Mobiles Arbeiten – Herausforderung und Chance

Mobiles Arbeiten (Foto: 123rf.com, ilfede)

Für die einen ist mobiles Arbeiten eine Einladung zur Drückebergerei. Für die anderen ist es eine Chance, produktiver zu werden. Wieder andere sehen pure Ausbeutung in ihr.

Wie fühlen sich Telearbeiter tatsächlich, und wie verändern Homeoffice & Co. die Arbeitswelt? Dies zeigt eine Untersuchung, die das Institut der deutschen Wirtschaft Köln veröffentlicht hat.

 

Mobiles Arbeiten in Deutschland ist vielfältig. Das Feld ist nach wie vor im Wandel. Für Mitarbeiter wie Personalmanager bietet es Herausforderungen und Chancen. Mobiles Arbeiten will kreativ gestaltet werden. So können beide Seiten gewinnen. Dieses Fazit ziehen Andrea Hammermann, wissenschaftliche Referentin, und Oliver Stettes, Leiter Kompetenzfeld Arbeitsmarkt- und Personalökonomik am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Sie interpretieren die Studienergebnisse in ihrer Bedeutung für den deutschen und europäischen Personalmarkt besonders unter den Aspekten

  1. Handlungsspielräume und zeitliche Flexibilität
  2. Durchmischung von Arbeit und Freizeit
  3. Betriebsklima und Bindung zum Arbeitgeber
  4. Arbeitszufriedenheit von mobilen Computerarbeitern

Das Zeitalter des mobilen Internets

Es ist gerade eine Dekade her, dass Steve Jobs am 9. Januar 2007 die erste Generation des iPhone vorstellte. Seitdem ist der Siegeszug der internetfähigen „schlauen Telefone“ nicht mehr aufzuhalten. Heute gehen 81% der rund 62 Mio Internetnutzer in Deutschland mit ihrem Smartphone ins Internet. Auf Rang zwei liegen die Laptops, die in den 1990er Jahren in Deutschland zunehmend an Verbreitung gewannen und im digitalen Zeitalter schon als eine Art Urgestein gelten können. Nur zwei Drittel der Internetnutzer nutzten im ersten Quartal 2016 noch einen stationären Desktop-PC. Die Verbindung zum Internet ist in den letzten Jahren deutlich mobiler geworden, was auch im beruflichen Kontext spürbar ist.

Datengrundlage

Der European Working Conditions Survey (EWCS) 2015 ist seit 1991 die sechste Erhebung über die Arbeitsbedingungen in Europa. Befragt wurden für die aktuelle Welle 43.850 Erwerbstätige aus den 28 Ländern der Europäischen Union, den fünf Beitrittskandidaten (Montenegro, Serbien, Türkei, Albanien, Mazedonien) sowie der Schweiz und Norwegen.

Von den 2093 befragten Personen in Deutschland liegt der folgenden Auswertung eine Grundgesamtheit von 1665 abhängig Beschäftigten zugrunde. Selbstständige, arbeitslose und arbeitsunfähige Personen, Personen in Elternzeit, Rentner, Personen in Ausbildung und Hausfrauen/Hausmänner werden nicht berücksichtigt.

Als mobile Arbeitnehmer werden im Folgenden Beschäftigte bezeichnet, die mehrmals im Monat oder öfter außerhalb des Betriebs arbeiten.

Die meisten Beschäftigten arbeiten in Deutschland nach wie vor überwiegend in den Räumlichkeiten ihres Arbeitgebers (Abbildung 1). Dies ist ebenso in allen anderen europäischen Ländern anzutreffen. Fast jeder zweite Beschäftigte (45,6%) arbeitet hierzulande nach eigenen Angaben sogar ausschließlich am Standort seines Unternehmens. Somit ist über die Hälfte der Beschäftigten (54,4%) zumindest gelegentlich außerhalb ihres Betriebs tätig. Fast jeder Zehnte (8,3%) arbeitet gänzlich außerhalb der betrieblichen Räumlichkeiten. Weitere 6,2% sind selten (einmal im Monat oder weniger) beim Arbeitgeber tätig.

