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Jonny Geller: »Verlage müssen mehr Mut zum Risiko haben«

Fehlen der Belletristik im ganzen Mainstream die literarischen Reize? Eine englische Markt-Studie sieht tatsächlich die erzählende Literatur bedroht. Literaturagent Jonny Geller fordert im buchreport-Interview radikales Umdenken.

Früher war mehr Literatur. Das ist keine der gelegentlichen Feuilletonisten-Klagen beim Blick auf Verlagsprogramme oder die Bestsellerlisten, sondern das Ergebnisse einer englischen Studie, die erinnernd an die Erzähltradition von Jane Austen über die Brontës bis zu Hilary Mantel und Zadie Smith einen Strömungsabriss ausmacht. In Großbritannien stecke die gehobene erzählende Literatur, auf der Insel „Literary Fiction“ in Abgrenzung zur allgemeinen Unterhaltungsliteratur („Commercial Fic­tion“) genannt, in der Krise.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Kulturbehörde Arts Council of England (ACE). Über das 57-Seiten-Papier „Litera­ture in the 21st Century: Understanding Models of Support for Literary Fiction“ wird viel diskutiert. Nicht nur innerhalb der Buchbranche, sondern auch in den Medien.

Angesichts der Affinität zu englischsprachigem Erzählen: Gibt es Parallelen in der deutschsprachigen Belletristik, speziell was die nachlassende Entdeckungsfreude und Publikationsbereitschaft der Verlage angeht? Die macht nämlich der Londoner Literaturagent Jonny Geller, Ko-CEO der Londoner Agentur Curtis Brown im buchreport-Interview als Ursache für die ausgemachte Ebbe aus. Geller nimmt Stellung zur aktuellen Diskussion und ihren Ursachen und fordert eine Neubesinnung der Verlagsbranche, im eigenen Interesse.

Das Arts Council England warnt vor einer Krise der erzählenden Literatur. Ist das Genre wirklich bedroht?

Ich fürchte ja. Und es ist in erster Linie ein hausgemachtes Problem. Was gut ist, weil es Lösungsmöglichkeiten gibt, wenn alle mitziehen, und schlecht, weil es gar nicht so weit hätte kommen dürfen. Es ist schließlich nicht so, dass die Autoren plötzlich verlernt haben, wie man gute Geschichten erzählt. Und die Kunden haben auch nicht beschlossen, das Genre einfach mal so zu boykottieren. Das Problem ist das sinkende Angebot an Literary Fiction über etablierte Erfolgsautoren hinaus. Ein Blick in die Verlagsprogramme zeigt, wo die Reise hingeht: in die Mitte. Ich gehe davon aus, dass das in Deutschland nicht viel anders als in Großbritannien ist. Begründet wird diese Entwicklung von den Verlagen damit, dass die Leser einfach erzählte, leicht konsumierbare Romane bevorzugen. Tun Sie das wirklich? Ich habe da so meine Zweifel.

Es gibt keine feste Definition für erzählende Literatur. Was zählt für Sie als Agent?

Das Sprachgefühl des Autors in Verbindung mit einer guten, unverwechselbaren Story. Warum zum Beispiel verkauft sich Charles Dickens bis heute? Weil er Geschichten erzählt, die den Leser fesseln, ihn gedanklich mitnehmen. Ein guter Autor muss natürlich mit der Sprache spielen können, vor allem aber erwarte ich, dass er ein mitreißender Geschichtenerzähler ist. Curtis Brown feiert in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag und es kann kein Zufall sein, dass so viele unserer Autoren der ersten Stunde bis heute lieferbar sind. Langlebigkeit und großes Erzähltalent gehen in meinen Augen Hand in Hand.

Sie nennen die ACE-Studie einen Weckruf und wollen, dass die Buchbranche an einem Strang zieht. Wie soll das gehen?

Wir müssen uns dringend an einen Tisch setzen, wenn sich das belletristische Angebot der Zukunft nicht auf ein Überangebot kommerzieller Literatur und eine Nische mit literarischen Titeln beschränken soll. Verleger, Buchhändler, Agenten, alle, die mit Büchern und Lesern zu tun haben, sind angesprochen. Es geht um einen radikalen Sinneswandel, was den Auswahlprozess von Romanen angeht. Wenn beim zehnten Aufguss eines psychologischen Thrillers wie „Gone Girl“ nicht die Alarmglocken schrillen, ist es fünf vor zwölf.

