»Vorsprung durch Standardisierung und Automatisierung«

Knut Nicholas Krause (Geschäftsführer und Gründer von knk) und Olaf Remmele (Geschäftsführer Rhenus Media Services)

Knut Nicholas Krause (Geschäftsführer und Gründer von knk) und Olaf Remmele (Geschäftsführer Rhenus Media Services)

Welche Themen sollten die Verlags-Agenda 2018 und darüber hinaus beschäftigen? Die Geschäftsführer von knk und Rhenus Media Services, Knut Nicholas Krause und Olaf Remmele, stecken das Feld ab und erklären, welche Technologie-Trends und Lösungen die Buchbranche in den kommenden Jahren im Blick behalten sollte.

„Vorsprung durch Technik“ – so bewirbt Audi seit Jahren seine Autos. Gilt das auch für Verlage?

Olaf Remmele: Anders als bei Audi ist bei Verlagen die Technik nicht Teil des Produktes, sondern ein Werkzeug zur Herstellung und Vermarktung sowie ein Transport- oder Anwendungsmedium.

Für Verlage bedeutet „Vorsprung durch Technik“: Prozesse werden vereinfacht und Informationen stehen schneller und umfangreicher zur Verfügung, um Kunden einen besseren Service zu bieten oder intern geringere Kosten zu erzielen. Die Technik kann aber auch dabei helfen, neue Produktideen zu evaluieren, etwa indem entstehende Trends im Social-Media-Umfeld erkannt werden können.

Knut Nicholas Krause: „Vorsprung durch Technik“ ist auch für Verlage eine sinnvolle Strategie. Alle Verlage sehen sich immer mehr Geschäftsmodellen und Erlösquellen gegenüber, die aber kleiner werden. Wie anders will ein Verlag in Zukunft noch Geld verdienen, wenn er dies alles nicht äußerst rationell organisiert und automatisiert?

Diese Ausrichtung fällt dabei aber nicht nur in den Bereich „cost cutting“: Viele neue Geschäftsmodelle funktionieren einfach nicht, wenn man sie mit der Hand am Arm erledigt. Man benötigt einfach moderne Technik, um sie den Lesern und Nutzern anbieten zu können.

Durch welche Anwendungen können Verlage einen Vorsprung herausfahren?

Olaf Remmele: Die meiner Meinung nach wichtigste, aber derzeit selten gut eingeführte Anwendung ist Customer-Relationship-Management, kurz CRM. Die Märkte und Kunden verändern sich ständig. Dies gilt es über umfangreiche Informationen – angefangen von der Faktura bis hin zu Informationen über die regelmäßigen Kundenkontakte und -entwicklungen – zu analysieren. Auf dieser Basis können Verlage gezielter Services anbieten oder bei notwendigen Serviceumstellungen schneller reagieren. Wobei ein CRM hier nicht allein steht, sondern durch ein umfangreiches BI-Tool unterstützt werden muss. Sicher sind auch andere Anwendungen für Verlage wichtig, aber diese zielen eher auf Geschwindigkeit in Prozessen und Kostenreduktionen ab.

Knut Nicholas Krause: Ich möchte das auf einer etwas höheren Flughöhe beantworten: Damit der ganze Verlag profitabel arbeitet, benötigt man eine Vielzahl von Funktionen, die sauber ineinandergreifen müssen. Eine einzige brillante Anwendung hilft dem Verlag nicht, neue Märkte zu erschließen und bestehende Märkte profitabel bearbeiten zu können. Die gesamte „Customer Journey“ und auch alle internen Prozesse, die der Leser oder Nutzer nicht direkt erlebt, müssen richtig unterstützt werden. Alle Anwendungen müssen reibungslos zusammenarbeiten. Ist nur an einer Stelle Sand im Getriebe, dann wird man in Zeiten sinkender Gewinnmargen Schwierigkeiten haben, zufriedene Leser/Nutzer/Kunden zu binden und seine Rendite zu erhalten. Solche Systemarchitekturen zu bauen und zu unterhalten, wird für den einzelnen Verlag zunehmend schwierig. Wir empfehlen deshalb Standardisierung.