Der zweitwichtigste Arbeitsort befindet sich beim Kunden. Die Arbeit beim Kunden ist die häufigste Form des mobilen Arbeitens. Mehr als jeder Fünfte gibt an, mehrere Male im Monat oder häufiger beim Kunden zu arbeiten. Besonders häufig sind Handwerker (vier von zehn) sowie Führungskräfte und Akademiker (jeder Vierte) mehrmals im Monat beim Auftraggeber tätig.

Knapp jeder siebte Beschäftigte gibt an, mehrmals im Monat in einem Fahrzeug (Auto, Lastkraftwagen, Flugzeug oder Bahn) zu arbeiten. Mit 15,4% sind es nahezu ebenso viele, die häufiger im Monat im Freien etwa auf der Baustelle, auf Straßen oder auf dem Feld tätig sind. Auf knapp 6% aller Beschäftigten trifft beides zu. Wenig überraschend sind es vor allem Fahrzeugführer und Bediener mobiler Anlagen, deren Arbeitsort zugleich das Fahrzeug ist. Handwerker arbeiten ebenfalls häufig von unterwegs, gleichzeitig aber auch relativ häufig im Freien.

Arbeitsorte der Beschäftigten in Deutschland. Grafik: IW Köln.

Abb. 1: Arbeitsorte der Beschäftigten in Deutschland (Grafik: IW Köln).

Das Arbeiten in den eigenen vier Wänden ist unter den Beschäftigten in Deutschland die Ausnahme. Nur knapp 8% arbeiten mehrmals im Monat oder häufiger von zu Hause aus. Im Vergleich dazu liegt der europäische Durchschnitt bei rund 13%. In Nordeuropa ist das Arbeiten in den eigenen Räumlichkeiten deutlich stärker verbreitet als in Deutschland. Andere Studien über Heimarbeit in Deutschland kommen je nach Abgrenzung und Datenquelle zu unterschiedlichen Ergebnissen. Eurostat gibt für Deutschland einen Anteil von 8% der Arbeitnehmer an, die gewöhnlich oder manchmal von zu Hause aus arbeiten, und kommt damit den Befunden aus dem EWCS am nächsten. Arnold, Steffes und Wolter finden in einer Untersuchung auf Basis des Linked Personnel Panel (2015), dass rund 20% der Beschäftigten zumindest gelegentlich für ihren Arbeitgeber von zu Hause aus tätig sind. Laut einer Studie von Brenke 2016 auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels arbeiten rund 12% aller abhängig Beschäftigten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus. Sowohl in Deutschland als auch in den anderen europäischen Ländern stagniert der Anteil der Beschäftigten, der zumindest manchmal im Homeoffice tätig ist, seit geraumer Zeit.

Wenig Relevanz hat das Arbeiten an öffentlichen Orten, das lediglich 5,7% der Beschäftigten mehrmals im Monat wahrnehmen. Dieser Anteil ist im europäischen Vergleich niedrig und fällt deutlich gegenüber einem Land wie Spanien mit 14% ab. Ein Grund hierfür könnte die stärkere Bedeutung der Gastronomie und des Tourismus in Spanien sein, da Beschäftigte in der Gruppe der „Dienstleister und Verkäufer“ relativ häufig an öffentlichen Orten wie Cafés oder Flughäfen arbeiten.

Mobile Computerarbeit

Der Umgang mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) spielt für die Betrachtung des mobilen Arbeitens eine wesentliche Rolle. Über Cloud-Systeme und VPN-Clients ist der Zugriff auf unternehmensinterne Daten via Laptop oder Smartphone von unterwegs jederzeit möglich. Ein Konsens über die Definition von „mobiler Arbeit“ besteht in der Wissenschaft nicht. Piele und Piele grenzen 2017 mobile Arbeit dadurch ab, dass ein Beschäftigter an einem selbstbestimmten Ort außerhalb des Betriebs online oder auch offline arbeitet. Arnold und andere dagegen definieren 2015 mobiles Arbeiten exklusiv über die Arbeit von zu Hause aus. Die Studie von Eurofound und ILO von 2017 – ebenfalls auf den Daten des EWCS 2015 basierend – definiert „telework/ICT-mobile work“ als Arbeit, die (fast) die ganze Zeit mit dem Computer ausgeübt wird und mindestens mehrmals im Monat außerhalb des Betriebs stattfindet. Die hier gewählte Definition weicht davon ab und umfasst als Computerarbeiter alle Beschäftigten, die mindestens ein Viertel ihrer Zeit mit PC, Laptop und Smartphone arbeiten. Durch die weiter gefasste zeitliche Dimension der Computerarbeit werden auch Beschäftigte einbezogen, die in Teilen manuelle Tätigkeiten verrichten, aber zu einem nennenswerten Anteil auf IKT zurückgreifen. Der technologische Fortschritt in der IKT dürfte für diese Beschäftigten daher von hoher Bedeutung sein.