Müssten die Agenten nicht die Ersten sein, die umdenken?

Im Grunde genommen ja, aber das ist gar nicht so einfach. Ich kann sofort Manuskripte auf den Tisch legen, von denen ich überzeugt bin, weil sie gute Geschichten erzählen. Aber was nützt es, wenn ich ein Buch die Runde machen lasse, auf das ich große Stücke halte, aber im Verlag der Daumen gesenkt wird, weil es kein Psychothriller oder sonst ein gerade angesagtes Thema ist. Die Verlage neigen dazu, an einem Thema festzuhalten, wenn es einmal einen großen Bestseller hervorgebracht hat. Von uns erwarten sie dann „neue“ Bücher, die sich vorzugsweise in einem ähnlichen Umfeld bewegen.

Verlassen sich die Verlage zu sehr auf kommerzielle Unterhaltungsliteratur?

In gewisser Weise schon, aber niemand plädiert dafür, diese Bücher abzuschaffen. Wir Agenten schon gar nicht, warum sollten wir? Das ginge auch am Kern der Diskussion völlig vorbei. Was wir wollen, ist ein offeneres Ohr in den Verlagen für erzählerische Bücher. Der Markt dafür ist da, die Verlage müssen nur ein bisschen über den Tellerrand schauen. Und sich vielleicht öfter in die Rolle des Leser hineinversetzen und kritisch die Frage stellen, ob sie tatsächlich liefern, was dieser möchte.

Und mutiger werden?

Und mutiger werden. Ich bin seit über 20 Jahren Literaturagent, kann mich aber nicht erinnern, dass die großen Publikumsverlage schon einmal so risikoscheu gewesen sind. Eigentlich sollte in den Konglomeraten Platz für Kreativität und Denken außerhalb der genormten Bestsellerschiene sein, aber die Realität sieht anders aus. Die Controller passen auf, dass die Zahlen stimmen. Warum wohl sind in den Bestsellerlisten die Top-50-Titel so erfolgreich? Für sie wird die Marketingklaviatur gespielt, bekannte Autoren noch bekannter gemacht, statt ein offenes Ohr für neue Stimmen zu haben. Wenn diese das Glück haben, einen Verlag zu finden, sind es meistens kleinere Häuser, die noch den Ehrgeiz besitzen, mit ihren begrenzten Mitteln neue Autoren oder Namen aus der zweiten Reihe bekanntzumachen.

Ist die zunehmende Kurzlebigkeit von Novitäten auch ein Grund für die Nachfrageschwäche im erzählenden Buch?

Fehlen der Belletristik im ganzen Mainstream die literarischen Reize? Eine englische Markt-Studie sieht tatsächlich die erzählende Literatur bedroht. Literaturagent Jonny Geller fordert im buchreport-Interview radikales Umdenken.
Früher war mehr Literatur. Das ist keine der gelegentlichen Feuilletonisten-Klagen beim Blick auf Verlagsprogramme oder die Bestsellerlisten, sondern das Ergebnisse einer englischen Studie, die erinnernd an die Erzähltradition von Jane Austen über die Brontës bis zu Hilary Mantel und Zadie Smith einen Strömungsabriss ausmacht. In Großbritannien stecke die gehobene erzählende Literatur, auf der Insel „Literary Fiction“ in Abgrenzung zur allgemeinen Unterhaltungsliteratur („Commercial Fic­tion“) genannt, in der Krise.
Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Kulturbehörde Arts Council of England (ACE). Über das 57-Seiten-Papier „Litera­ture in the 21st Century: Understanding Models of Support for Literary Fiction“ (s.u.) wird viel diskutiert. Nicht nur innerhalb der Buchbranche, sondern auch in den Medien.
Angesichts der Affinität zu englischsprachigem Erzählen: Gibt es Parallelen in der deutschsprachigen Belletristik, speziell was die nachlassende Entdeckungsfreude und Publikationsbereitschaft der Verlage angeht? Die macht nämlich der Londoner Literaturagent Jonny Geller, Ko-CEO der Londoner Agentur Curtis Brown im buchreport-Interview als Ursache für die ausgemachte Ebbe aus. Geller nimmt Stellung zur aktuellen Diskussion und ihren Ursachen und fordert eine Neubesinnung der Verlagsbranche, im eigenen Interesse.

Curtis Brown

1899 von Albert Curti…

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