Mit welchen neuen Technologien sollten sich Verlage stärker befassen, um auf der Überholspur zu bleiben?

Knut Nicholas Krause: Wie Herr Remmele schon erwähnte, führt an einer Marketing-Automation-Software und einem CRM-System heute kein Weg mehr vorbei, wenn man seine Kunden und Leser zielgerichtet ansprechen möchte.

Auch AI/Machine Learning, Predictive Analysis, Data Business und neue Inhalte für Voice Controlled Media sind aus meiner Sicht Themen, die Verlage im Auge behalten sollten. Fachmedien sollten sich außerdem mit Augmented Reality beschäftigen, Consumer-Medien mit Virtual Reality.

Cloud-Lösungen setzen sich im Mittelstand immer mehr durch. Trauen sich inzwischen auch die Verlage in die Wolke?

Olaf Remmele: Im Moment sind Verlage hier im Vergleich zu anderen Kundenbranchen noch sehr verhalten. Dies hängt erstens noch oft mit einem gewissen Besitzstandsdenken in der Lizenzfrage oder einer gefühlt höheren Sicherheit der Daten zusammen. Der zweite Punkt jedoch bedeutet für Verlage ab Mai 2018 ein hohes Risiko, wenn sie die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung berücksichtigen müssen.

Vor allem erkennen die Verlage – in der Regel Mittelstandsunternehmen mit begrenzten IT-Investitionsmöglichkeiten – noch nicht richtig, wo ein großer Vorteil für sie liegen könnte. Gemeint ist der Vorteil der Synergieeffekte, wenn eine Cloud-Lösung nicht nur eine leere Hülle beziehungsweise eine neu angeschaffte Standardsoftware ist, die es dann mit Leben zu füllen gilt. Unsere Cloud-Lösung zum Beispiel enthält bereits viele verlagsübergreifende Optimierungen und ermöglicht damit schnellere Veränderungsprozesse. Nicht jeder Verlag muss in der Private Cloud alles selbst umsetzen, sondern kann bis zu einem gewissen Maße neue Funktionen einfach übernehmen, nachdem diese einmal entwickelt wurden.

„Die Blockchain wird das neue Internet“, liest man. Stimmen Sie zu? Wo sehen Sie Potenziale und Risiken?

Knut Nicholas Krause: Ich teile den Traum, den Ingo Rübe auf dem jüngsten VDZ Tech Summit vorstellte, dass uns die Blockchain die lange versprochene Demokratisierung des Internets bringt und die Nutzer wie die Verlage wieder von Gatekeepern wie Google, Amazon, Facebook, Apple unabhängiger macht. Allein, es steht in den Sternen, ob das klappt. Ich habe allerdings bei meinen Reisen durch die Welt bereits einige beeindruckende Blockchain-Anwendungen im Verlagsbereich gesehen. Es würde aber hier den Rahmen sprengen, dies näher auszuführen.

Immer mehr Unternehmen experimentieren mit künstlicher Intelligenz. In welchen Bereichen kann die Buchbranche von intelligenten Maschinen profitieren?

Knut Nicholas Krause: Das größte Potenzial sehe ich aktuell beim gezielten Empfehlungs-Management zur Unterstützung von Cross- und Up-Selling in den Shops sowie beim Einsatz von Bots zur Unterstützung des Kundenservice bei der Bearbeitung von Kundenanfragen. Wir experimentieren außerdem mit der automatisierten Erkennung von Persona-Zugehörigkeiten. Zukünftig wird aus meiner Sicht auch das Thema Sprachsteuerung relevanter werden. In Zeiten von Alexa, Cortana, Siri und Co. sollten Verlage auch dafür geeignete Inhalte produzieren.