Im Folgenden werden die Beschäftigten in vier „Mobilitätsgruppen“ unterteilt. Diese differenzieren zum einen danach, ob Beschäftigte ausschließlich beim Arbeitgeber oder auch mehrmals im Monat oder öfter an einem anderen Ort arbeiten, und zum anderen danach, wie intensiv sie in ihrer Tätigkeit mit modernen Kommunikations- und Informationsmedien wie Computern, Laptops und Smartphones arbeiten:

  1. Stationäre Offlinearbeiter: Beschäftigte, die seltener als mehrmals im Monat außerhalb des Betriebs arbeiten und weniger als 25% ihrer Arbeitszeit am PC, Laptop oder Smartphone verbringen.
  2. Stationäre Computerarbeiter: Beschäftigte, die seltener als mehrmals im Monat außerhalb des Betriebs arbeiten und 25% und mehr ihrer Arbeitszeit am PC, Laptop oder Smartphone verbringen.
  3. Mobile Offlinearbeiter: Beschäftigte, die mehrmals im Monat und häufiger außerhalb des Betriebs arbeiten und weniger als 25% ihrer Arbeitszeit am PC, Laptop oder Smartphone verbringen.
  4. Mobile Computerarbeiter: Beschäftigte, die mehrmals im Monat und häufiger außerhalb des Betriebs arbeiten und 25% und mehr ihrer Arbeitszeit am PC, Laptop oder Smartphone verbringen.

In Deutschland arbeiten über alle Berufsgruppen hinweg 55% der Beschäftigten mindestens ein Viertel ihrer Arbeitszeit am Computer. Während der größere Teil der Computerarbeiter regelmäßig nur in den Räumlichkeiten des Arbeitgebers beschäftigt ist, ist ein Fünftel der Beschäftigten insgesamt mindestens mehrmals im Monat außerhalb des Betriebs mit Computern tätig (Abbildung 2). Dies bestätigt der Befund von Hammermann und Stettes, dem zufolge 19% der Beschäftigten mit mobilem Internet arbeiten. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland gemessen am Anteil der Computerarbeiter im Mittelfeld. Dänemark, Schweden und die Niederlande zählen zu den Ländern, in denen drei Viertel der Beschäftigten oder mehr mit dem PC, Laptop oder Smartphone arbeiten. Schlusslichter sind Portugal, Griechenland und Bulgarien. Abbildung 2 impliziert zugleich, dass hierzulande rund 45% der Beschäftigten offline arbeiten, davon gut 25 Prozentpunkte vorwiegend am Betriebsstandort. Die unterschiedliche Verteilung von stationären und mobilen Computer- und Offlinearbeitern in Europa ist auch Ausdruck der unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen der einzelnen Länder. Der vergleichsweise hohe Anteil an Offlinearbeitern in Deutschland entspricht der starken industriellen Prägung hierzulande.

Mobile und stationäre Computerarbeiter in Europa. Grafik: IW Köln.

Abb.2: Mobile und stationäre Computerarbeiter in Europa (Grafik: IW Köln).

Inwieweit die Mobilität der Arbeit für die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten relevant ist, ist bislang nur wenig erforscht. Die vorliegende Untersuchung richtet die Aufmerksamkeit auf die Arbeitswelt der mobilen Computerarbeiter. Aufgrund wechselnder räumlicher Gegebenheiten, der unterschiedlichen Ausstattungsqualität der Arbeitsplätze sowie einer größeren räumlichen Distanz zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist zu vermuten, dass sich mobile Computerarbeiter in ihrer Arbeitsweise, ihren Arbeitszeiten und der Beziehung zu Kollegen und den Vorgesetzten von anderen Beschäftigten unterscheiden.

