»Wer von japanischer Bindung mehr weiß als von XML, sollte über seine Prioritäten nachdenken«

Dr. Sven Fund, Verleger, Berater, Service Provider. Foto: Edwin de Kemp.

Dr. Sven Fund, Verleger, Berater, Service Provider. Foto: Edwin de Kemp.

Während viele Verlage nach wie vor fremdeln mit IT als Kernkompetenz eines jeden Medienunternehmens, digitalisiert draußen nicht nur die übrige Medienwirtschaft mit rasender Geschwindigkeit. Dabei kommen teure Technologien wie Künstliche Intelligenz zum Einsatz, die Verlage auch budgetär fordern. Grund genug, die Flinte ins Korn zu werfen?

Nein, sagt Verleger, Berater und Peter-Lang-Geschäftsführer Sven Fund. Verlage stehen den einander jagenden IT-Trends nicht hilflos gegenüber. Es ist möglich, den Überblick zu bewahren und qualifizierte Projekte zu finanzieren. Aber am Anfang steht ein Umdenken.

Sven Fund spricht über Künstliche Intelligenz und weitere IT-Entwicklungen bei der IT-Konferenz für Verlage und Medienhäuser der Medienakademie am 27. Juni 2018 in München und vorab im IT-Channel von buchreport.de.

Hält die Digitalisierung bisher, was sie den etablierten Medienunternehmen versprochen hat?

Ohne digitale Produkte stünden buchstäblich alle Medienunternehmen ganz woanders, als sie es heute tun. Für viele sind digitale Produkte profitabler als gedruckte. Also: Ja, die Digitalisierung ist für Verlage enorm wichtig. Der wesentliche Treiber dieser Veränderungsprozesse sind aber nach wie vor nicht die Anbieter, sondern die Konsumenten. Und die fordern zu einem großen Teil noch deutlich mehr, als Verlage im Digitalen anbieten.

Viele Prognosen sind nicht eingetroffen, so ist das E-Book noch weit davon entfernt, den Printmarkt zu zerstören. Können Buchverleger jetzt wieder entspannen?

Ihre Beobachtung zur Entwicklung des E-Book-Marktes stimmt für den Belletristik-Markt, für Fach- und Wissenschaftsverlage stimmt sie nicht. Und ich frage mich ehrlich gesagt immer, ob Verlage denn nun Inhalte-Unternehmen sind, so wie sie das immer von sich behaupten, oder Papierverkäufer. Für mich als Verleger wäre es zumindest nicht beruhigend, wenn sich alle Branchen um mich herum rasend schnell digitalisieren, der E-Book-Anteil in meinem Unternehmen aber bei unter 10% stagniert. Also: Besser nicht entspannen.

Wie soll ein mittelständischer Verleger bei den einander jagenden Tech-Trends noch den Überblick behalten, was bloße Marketing-Blasen sind und was valide ist?

Das ist schwierig, aber auch nicht schwieriger, als sich über inhaltliche Trends im eigenen Publikationsprogramm auf dem Laufenden zu halten. Neben eigenem Interesse ist die Förderung von Interessen im eigenen Team von zentraler Bedeutung. Verleger, die immer noch mehr von japanischer Bindung als von XML verstehen, sollten aus meiner Sicht sehr ernsthaft über ihre Prioritäten nachdenken.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

Mehr zum Thema IT und Digitalisierung lesen Sie im IT-Channel von buchreport und den Channel-Partnern knk und Rhenus. Hier mehr…

Nun also Künstliche Intelligenz (KI). Was ist aus Sicht der Medienindustrie der entscheidende Disruptionsfaktor von KI?

Künstliche Intelligenz – das ist ja ein schillernder Begriff. Ihre Methoden und Ergebnisse im Verlagswesen stellen viele Arbeitsprozesse auf den Kopf und machen Rollen obsolet. Wenn die automatische Hotline schon ohne Gespräch mit einem Mitarbeiter an meiner Stimme erkennt, ob ich sehr gereizt oder entspannt bin, hat das natürlich erhebliche Auswirkungen – in diesem Fall werde ich schneller durchgestellt. Strukturierte Inhalte können heute zu einem erheblichen Teil „verstanden“ werden, ohne dass ein Mensch sie liest. Das bietet Chancen, schafft aber natürlich auch neue Risiken für die frühere Deutungshoheit von Verlagen. Die Unternehmen unserer Branche sollten ein hohes Interesse daran haben, mehr über die Nutzungsrealitäten ihrer Inhalte zu wissen, dabei kann KI zum Beispiel helfen.

Hat bei der Anwendung von KI-Technologien der Mittelstand überhaupt eine Chance, den Anschluss zu halten, oder ist das alles eh zu teuer und nur was für Konzerne?

KI ist derzeit meist sehr teuer, aber das galt vor ein paar Jahren auch etwa für Cloud Computing. Wenn Moore’s Law seine Gültigkeit behält, und danach sieht es aus, können auch Mittelständler Anschluss halten. Entscheidend ist nicht Geld, es sind die Anwendungsfälle, die Verlage schaffen müssen. Und das können sie besser als die meisten anderen Industrien.

Wie stellt es ein Verlag an, seine IT-Systeme und -Werkzeuge so zu kombinieren und aufeinander abzustimmen, dass alles im Zusammenspiel Sinn macht und wirtschaftlich bleibt? Budget ist im Publishing immer ein Thema.

Stimmt, und die Investitionen von Verlagen in IT sind in den vergangenen Jahren auch deutlich gestiegen. Ohne Konzept – manche nennen es auch IT-Strategie – keine Zukunftsfähigkeit, und Verleger tun gut daran, Investitionen in verschiedene Systeme mit einem Planungshorizont von drei bis fünf Jahren sorgfältig zu planen. Vor allem sollten aber auch Mittel für Experimente und für Ungeplantes vorgehalten werden.

Was sind die größten Fehler, die ein Verlag in IT-Beschaffungsprojekten machen kann?

Ich denke, das sind vier wesentliche:

  1. Nicht immer auch an den Kundennutzen zu denken
  2. Die Komplexität des eigenen Unternehmens zu unterschätzen
  3. Standards nicht zu akzeptieren, sondern Eigenheiten in Systemen nachzubauen
  4. Nicht ausreichend Zeit für die Umsetzung und das Testen einzuplanen.

Sven Fund ist Geschäftsführer des internationalen Open Access Service Providers Knowledge Unlatched , Gründer der Unternehmensberatung Fullstopp  (Berlin) und seit April 2017 Geschäftsführer des deutschen Peter Lang Verlages. Fund war zuvor nach langer Karriere bei Birkhäuser und beim Springer Verlag von 2008 bis 2015 Mitglied der Geschäftsführung des Wissenschaftsverlags de Gruyter .

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