kürzlich, wie dem Programm Watson eine große Menge juristischer Texte zu den Themen Familien-, Erbschafts-, Miet- und Kaufrecht zur Analyse gegeben wurde. Anschließend konnte unsere juristisch ausgebildete Gruppe Fragen stellen und die Antworten bewerten. Wir waren von der Richtigkeit der Ergebnisse sehr erstaunt.

Verlieren wir wichtige Kulturfertigkeiten?

Die Frage, die ich mir anschließend stellte, war die, ob ich angesichts dieser Programmier-Ergebnisse die Beantwortung von Alltags- oder Fachfragen in naher Zukunft einem Programm überlasse, weil ich darauf vertrauen darf, dass diese verlässlich beschieden werden. Durch die Unterschrift unter meinem Brief oder das Absenden einer E-Mail erkenne ich das Ergebnis dieser programmierten Antwort als richtig an oder korrigiere die Antwort gegebenenfalls, wenn sie mir nicht zutreffend erscheint.

Geben wir die Verantwortung für alles, was für unser tägliches Leben notwendig war (Wetter-, Fahrplanauskünfte, etc.) an diese Technologien ab und ersetzen wir sogar Grundfertigkeiten wie Lesen und Verstehen? Erkennen Sprachassistenten unsere Wünsche und machen uns Kommunikationsvorschläge, wenn sie sie nicht sogar automatisch erfüllen?

Man mag einwenden, dass die genannten Beispiele einfache Fälle betreffen und eine solche Technologie des Verstehens und Antwortens nach wie vor scheitere, solange es um Gestalten, um Kreieren oder um Verhandlungsgeschick geht.

Die Schönheit eines Gedichts, die Eleganz eines Romanciers lassen sich nicht durch die objektive Erklärung ersetzen, sondern können nur durch Lektüre erfahrbar werden.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

Mehr zum Thema IT und Digitalisierung lesen Sie im IT-Channel von buchreport und den Channel-Partnern knk und Rhenus. Hier mehr

Doch wer sagt, dass die Technik die Grenzen, an die das mechanisierte Lesen durch künstliche Intelligenz jetzt noch stößt, nicht künftig überwindet und dem betrachtenden Menschen Vorschläge unterbreitet, die ihn überzeugen? Könnten wir dadurch mangels Übung einen Teil unserer Kulturfertigkeiten, nämlich die des Lesens, nach und nach verlieren, so wie viele Menschen die Fähigkeit, Landkarten oder Noten zu lesen, nicht mehr erlernen?

Ich bin sicher: In vielen Alltagsbereichen wird das delegierte Lesen zum Alltag werden. Google Mail macht neuerdings auch seinen deutschen Kunden Beantwortungsvorschläge für eingegangene E-Mails, sprachbasierte Systeme berücksichtigen bereits den Ort, den Zeitpunkt und die fragende Person, um richtige Auskünfte zu geben.

Der Angriff auf das Ökosystem der Verlage

Stellt programmiertes Verstehen von Texten und Beantworten von Fragen in natürlicher Sprache nicht auch einen Frontalangriff auf die Arbeit im Ökosystem der Verlage dar, also auf Autoren, Leser, Verlage, Buch- und Pressehandel?

Stefan Mück, IBM. Foto: Markus Sauerwald.

Stefan Mück, IBM. Foto: Markus Sauerwald.

Wir erleben, dass Telefonbücher, Kursbücher für Verkehrsmittel und ein großer Teil der Ratgeberliteratur überflüssig geworden sind, weil viele Information wie von selbst ständig aktuell und leicht zugänglich, oft barrierefrei und zumeist ohne weitere Kosten vorliegen.

Für viele Bereiche der einfacheren Information sind damit den Autoren bereits heute die Gegenstände abhandengekommen. Reduziert sich damit das Schreibprogramm auf Stoffe, die sich mit Programmen (noch) nicht erschließen lassen oder so komplizierte Themen betreffen, dass es des menschlichen Geistes bedarf, die vielen Fäden zu einem neuen Ganzen zu ordnen oder überraschenden, neuen Lösungen zuzuführen?

Gehen den Verlagen Autoren, Themen und Leser aus?

Ich glaube, die große Herausforderung für Verlage wird darin bestehen, Felder zu finden, die sich einem programmierten Verstehen entziehen. Ich bin sicher, dass die Vielfalt des Lebens genügend Material zur Verfügung stellen wird, dass Menschen diese Stoffe bearbeiten, alsdann lesegerecht aufbereiten und diese Texte dann mit einer klugen Vermarktung in geeigneter Form an das Publikum bringen. Diese Angebote müssen so überzeugend sein, dass die Freude, sich in diese Lektüre zu vertiefen, erhalten bleibt. So überzeugend, dass sie Momente schaffen, die den Fachleser zu neuen Lösungsmöglichkeiten anregen, dem Genussleser berührende Erfahrungen bieten und den Connaisseur den Wohlklang der Sprache erfahren lassen. Nur so kann man der automatisierten Lesestoffproduktion der Unternehmen, deren elektronischen Geräte wir nutzen, etwas Wertschöpfendes entgegenstellen.

Zweifellos hat das Silicon Valley bereits viele Bereiche, die vor einigen Jahren noch in der Hand der Verlage waren, an sich gezogen. Bei diesen wird es sicher nicht bleiben. Doch ich bin überzeugt, dass Verlage auch auf Sicht immer noch gültige Angebote in einer menschengerechten Form machen können, die uns nicht zum Spielball der immer weiter vordringenden Algorithmen machen, sondern uns die digitale Transformation gestalten lassen.

 

Der Jurist Markus J. Sauerwald, geboren 1963, ist seit 25 Jahren im juristischen Publishing engagiert, zunächst bein Carl Heymanns Verlag, später bei Wolters Kluwer Deutschland und seit 2007 als Verlagsleiter beim Kölner RWS Verlag Kommunikationsforum. Dort verantwortet er alle digitalen und gedruckten Produkte des Verlages.

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