Dem öffentlichen Diskurs folgend – wie er etwa im Kontext des 2016 erschienenen Weißbuchs „Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales stattfindet – werden drei Thesen zur mobilen Computerarbeit empirisch überprüft:

  1. Mobile Computerarbeiter arbeiten autarker, selbstbestimmter und genießen eine höhere Arbeitszeitflexibilität.
  2. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit von mobilen Computerarbeitern ist fließender.
  3. Mobile Computerarbeiter haben eine geringere emotionale Bindung zum Arbeitgeber.

Handlungsspielräume und zeitliche Flexibilität

Mobiles Arbeiten und flexible Arbeitszeitmodelle gehen häufig Hand in Hand. Während knapp 12% der mobilen Computerarbeiter individuell festlegbare Arbeitszeiten haben, sind es unter den stationären Computerarbeitern lediglich 3,3% (Tabelle 1). Auch mobile Offlinearbeiter arbeiten vergleichsweise häufig in individuell vereinbarten Arbeitszeitmodellen. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass die Arbeitszeiterfassung außerhalb des Betriebs schwerer fällt. Statt Arbeitszeiten mittels „Stechuhr“ zu erfassen, halten mobil arbeitende Beschäftigte ihre Arbeitszeiten oft selbst fest, beispielsweise indem sie Stundenzettel ausfüllen. Die Befunde stehen im Einklang mit Stettes 2016, wonach mobil arbeitende Beschäftigte mehr Arbeitszeitsouveränität aufweisen, sowie mit Viete und Erdsiek, die eine positive Korrelation zwischen dem Einsatz mobiler IKT und Vertrauensarbeitszeiten in Betrieben feststellen. Die größten Unterschiede lassen sich allerdings zwischen Computerarbeitern und Offlinearbeitern feststellen. Letztere arbeiten deutlich häufiger mit festen Arbeitszeitvorgaben.

Handlungsspielräume und zeitliche Flexibilität. Grafik: IW Köln.

Tab.1: Handlungsspielräume und zeitliche Flexibilität (Grafik: IW Köln).

Trotz der nachweislich höheren zeitlichen Flexibilität sind mobile Computerarbeiter relativ häufig in dem Tempo ihrer Aufgabenerfüllung von anderen abhängig. Besonders die Abhängigkeit von den direkten Anforderungen der Kunden ist signifikant stärker als bei den stationär Beschäftigten. Gleiches gilt für die Arbeit nach vorgegebenen Produktions- und Leistungszielen. Hier heben sich auch die mobilen Offlinearbeiter deutlich von den stationär arbeitenden Kollegen ab – unabhängig davon, ob der Computer ein wichtiges Arbeitsgerät ist oder nicht. Ein Grund dafür dürfte sein, dass Vorgesetzte das Arbeitsengagement mobiler Beschäftigter nicht direkt beobachten können und daher stärker auf das Arbeitsergebnis als Leistungsindikator fokussieren. Mobile Beschäftigte können somit nicht autarker arbeiten, sondern sind ebenso wie ihre stationären Kollegen in verschiedene Abstimmungs- und Kontrollprozesse involviert.

Anders sieht es bei den Gestaltungsmöglichkeiten hinsichtlich der Arbeitsorganisation aus. In der Gruppe der mobilen Computerarbeiter gibt eine große Mehrheit der Beschäftigten an, den Arbeitsablauf, die Herangehensweise und die Taktung der Arbeit mitgestalten zu können. Ein signifikanter Unterschied ergibt sich allerdings nur im Vergleich zu den stationären Offlinearbeitern. Mobile Computerarbeiter haben aber signifikant größere Spielräume, auf andere Weise auf ihr Arbeitsumfeld Einfluss zu nehmen. Der durchschnittliche Einflussgrad korreliert zudem signifikant positiv mit der Möglichkeit, den Arbeitsablauf, die Herangehensweise und die Taktung der Arbeit mitgestalten zu können. Handlungsspielräume sind eine der wichtigsten Ressourcen im Umgang mit beruflichen Belastungen und Anforderungen. Die Einflussnahme auf die Arbeitsorganisation ermöglicht es den Beschäftigten, Prioritäten zu setzen und zeitliche Engpässe zu vermeiden. Zudem fördert das höhere Maß an Eigenverantwortung eine positive Einstellung über die Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit der Arbeit, was zum Abbau des Stressempfindens beitragen kann.

