Limbic Politics – wie Verführer führen

Managementberater Dr. Hans-Georg Häusel. Bild: Häusel

Managementberater Dr. Hans-Georg Häusel. Bild: Häusel

Starke Männer haben Hochkonjunktur. Sie schmücken sich – zu Recht oder zu Unrecht – mit einer Aura der Selbstsicherheit und ziehen in unseren unsicheren Zeiten verunsicherte, verängstigte Menschen an. Die Folgen dieser Unterordnung können dramatisch sein. Das mussten die Deutschen vor etwa 80 Jahren erfahren. Hans-Georg Häusel, Psychologe und Marketing-Experte („Think Limbic!“), erklärt im HR-Channel von buchreport.de den Ort, an dem die Führungstricks autoritärer Herrscher andocken: direkt am menschlichen Stammhirn.

Der Mensch, so glauben wir, ist ein rationales und vernünftiges Wesen. Leider macht die Hirnforschung einen Strich durch die Rechnung. Über 80 % unserer Entscheidungen fallen unbewusst und alle unsere Entscheidungen sind emotional. Die Emotionen sind die Machthaber in unserem Kopf. Und genau dort docken (Ver-) Führer wie Trump, Erdogan usw. an. Welche Emotionen das sind und wie die genannten Figuren dies geschickt ausnutzen, sei hier beschrieben.

(Ver-)Führer versprechen kollektive Macht und Stärke

Ein großes und starkes Emotionssystem im menschlichen Gehirn ist das Dominanz-System: Es gibt uns vor, nach Macht und Status zu streben, autonom, stark und wichtig zu sein. Dieses Bedürfnis nach Macht wird von charismatischen Führern grundsätzlich angesprochen und instrumentalisiert. Trumps „We make America great again“ oder Adolf Hitlers „überlegene Rasse“ sind, rein neurobiologisch gesehen, Ausdruck derselben Sache.

(Ver-)Führer etablieren einen bösen Feind

Besonders befeuert wird der Urtrieb nach Stärke, wenn man nicht nur kollektive Macht verspricht, sondern die kollektive Macht gegen einen bösen Feind lenkt. Denn wenn das geführte Kollektiv einen Feind hat, hören die führungsgefährdenden Diskussionen im Inneren auf und die geführten rufen nach dem starken Mann. Trump kämpft gegen die bösen Migranten und Terroristen, Erdogan gegen die Kurden, Kim Jong-un gegen Südkorea und die Amerikaner, Hitler gegen die Juden und Bolschewiken.

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(Ver-)Führer machen auf »Sieger-Typ«

Nichts ist für Gruppen so anziehend und wichtig wie Erfolg. Denn Gruppen richten sich unbewusst in erster Linie am Erfolg aus. Derjenige oder diejenige, die Erfolg haben, verspritzen unbewusst einen „Lockstoff“, der auf andere magisch wirkt. Wenn dieser Autoritätsanspruch, gleich ob durch persönliches Verhalten oder Symbole der Autorität wie prunkvolle Paläste oder Luxus, deutlich gezeigt wird, passiert mit der Gruppe etwas Merkwürdiges: Sie akzeptiert ohne Nachdenken die Entscheidung des Führers und führt die Anweisungen fast kritiklos aus. Diese Autoritäts-Gläubigkeit wirkt unbewusst. Je größer die scheinbare Autorität, desto unbedingter und willenloser die Gefolgschaft. Und desto weniger werden Aussagen auf Richtigkeit und Stimmigkeit hinterfragt.

(Ver-)Führer sprechen die Siegersprache

Große Herausforderungen und Veränderungen kann man auf zwei Weisen beschreiben: Als Bedrohung oder als Chance. Die Parabel vom halbvollen Glas macht das Problem deutlich. Es gibt die pessimistische Variante „halbleer“ oder die optimistische, nämlich „halbvoll“. Unsere Sprache führt kein Eigenleben, sondern wird letztlich genauso von Emotionen beherrscht wie alles andere, was wir tun. Die Art, wie wir sprechen, zeigt welche Persönlichkeitsstruktur uns prägt. Ängstliche Menschen argumentieren vergangenheitsorientiert und eher pessimistisch. Menschen mit großem Selbstbewusstsein strahlen Optimismus und Zuversicht aus. Symptomatisch für diese Sprache war Obamas „Yes, we can.“