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Wie verändert sich die Logistik durch die Digitalisierung?

Olaf Remmele: Im Verlagsvolumen ist das einfach ausgedrückt, sie werden kleiner und somit schrumpfen unsere Kunden in der logistischen Leistung. Von uns als Dienstleister wird erwartet, dass wir den Digitalisierungsprozess unserer Kunden unterstützen. Für uns als Logistikunternehmen selbst sehen wir in der Zukunft viele Möglichkeiten durch den Einsatz neuer Technologien wie Roboter, Drohnen und Sensoren. Rhenus unterhält dazu unterschiedlichste Innovationsprojekte an den einzelnen Standorten, nicht nur in Deutschland, sondern auch länderübergreifend.

Die Zahl der ausgelieferten Stücke schrumpft, Verlage experimentieren mit „Zero-Inventory“-Strategien (d.h. eine neue Bestellung wird erst aufgegeben, wenn der Lagerbestand auf 0 gesunken ist.), gleichzeitig muss die Auslieferung immer schneller und günstiger werden. Wie holen da Unternehmen, die Ware lagern und umschlagen, ihre Deckungsbeiträge rein?

Olaf Remmele: Zero Inventory wird es faktisch nie geben. Auch bei einem 3D-Druck oder PoD-Prozess werden Grundstoffe zur Herstellung gelagert. Sie haben aber Recht, die Geschwindigkeit der Warenströme wird künftig weiter steigen und natürlich besteht immer ein gewisser Druck zur Kostenreduktion bei Dienstleistungen dieser Art. Daher müssen sich die hier tätigen Dienstleistungsunternehmen ebenfalls auf den Change-Prozess einstellen.

Die Rhenus kann beispielsweise die Supply Chain optimieren, indem eine Lagerhaltung und Auslieferung nicht zwingend in Deutschland stattfinden muss. Das reduziert Kosten bei handling-intensiven Leistungen und verkürzt Transportwege, Beispiel Amazon Polen. Dabei lässt sich heute die gleiche Auslieferungszeit wie bei einer Lagerhaltung in Deutschland realisieren. Ebenso können auch in Deutschland durch eine optimale Standortwahl zur Auslieferung bei einem Verlagskunden Kosteneinsparungen erzielt werden.

Einige Experten sagen, die Zeit der großen multifunktionalen, monolithischen Software-Lösungen in Verlagen sei mit Blick auf die hohen Kosten vorbei. Was entgegnen Sie?

Knut Nicholas Krause: Wenn diese Frage in die jahrzehntealte IT-Glaubensfrage münden soll, ob „Best-of-Breed“ oder „All-in-One“ der beste Ansatz ist, will ich festhalten, dass ich diesbezüglich Agnostiker bin. Beide Ansätze sind theoretisch und kommen so nirgendwo vor. „Best-of-Breed“ in Reinform bedeutet, dass ich lauter supertolle Systeme habe, die aber, weil sie für den jeweiligen Zweck optimiert sind, ineffizient miteinander kommunizieren (wenn überhaupt). Und „All-in-One“ ist theoretisch mit Blick auf die Betriebskosten der preiswerteste Ansatz, könnte aber dazu führen, dass man in Bereichen von Teilfunktionen nur eine suboptimale Unterstützung hat, bis der Anbieter dieser Software die funktionale Lücke geschlossen hat.

In der Praxis sollte man beides kombinieren: Kernsysteme, die gut zusammenspielen, und Spezialsysteme, die funktionale Lücken abdecken. Unsere Kunden kaufen oft nur einzelne Module unserer Software, weil wir die Ausschreibungen im direkten Funktionsvergleich gegen die Spezialsysteme gewinnen, zum Beispiel im Bereich der Titelverwaltung, der Rechteverwaltung, der Anzeigenverwaltung, der Kostenrechnung, des Vertriebs usw. Manche Kunden wiederum schätzen es, dass wir auch All-in-One anbieten, und nehmen die ganze Software. Mir ist es daher egal, ob die Kunden nur ein einzelnes Modul kaufen, mehrere Module zusammen oder die ganze Software. Wir messen uns in jedem Teilgebiet mit den Spezialanbietern, und wenn wir noch nicht besser sind als diese, so arbeiten wir daran, es zu werden.