Stress entsteht unter anderem durch häufige Unterbrechungen der Arbeit. Dies kommt bei mobilen Computerarbeitern öfter vor als bei stationären Computerarbeitern. Der signifikante Unterschied legt nahe, dass die Störquellen bei der Arbeit außerhalb des Betriebs vielfältiger sind. Kunden erteilen unplanmäßige zusätzliche Arbeitsaufträge vermutlich eher, wenn ein direkter persönlicher Kontakt besteht. Die häufigeren Arbeitsunterbrechungen der mobilen Computerarbeiter betreffen auch Beschäftigte, die regelmäßig zu Hause arbeiten. Die Arbeit im Homeoffice ist nicht zwangsläufig ungestörter. Die höhere Störanfälligkeit von Computerarbeitsplätzen – ob mobil oder stationär – kann durch die Vielzahl unterschiedlicher, parallel zu bedienender Informations- und Kommunikationskanäle wie Telefonanrufe, E-Mails oder Messengerdienste hervorgerufen werden. Etwa die Hälfte der betroffenen mobilen Computerarbeiter empfindet die häufigen Arbeitsunterbrechungen als störend. Dies ist zwar ein höherer Anteil als unter den stationären Computerarbeitern, der Unterschied ist allerdings nicht signifikant. Möglicherweise können viele mobile Computerarbeiter ihre Handlungsspielräume so nutzen, dass sie die Unterbrechungen nicht als Stress empfinden.

Durchmischung von Arbeit und Freizeit

Ein fest definierter Arbeitsort im Betrieb erleichtert die zeitliche Trennung von Arbeit und Freizeit. Die Trennung von Beruf und Familie ist für 64% der Angestellten in Deutschland ein wesentlicher Grund, warum sie nicht zu Hause arbeiten wollen. Auf der anderen Seite sehen Beschäftigte, die bereits in Heimarbeit arbeiten, aber auch Vorteile für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, weil beispielsweise Fahrzeiten entfallen und Betreuungsnotfälle abgedeckt werden können. Inwieweit Heimarbeit die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf unterstützt, wird demnach unterschiedlich bewertet. Mit Blick auf die Digitalisierung sehen die Beschäftigten überwiegend Chancen für eine bessere Vereinbarkeit. Dies trifft vor allem auf Beschäftigte zu, die bereits mit dem mobilen Internet arbeiten.

Durchmischung von Arbeit und Freizeit. Grafik: IW Köln.

Tab.2: Durchmischung von Arbeit und Freizeit (Grafik: IW Köln).

Unter den mobilen Computerarbeitern hat in dem Jahr vor der Befragung im Vergleich zu den mobilen Offlinearbeitern ein dreimal so hoher Anteil mehrmals im Monat in der Freizeit gearbeitet (Tabelle 2). Noch größer fällt der Unterschied zwischen den mobilen und stationären Computerarbeitern aus. Hier zeigt sich erneut die positive Korrelation zwischen räumlicher und zeitlicher Flexibilität.

Vergleicht man die durchschnittlichen Wochenstunden zwischen mobilen und stationären Computerarbeitern, so arbeiten die mobilen Computerarbeiter im Durchschnitt rund vier Stunden pro Woche mehr. Sie weisen auch am häufigsten Arbeitstage von über zehn Stunden auf. Ein Teil der Arbeitszeitunterschiede lässt sich durch die unterschiedlichen tariflichen Wochenstunden zwischen den Branchen und durch den hohen Anteil an Führungskräften unter den mobilen Computerarbeitern erklären. Die Arbeitszeiten von Führungskräften liegen deutlich über denen anderer Beschäftigter. Darüber hinaus unterliegen mobile Computerarbeiter seltener Arbeitszeiterfassungssystemen, die ihre Arbeitszeiten transparent abbilden. Dies kann zu einer höheren Unschärfe der angegebenen Arbeitszeiten führen. Möglicherweise fällt es einigen Beschäftigten ohne Zeiterfassung auch schwerer, den Ausgleich von Mehrarbeit durch Freizeit einzufordern.

