Innovation in Fachverlagen: Noch Luft nach oben

Es lohnt zu reden für Medienunternehmen und Start-ups. Foto: Pixabay. Lizenz: CC0

Es lohnt zu reden für Medienunternehmen und Start-ups. Foto: Pixabay. Lizenz: CC0

Die deutsche Wirtschaft verschenkt durch fehlende oder ineffiziente Kooperation mit Start-ups bis 2020 in Deutschland ein Wachstumspotenzial von 99 Mrd Euro, so eine Accenture-Studie. „Davon sind auch Fachverlage betroffen“, sagt Beraterin Katja Nettesheim. Im IT-Channel von buchreport.de erläutert sie, wie Fachverlage von Start-ups profitieren können, und gibt Tipps für die Zusammenarbeit.

Wo stehen Fachverlage heute, wenn es darum geht, gemeinsam mit Start-ups an neuen Geschäftsmodellen oder technologischen Innovationen zu arbeiten?

Im Vergleich zu anderen Mediengattungen zeigen Fachverlage eine große Neugier und Offenheit gegenüber neuen Impulsen von außen. Das ist zunächst einmal positiv. Allerdings tun sich Fachverlage oft schwer damit, Anknüpfungspunkte mit Start-ups zu finden. Das liegt zum einen daran, dass es weniger Start-ups im B2B-Bereich gibt. Die meisten Medien-Start-ups, die bekannt werden, kommen aus dem B2C-Umfeld, mit einigen wenigen Ausnahmen. Zudem sind die Aufgabenstellungen bei Fachverlagen oft sehr spezifisch, was das Matching zusätzlich erschwert.

In welchen Bereichen haben Fachverlage bereits von Medien-Start-ups profitiert?

Ganz generell profitieren Fachverlage von Medien-Start-ups, wenn es darum geht, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Beispielsweise: Wie kann ein Fachverlag den Wandel des Nutzerverhaltens mitgehen und damit auch Geld verdienen? Eine Möglichkeit, sich fit für solche Entwicklungen zu machen, besteht für Fachverlage darin, sich mit Start-ups zusammen zu tun. Entweder durch eine Kooperation oder indem sie in Start-ups investieren. Welche Variante man wählt, hängt ganz von der strategischen Zielsetzung des Verlages ab. Allgemein sollte die aber realistisch sein: Ein Start-up kann digitales Know-how und ggf. Infrastruktur oder ein gemeinsames neues Geschäftsmodell liefern. Mit der digitalen Transformation eines Fachverlages wäre es jedoch schlicht und ergreifend überfordert. Die eigene Kultur und Strukturen zu verändern, ist Sache des Verlages.

Können Sie hierfür Beispiele nennen?

Ein Beispiel für die gelungene Symbiose von Fachverlag und digitalen Unternehmen ist der Haufe Verlag. Früher mit Schwerpunkt im Loseblatt-Geschäft, macht der Verlag heute nur noch 3% seines Umsatzes mit Print. Das ist vor allem auf die Übernahme verschiedener Softwareunternehmen zurückzuführen. Entscheidend war dabei, die Veränderung weg vom Printverlag hin zu einem modernen Medienhaus auch auf Ebene der Unternehmenskultur hinzubekommen.

IT-Grundlagen und Technologien der Zukunft

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Ein weiteres Beispiel ist das Medienhaus Vogel Business Media, das sich über Vogel Ventures an zehn Unternehmen beteiligt hat. Darunter sind auch Content-Start-ups und solche, die sich mit Wissensvermittlung beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit Start-ups hat auch schrittweise zu einer Veränderung des Denkens und Handels im Verlag selbst geführt. Die Zusammenarbeit mit Start-ups, auf welcher Ebene auch immer, regt also durchaus Veränderungen im Verlag an.

Wo geht die Reise für Fachverlage in Sachen Paid Content hin?

