Der schleichende Verlust und die schwierige Suche

„Das ist eine Diskussion, die wir als gesamte Branche führen müssen.“ Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller rief bei den Buchtagen Berlin zu Geschlossenheit angesichts der millionenfach verlorenen gegangenen Buchkäufer auf (Foto: buchreport/Mike Minehan).

Es werden weniger Bücher gekauft, es sind in jüngster Zeit mehr als 6 Mio Buchkäufer verloren gegangen. Seit Monaten ist die Erosion des Buchmarktes das große Branchenthema.

„Hat unser Produkt ausgedient oder verkaufen wir es nicht richtig?“, fragte Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller zur Eröffnung der Buchtage in Berlin. Die Branche mit den vielen Geschichten im Portfolio erzähle womöglich nicht die richtige Geschichte. Riethmüller schaut in andere Branchen, bewundert, wie Beck’s seine Biermarke mit Freiheit verbunden hat und wie Ikea ihre Pressspan-Tischplatten zu einem Lebensgefühl stilisiert hat. „Wir müssen keine Story erfinden. Bei uns stimmt der Inhalt“, versucht der Verbandsvorsitzende der Branche Mut zu machen.

Mut ist notwendig, denn die Entwicklung ist beängstigend: „Die Kunden sind dabei, sich schleichend von uns zu entfernent“, konstatiert Riethmüller. Börsenvereins-Marktforscherin Jana Lippmann sowie Judith Ebe und Christoph Freier vom Marktforschungsinstitut GfK präsentierten dazu noch einmal in über 100 Minuten die seit einem Jahr  für die Studie „Buchkäufer – quo vadis?“ untersuchten Marktentwicklungen und Kundenbefindlichkeiten. Die wichtigsten Befunden der schleichenden Abwendung vom Buch und der Ursachenforschung: 

  • Getrieben vom Alltagsstress und der digitalen Kommunikation kommen die Menschen immer weniger zum Lesen.
  • Alle Unterhaltungsbranchen, vor allem Games, Video/Streaming und Kino wachsen oder stabilisieren sich (Musik), nur das Buch verliert.
  • Es gibt eine Werteverschiebung: Multitasking wird aufgewertet, traditionelle Werte wie Geduld und Fokussierung verkümmern.
  • Es steigt die Zuwendung zu bequemeren Angeboten, eine Convenience-Orientierung macht sich breit.
  • Bei der Informationsaufnahme überwiegt der „Live-Ticker“ zulasten komplexerer Darstellung.
  • Bei der Kosten-Nutzen-Abwägung der Freizeitgestaltung wird stärker abgewogen, was wie viel Mühe kostet; das Digitale wirkt dabei oft bequemer.
  • Die Zuwendung zum Buch leidet unter verkürzten Aufmerksamkeitsspannen der Menschen.
  • Andere Medien lassen sich leichter parallel nutzen, während das Buch ungeteilte Aufmerksamkeit erfordert.

Jana Lippmann: „Das Buch ist einfach kein Nebenbei-Medium.“

 

Bücher verschwinden vom Radar

Marktforscherin des Börsenvereins: Jana Lippmann präsentierte bei den Buchtagen Berlin die Buchkäuferstudie des Verbands (Foto: buchreport/Mike Minehan).

Zu der schonungslosen Analyse gehört auch:

  • Es wird über Netflix-Serien gesprochen, über Bücher gibt es keinen Diskurs mehr.
  • Bücher verschwinden vom Radar: Sie rücken erst in den Blick, wenn der Kunde bereits in der Buchhandlung steht oder aktiv online nach ihnen sucht.
  • Vorher passiert gar nichts. Die „Journey“ müsse deshalb vorher ansetzen, andere Medienangebote seien da präsenter.

Der Weg zum nächsten Buch sei Stress, das immense Angebot werde als „erschlagend“ wahrgenommen. Es fehlten Orientierung, Sicherheit und Inspiration bei der Auswahl aus dem komplexen Angebot, etwa durch Besprechungen, Bestsellerlisten und Empfehlungen.

Die Lösungen werden noch gesucht und gesammelt. Ideen und Anregungen können beim Verband über quovadis@boev.de eingereicht werden. Im September sollen sie dann gesichtet und strukturiert werden. Der Wunsch von Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis: Das Buch müsse „lauter“ werden und die Kunden emotional eingenommen werden.

 

Mehr zum Thema

Tiefergehende Einsichten in die Studienergebnisse bieten die buchreport-Artikel

Die komplette Studie ist für Börsenverein-Mitglieder unter www.boersenverein.de/quovadis abrufbar („Mein Börsenverein“-Zugang erforderlich). Eine Kurzfassung und ein Themendossier sind frei verfügbar.

Kommentare

1 Kommentar zu "Der schleichende Verlust und die schwierige Suche"

  1. Björn Gerbers | 14. Juni 2018 um 21:36 | Antworten

    Tscha, lamentieren wird nichts nützen ! Es kommt drauf an, die Menschen wieder für Bücher zu begeistern.

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