Ein Unterschreiten der laut Arbeitszeitgesetz gewöhnlich einzuhaltenden elf Stunden Ruhezeit kommt in der Gruppe der mobilen Computerarbeiter mehr als doppelt so häufig vor wie unter den stationären Computerarbeitern. Eine derartige Abweichung muss nicht zwangsläufig ein Verstoß gegen das Gesetz bedeuten, da es für bestimmte Branchen wie Verkehrsbetriebe oder Krankenhäuser Abweichungen zulässt (ArbZG, §5 Abs. 2). Dagegen wäre es ein Verstoß, wenn ein Bankberater um 22.00 Uhr eine E-Mail beantwortet und am Folgetag um 8.00 Uhr mit der Arbeit beginnt. Ob eine solche Unterbrechung ein gesundheitsschutzrelevantes Problem darstellt, ist dagegen offen. Zwischen der Arbeitszufriedenheit und einer Verkürzung von Ruhezeiten besteht keine signifikante Korrelation. Da mobile Computerarbeiter ihre Arbeit selbstständiger organisieren, verwundern häufigere Ruhezeitunterbrechungen nicht. Zum einen bietet die IKT den einfachen Zugang zu beruflich genutzten Daten – auch in der freien Zeit. Zum anderen hat es diese Gruppe im Gegenzug einfacher, persönliche Angelegenheiten bereits während der üblichen Arbeitszeit regeln zu können. Rund 63% der mobilen Computerarbeiter geben an, dass sie während der Arbeit ohne große Komplikationen ein bis zwei Stunden für persönliche Angelegenheiten frei nehmen können. Deutlich geringer sind die Möglichkeiten bei den Beschäftigten der Offlinegruppen. Eine Durchmischung von Freizeit und Arbeitszeit findet somit bei Computerarbeitern in beide Richtungen statt. Wer mehr Handlungsspielraum und Souveränität einfordert und erhält, muss auch die damit einhergehende Verantwortung für den eigenen Arbeits- und Gesundheitsschutz hinsichtlich der Arbeitszeit übernehmen.

Die Flexibilisierung der Arbeitszeit pauschal zu problematisieren, ist durch die Fakten nicht gedeckt. In Betrieben existieren oftmals individuelle Absprachen zwischen dem Mitarbeiter, den Kollegen und dem Vorgesetzten darüber, wie betriebliche Notwendigkeiten und Mitarbeiterbedürfnisse austariert werden können. Dabei kommt es nicht nur auf die tatsächlichen betrieblichen Notwendigkeiten der Erreichbarkeit an, sondern besonders auch auf die unterstellten Erwartungen des Arbeitgebers. Dass diese nicht immer zutreffend antizipiert werden, zeigt der Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. 22% der Befragten gaben an, dass in ihrem Arbeitsumfeld erwartet wird, im Privatleben für dienstliche Angelegenheiten erreichbar zu sein. Es wurden aber nur 12% der Befragten auch tatsächlich häufig im Privatleben von Mitarbeitern, Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden kontaktiert. Zwei Drittel wurden hingegen selten (43%) oder nie (22%) kontaktiert. Um Erholungszeiten zu ermöglichen und unnötigen Stress der Beschäftigten zu vermeiden, sind transparente Regeln über Erreichbarkeit und Reaktionszeiten wichtig, beispielsweise bei Anfragen per E-Mail. Hier liegt eine bedeutende Aufgabe der Führungskräfte, die durch ihr eigenes Verhalten als Vorbilder wahrgenommen werden.

Betriebsklima und Bindung zum Arbeitgeber

Mobile Arbeiter haben oftmals aufgrund ihrer Abwesenheiten weniger persönlichen Kontakt zu Kollegen und profitieren weniger von den betrieblichen Angeboten wie einer Betriebskantine oder Betriebssportprogrammen. Für die Arbeitgeber stellt sich daher die Frage, ob sich die räumliche Distanz der Mitarbeiter negativ auf den Zusammenhalt in der Belegschaft und die Zusammenarbeit unter Kollegen und mit der direkten Führungskraft auswirkt.

Betriebsklima und Bindung zum Arbeitgeber. Grafik: IW Köln.

Tab.3: Betriebsklima und Bindung zum Arbeitgeber (Grafik: IW Köln).