Seit Anfang des Jahres bietet knk auch Beratungsleistungen an. Wo schmerzt es Verlagsmanager besonders?

Knut Nicholas Krause: Wir beraten nur in einem speziellen Bereich und werden daher auch nur darauf angesprochen: im Bereich der Prozessanalyse und Prozess-Optimierung. Wir bereisen die ganze Welt und sind ständig auf der Suche nach „best practices“ im Verlagsbereich. Außerdem lohnt sich die Einführung neuer Software nicht, wenn die Prozesse wie Kraut und Rüben sind. Zudem müssen wir Prozesse nicht nur theoretisch oder auf strategischer Ebene realisieren, sondern auch hinunter bis auf Bits und Bytes. Daher haben unsere Berater hier besondere Kompetenz.

Dieses Know-How bieten wir unabhängig von der verwendeten Software an: Jede im Einsatz befindliche Software kann besser genutzt werden, indem man nur mal die über Jahre gewachsenen Prozesse wieder geradezieht. 5 bis 10% Produktivitätsgewinn sind da praktisch in jedem Verlag möglich, ohne dass man Software austauscht.

knk und Rhenus kooperieren seit 2014. Was hat sich durch die Zusammenarbeit verändert?

Olaf Remmele: Eine gute Kooperation – oder Partnerschaft, wie wir es nennen – ist sicher einfach auszurufen, jedoch arbeitsintensiv, wenn man sie richtig umsetzen möchte. Das bedingt viel Moderationsarbeit in beiden Unternehmen, um die einzelnen Aktivitäten aufeinander und im Geist der Kooperation abzustimmen und auch in den Köpfen der Mitarbeiter zu verankern. In den einzelnen Projekten, die wir gemeinsam umsetzen, werden wir daher besser und schneller. Unsere beiden Unternehmen ergänzen sich durch ihr Produktportfolio, dies generiert viele Mehrwerte für unsere Kunden. Es gibt weniger Brüche in den Prozessen, eine höhere Effizienz bei Informationen und Funktionen, die dann für einen besseren Service für Verlagskunden genutzt werden können.

Knut Nicholas Krause: Wir haben im letzten Jahr viel gelernt und gemeinsam geschafft. Im Rahmen der Partnerschaft galt es nicht nur, die Unternehmenskultur und die Prozesse des jeweils anderen kennenzulernen, sondern auch neue gemeinsame Abläufe zu schaffen. Die von uns im letzten Jahr gemeinsam entwickelten 23 Standard-Schnittstellen zwischen knkVerlag und der Rhenus Logistik sowie der Echtstart eines ersten gemeinsamen Kunden nach nur sieben Wochen Projektlaufzeit zeigen, was wir dieses Jahr gemeinsam geleistet haben

Mit welchen Themen wollen Sie sich 2018 verstärkt befassen?

Olaf Remmele: Rhenus hat sich für 2018 das Ziel gesetzt, umfassendere Informationen für den Ausbau eines jeden Verlagskundenkontakts zu generieren, Stichwort Cross-/Up-Selling. Für uns stehen die Kunden des Verlags im Fokus und wie wir neue gewinnen oder vorhandene besser beraten können.

Knut Nicholas Krause: Auch 2018 haben wir es uns zum Ziel gesetzt, die neuesten Microsoft-Technologien für Verlage in noch stärkerem Umfang für unsere Verlagskunden nutzbar zu machen. Dabei stehen nicht nur kaufmännische Funktionalitäten im Fokus, sondern auch Themen wie CRM, Marketing Automation, BI und weitere Anwendungen wie AI und Machine Learning in Verlagen.

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