Bezahlte Inhalte sind seit jeher das Kerngeschäft der Fachverlage. Bei den digitalen Inhalten haben Fachverlage eine bessere Position als Publikumsverlage. Denn sie verfügen über mehr proprietären Content und sie haben weniger kostenlose Inhalte ins Netz gestellt. Insofern ist die Ausgangssituation gut. Doch häufig nutzen Verlage sie nicht so, wie sie könnten. Und zwar aus individuell unterschiedlichen Gründen: Etwa weil sie mit ersten halbherzigen Versuchen, digitalen Content zu monetarisieren, gescheitert sind und das Thema danach auf Eis gelegt haben. Oder, und das ist gar nicht selten, weil ihre Leser noch sehr auf Print eingestellt sind und den Wechsel zu digitalen Inhalten nicht mitgehen. Hier ist noch viel Luft nach oben.

Welche 5 Tipps geben Sie Verlagen, die neue Geschäfts- oder Erlösmodelle suchen und einführen wollen?

Digitale Transformation ist eine Politik der tausend Nadelstiche. Denn dabei geht es darum, Kernbereiche eines Fachverlages zu verändern – angefangen bei einem grundlegenden Perspektivenwechsel von der Innensicht des Fachverlages hin zur Sicht des Lesers. Damit ändert sich auch die Art und Weise, wie Content gedacht und entwickelt wird.

  1. Fokus auf den Leser: Fachverlage sollten ihr gewohntes Verhalten und Denken hinterfragen, indem sie sich klarmachen, was der Leser erwartet. Das führt zu einem neuen Verständnis der Rolle des Lesers – und in Folge auch der eigenen Rolle.
  2. Bestmögliche Lösung finden: Digitale Leser sind anspruchsvoll und nicht bereit, sich an das Angebot eines Verlages anzupassen. Vielmehr muss der Verlag sich an den Problemen seiner Leser orientieren und hierfür bestmögliche Lösungen entwickeln.
  3. Aus Kundenfeedback lernen: Nicht die Strategie, Kompetenzen oder Meinungen des Verlags dürfen darüber entscheiden, wie ein Produkt aussieht, sondern allein der Leser. Fachverlage sind gut beraten, das Feedback ihrer Leser systematisch in die Konzeption ihrer Inhalte einzubeziehen.
  4. Externe Kompetenzen nutzen: Fachverlage sollten sich die Frage „Make or Buy“ selbstkritisch stellen: Können wir digitale Kompetenzen wirklich aus eigener Kraft aufbauen oder ist es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoller, auf Kompetenzen von Start-ups zurückzugreifen?
  5. Schnell starten und durchziehen! Viele Vorhaben scheitern am Zögern vor dem Start oder an Bedenken, die im Verlaufe eines Projektes aufkommen. Digitale Veränderung braucht Willen und Durchhaltevermögen – und notfalls auch die Möglichkeit zum Scheitern.

 

Mit freundlicher Genehmigung der Content Syndication-Plattform Contiago.

Prof. Dr. Katja Nettesheim, Gründerin & Geschäftsführerin von _MEDIATE, hat vor dem Aufbau der eigenen Firma im Jahr 2008 langjährige Berufserfahrung im Axel Springer-Konzern gesammelt. Dort war sie in den Bereichen M&A und auch in der Verlagsgeschäftsführung der Hamburger Regionalzeitungen operativ tätig. Zuvor hat die Juristin mehrere Jahre als Unternehmensberaterin für die Boston Consulting Group gearbeitet – vor allem in den Bereichen Medien und Private Equity. Zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war sie Rechtsanwältin für internationales Steuer- und Gesellschaftsrecht, u.a. bei Freshfields und Shearman & Sterling. Die Expertin für die Bereiche Digitale Transformation, Strategisches Business Development und Investments / M&A lehrt ferner als Professorin für Digitales Medienmanagement an der Steinbeis-Hochschule, School of Management and Innovation.

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