Die Mehrheit der Beschäftigten gibt an, meistens oder immer Hilfe und Unterstützung von Kollegen zu erhalten (Tabelle 3). Neun von zehn Beschäftigten geben auch an, dass sie im Allgemeinen gut mit den Arbeitskollegen auskommen. Ein großer Teil der Beschäftigten fühlt sich von ihrer direkten Führungskraft unterstützt. Die Unterstützung durch Vorgesetzte ist aus Sicht der Computerarbeiter deutlich ausgeprägter als aus Sicht der Offlinearbeiter. Ein Unterschied zwischen den mobilen und stationären Computerarbeitern zeigt sich dagegen nicht.

Mobile Computerarbeiter erleben die Zusammenarbeit mit Kollegen und den Vorgesetzten im Wesentlichen weder schlechter noch positiver als andere Beschäftigte. Anders sieht es bei den Offlinearbeitern aus. Hier wird die Hilfsbereitschaft des Vorgesetzten deutlich schlechter bewertet. Von einer grundsätzlichen Gefährdung des sozialen betrieblichen Umfelds aufgrund einer hohen Mobilität der Beschäftigten ist nicht auszugehen. Aussagen zum Führungsverhalten und der Unternehmenskultur zwischen den Mobilitätsgruppen bestätigen das Bild. Computerarbeiter beurteilen die Führung durch Vorgesetzte besser als Offlinearbeiter. Signifikant sind die Unterschiede allerdings nur bei zwei der sechs Aspekte. So geben mobile Computerarbeiter erstens häufiger an, dass die Führungskraft zur Erledigung der Arbeit hilfreich ist. Zweitens fühlen sich mobile Computerarbeiter deutlich häufiger in ihrer Entwicklung gefördert und unterstützt. Lediglich der Unterschied zwischen Computerarbeitern und Offlinearbeitern in den bewerteten Führungsaspekten ist auffällig – mobiles Arbeiten spielt keine gesonderte Rolle.

Aspekte der Unternehmenskultur werden anhand von gemeinsamen Werten wie Vertrauen, Fairness und Wertschätzung im Umgang miteinander bewertet. Insgesamt spiegeln die Zustimmungsraten zwischen 70 und 90% eine überwiegend positive Wahrnehmung durch die Beschäftigten wider. Unterschiede zwischen Computerarbeitern und Offlinearbeitern sind nur gering ausgeprägt. Auch der Mobilitätsgrad spielt keine entscheidende Rolle, wenngleich mobile Computerarbeiter signifikant seltener als stationäre glauben, dass das Management Vertrauen in die Mitarbeiter setzt. Die Effektstärke ist allerdings gering.

Die Befunde deuten darauf hin, dass das Betriebsklima und die Kooperationsbereitschaft untereinander durch mobile Arbeitsformen nicht leiden. Mobile Arbeitsformen sind möglicherweise sogar förderlich für ein gutes Betriebsklima. So weisen Studien darauf hin, dass mobile Beschäftigte mit bestimmten Aspekten der Personalpolitik zufriedener sind und sich mit ihrem Betrieb enger verbunden fühlen als Mitarbeiter, die nur vor Ort arbeiten. Ausschlaggebend für den Wirkungszusammenhang dürfte unter anderem sein, inwieweit mobiles Arbeiten von dem Beschäftigten selbst gewählt ist und ob im Unternehmen Strukturen existieren, die den Informationsfluss und Teamzusammenhalt fördern. Allerdings kann die Bewertung nur einseitig jeweils aus Sicht mobiler oder stationärer Beschäftigter verglichen werden. Offen bleibt, ob andere Mitarbeiter unter der häufigen Abwesenheit der Führungskraft oder mobiler Kollegen leiden. Unklar ist auch, inwieweit es Präsenzzeiten geben muss, damit ein gutes Betriebsklima erhalten bleibt.

Arbeitszufriedenheit von mobilen Computerarbeitern

Die bisherige Betrachtung hat gezeigt, dass Beschäftigte der jeweiligen Gruppen unterschiedliche Arbeitsbedingungen vorfinden oder wahrnehmen. Das Arbeitsklima wird dagegen von mobilen und stationären Computerarbeitern ähnlich empfunden. Die Beziehung zu Kollegen und Vorgesetzten wird von Computerarbeitern sogar positiver dargestellt als von Offlinearbeitern. Somit stellt sich abschließend die Frage, ob die Arbeitszufriedenheit insgesamt als Summe aller subjektiv bewerteten und gewichteten Arbeitskriterien variiert.