(Ver-) Führer machen eine komplexe Welt einfach

Die Lieblingsbeschäftigung unseres Gehirnes ist nicht wie wir glauben, möglichst viel Informationen aufzunehmen und pausenlos Neues zu lernen. Das Gegenteil ist der Fall: Weil unser Gehirn zwar nur 2 % des Köpergewichts ausmacht, aber 20 % der Energie verbraucht, schaltet es am liebsten auf Energiespar-Modus. Weil Denken mit erheblichem Energie-Verbrauch verbunden ist, ist Denken der Zustand, den unser Gehirn am wenigsten liebt. Aus diesem Grund schätzt unser Gehirn einfache Botschaften, die uns das Denken ersparen – ein Blick in das TV-Gerät zur Hauptsendezeit dürfte dafür Beweis genug sein. Mit die wichtigste Aufgabe von Führung aus Sicht der Evolution ist es, die Komplexität der Umwelt für die Geführten zu reduzieren, um die Gruppe so handlungsfähig zu machen. (Ver-)Führer machen die Welt deshalb nicht komplizierter, sondern einfacher. Sie bieten stets einfache Problem- oder Welterklärungen an: „Das Boot ist voll“, „Die Juden sind an allem schuld“, „Wenn wir Einfuhrzölle erheben, sind alle unsere (wirtschaftlichen) Probleme gelöst“.

(Ver-) Führer entscheiden und zeigen Härte

(Ver-) Führer reduzieren Komplexität durch einfache Welterklärungen und vor allem: durch klare Entscheidungen. (Ver-) Führer haben auch keine Angst vor harten oder unpopulären Entscheidungen. Im Gegenteil: Um Ihre Stärke zu demonstrieren, scheuen sie auch vor symbolischen oder echten Hinrichtungen nicht zurück. Der Effekt bei den Geführten ist zweifach: Zum einen wird Angst erzeugt („Wer mir nicht folgt, wird getötet“) zum anderen beweist der (Ver-) Führer Stärke und Führungskraft.

(Ver-) Führer inszenieren sich als unverkennbare Marken

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte und das gilt auch für das Erscheinungsbild von Menschen. Je einzigartiger und unverwechselbarer ein Mensch ist, desto besser wird sein Bild gelernt und desto stärker ist seine Wirkung im Gedächtnis des Menschen. Oft sind es kleine, aber prägnante Eigenheiten, die zur unverwechselbaren Persönlichkeitsmarke führen. Denken wir nur an das Schnauzbärtchen und die Stimmlage von Adolf Hitler. Auch das Toupet auf dem Kopf von Donald Trump „funktioniert“ in diesem Sinn, selbst wenn Spötter es belachen (Kabarettistin Monika Gruber erinnert es an ein „totes Eichhörnchen“). Auch Kim Jung Un`s eigenartige Frisur gehört dazu. In Nordkorea ist diese Frisur übrigens exklusiv für den Führer reserviert. Nordkoreanern ist es bei Strafe verboten, sich so eine Frisur schneiden zu lassen. Diese Einzigartigkeiten können übrigens auch Bewegungen oder Gesten sein. Obamas lockeres Runterschlendern von der Air Force One-Flugzeugtreppe gehört ebenfalls in diese Rubrik.

Diese aufgezeigten (Ver-) Führungsmechanismen sind bei weitem nicht vollständig, ich denke aber, dass die wichtigsten beschrieben wurden. Eines haben alle diese Mechanismen gemeinsam: Sie wirken im Gehirn der Geführten weitgehend unbewusst und das macht die Sache immer gefährlich.

Zur Mitarbeiterführung gehört fein dosierte Verführung

Weniger gefährlich ist, wenn man sich im Alltag als Führungsperson immer wieder bewusst macht, dass erfolgreiche Führung im Business immer aus zwei Ebenen besteht. Ebene 1 ist die bewusste Ebene: Hier geht es darum, messbare Ziele zu setzen, diese Ziele zu verfolgen und wenn möglich zu erreichen. Ebene-1-Führung sorgt für Ergebnisse, aber nicht für Identifikation und Begeisterung. Diese entsteht auf der Ebene 2: Der eher unbewussten und emotionalen Ebene. Diese Wirkmechanismen habe ich oben skizziert.

Diktatoren nutzen diese Mechanismen schamlos aus. Im Business-Alltag sollten Führungsverantwortliche, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begeistern wollen, die Ebene-2-Mechanismen nicht ablehnen, sondern wohldosiert und mit Augenmaß einsetzen.

 

Dr. Hans-Georg Häusel, Diplom-Psychologe, zählt international zu den führenden Experten in der Marketing-, Verkaufs- und Management-Hirnforschung. Er ist Autor vieler Wirtschaftsbestseller. Sein Buch „Brain View – Warum Kunden kaufen“ wurde von einer internationalen Jury zu einem der 100 besten Wirtschaftsbücher aller Zeiten gewählt. Er wurde mit dem Excellence Award als einer der besten Redner im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet.

 

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