Arbeitszufriedenheit nach Mobilitätsgruppen in Deutschland. Grafik: IW Köln.

Abb.3: Arbeitszufriedenheit nach Mobilitätsgruppen in Deutschland (Grafik: IW Köln).

Rund 88% der Beschäftigten in Deutschland sind insgesamt mit ihrer Arbeit zufrieden. Nur unter den Esten, Niederländern und Österreichern sind es mehr. Bereits in der letzten Befragung des European Working Conditions Survey im Jahr 2010 schnitt Deutschland mit 88,4% zufriedenen Beschäftigten überdurchschnittlich gut ab. Den höchsten Anteil zufriedener Beschäftigter gibt es unter den stationären und mobilen Computerarbeitern. Etwas geringer fällt der Anteil für die Offlinearbeiter aus, allerdings liegt der Anteil immer noch bei über 80% (Abbildung 3). Robust signifikante Unterschiede lassen sich nicht feststellen. Abweichend zum EWCS findet Stettes (2016) eine höhere Arbeitszufriedenheit bei Beschäftigten, die zumindest gelegentlich mit dem mobilen Internet arbeiten. Ein direkter Vergleich beider Studienergebnisse ist aufgrund der verschiedenen Spezifikationen von Mobilität allerdings schwierig.

Von Bedeutung für die Arbeitszufriedenheit dürfte sein, inwieweit mobile Beschäftigte den Arbeitsort selbst bestimmen können. So sind Beschäftigte, die häufig beim Kunden arbeiten und damit den Arbeitsort vermutlich am wenigsten frei wählen können, signifikant seltener zufrieden.

Letztlich kommt es aber auf die Präferenzen des Beschäftigten an, ob mobiles Arbeiten als positiv oder beeinträchtigend empfunden wird. Räumliche wie zeitliche Flexibilitätsanforderungen beider Seiten – die des Mitarbeiters und des Betriebs – sind stets abzuwägen. Die hohe Zufriedenheit der Beschäftigten über alle Gruppen hinweg zeigt, dass diese betriebliche Abwägung und die grundlegende Selbstselektion der Beschäftigten in Berufe gut funktionieren.

Fazit

Das häufig heraufbeschworene Bild des Arbeitnehmers, der wahlweise im Büro, auf dem heimischen Balkon oder im Café um die Ecke arbeitet, ist nicht Prototyp, sondern eher ein Sonderfall des mobilen Arbeitens. Mobiles Arbeiten in Deutschland ist vielfältig. Das Potenzial mobiler Arbeitsformen ist dabei noch nicht ausgeschöpft.

So arbeitet ein großer Teil der Beschäftigten nach wie vor ausschließlich im Betrieb des Arbeitgebers. Dies könnte sich durch die fortschreitende Digitalisierung wandeln. Ein wichtiger Einflussfaktor für die Flexibilität durch mobiles Arbeiten ist der Anteil der Arbeit, der mithilfe von Computer, Laptop oder Smartphone durchgeführt wird. Tätigkeiten am Computer sind von der technologischen Weiterentwicklung mobiler Endgeräte in besonderer Weise betroffen. Perspektivisch denkbar ist eine höhere Ortsungebundenheit durch mobile Endgeräte jedoch auch in Berufen, die heute noch weitestgehend analog ausgeführt werden.

Am Ende hängt es aber von den Beschäftigten selber ab, ob und in welchem Umfang sie die Flexibilisierungspotenziale nutzen. Eine stärkere Verbreitung mobiler Arbeitsformen taugt daher nicht als Schreckensszenario – weder für die Beschäftigten noch für die Arbeitgeber. Für die Personalpolitik ergeben sich durch mobile Arbeitsformen jedoch neue Herausforderungen für die Gestaltung des Wissensflusses in Unternehmen und für die Stärkung des Zusammenhalts in der Belegschaft. Im Hinblick auf die heutige mobile Computerarbeit scheint dies aber keine unlösbare Aufgabe zu sein.

Mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Instituts der deutschen Wirtschaft. Hier geht es zum PDF-Download mit vollständigen Quellenangaben.

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