»Das Buchhandelsnetz wird weiter schrumpfen«

Heinrich Riethmüller

Die nächsten vier Filialen sind in Arbeit: Die Osiander-Kette expandiert, aber das ist kein Befund für die gesamte Branche. Osiander-Chef und Börsenvereins-Vorsteher Heinrich Riethmüller erwartet vielmehr weitere Sortiments-Schließungen und damit auch nach dem massiven buchhändlerischen Flächenrückbau der vergangenen Jahre einen weiteren Rückgang des stationären buchhändlerischen Angebots: „Der Trend wird sich weiter nach unten bewegen.“

Riethmüller hat in Leipzig auf der Konferenz „Der Buch- und Informationsmarkt in Deutschland 1990 bis 2015“ über die Entwicklung des Buchhandels in den zurückliegenden 25 Jahren referiert, auch über die Filialisierung und den Trend zu sehr großen Verkaufsflächen sowie über die Krise der bundesweiten Filialketten und die anschließende Korrektur in Form von Schließungen und Flächenrückbau. Im Ausblick prophezeit Riethmüller („Die fetten Jahre sind vorbei“), dass das zuletzt reduzierte Buchhandels-Netz noch kleiner werden wird, besonders in Mittelstädten mit drei bis vier Buchhandlungen dürfte es zu Schließungen kommen.

Ursache sei die seit vergangenem Dezember zu beobachtende Kaufzurückhaltung und der Frequenzrückgang in den Einkaufsstraßen. Der Buchhandel selbst hat zwar seit Längerem Erfahrungen mit dem Online-Wettbewerb und sich darauf eingerichtet, leide jetzt aber darunter, dass andere Branchen wie der Textilhandel Kunden durch die Online-Konkurrenz verlieren. Dadurch sinkt die Gesamtfrequenz in den Städten. Riethmüller appelliert auch an die Politik, sich für die Urbanität der Städte einzusetzen.

Als vielversprechende Aktivitäten des Buchhandels selbst zählt Riethmüller auf:

• die Aufenthaltsqualität steigern,
• das Multichanneling weiterentwickeln,
• die Kundendaten besser nutzen (durch CRM-Systeme).

Beim Thema CRM rechnet der Osiander-Chef damit, dass in Zukunft Kunden durch elektronische Erkennungsverfahren bereits beim Betreten des Ladens identifiziert werden können, sodass sie in Verbindung mit CRM-Daten (Kaufhistorie, Vorlieben) besser bedient werden können.

Riethmüller äußerte sich auch zum E-Book-Geschäft, bei dem Osiander seit 2015 auch auf den Tolino-Reader setzt und damit sein Digitalgeschäft beleben konnte: „Im E-Book-Bereich hat wegen der dafür notwendigen Investitionen noch keine Buchhandlung Geld verdient.“

Die Konferenz „Der Buch- und Informationsmarkt in Deutschland 1990 bis 2015“ wird von der Historischen Kommission des Börsenvereins in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig veranstaltet (27./28. April 2017).

Schürte Fantasy die Buchhandelsfantasie?

In Leipzig ist auch buchreport-Chefredakteur Thomas Wilking auf die zurückliegende Flächenexpansion des Buchhandels eingegangen. In seinem Vortrag über die Entwicklung der Publikumsverlage stellte er eine nach eigenen Worten „steile branchenpsychologische These“ zur Überhitzung des Buchhandels und dem Ausbau der Großflächen in den „Nullerjahren“ auf. Er erinnerte an die ungewöhnlichen Fantasy- und All-Age-Erfolge rund um „Harry Potter“ und die „Bis(s)“-Serie: Der Hype um diese Bücher, der Andrang eines jungen Erwachsenen-Publikums in den Buchhandlungen einschließlich Mitternachtsverkauf habe womöglich von der mittelfristig kritischen Entwicklung des stationären Buchhandels abgelenkt und die überzogene Expansion befeuert.

Kommentare

1 Kommentar zu "»Das Buchhandelsnetz wird weiter schrumpfen«"

  1. Ich finde das einfach nur schrecklich. Es ist doch unvorstellbar eine Städtereise zu unternehmen und in keinen ansässigen Buchladen mehr gehen zu können. Im Urlaub möchte ich mir Lektüre kaufen zur Unterhaltung einen Roman, einen Krimi o.ä. Außerdem interessiert mich auch was die jeweilige Stadt zu bieten hat. Ich denke hier an Städte wie Hamburg, Berlin, Dresden, Leipzig, Weimar und spreche hier nur von Deutschland. Bei jedem Besuch in meiner Heimatstadt blicke ich in die Schaufenster unserer drei Buchläden. Fahre ich in die zwei nächst größeren Städte, so gehe ich wiederum in die dort ansässigen Buchhandlungen und verlasse die Geschäfte kaum ohne mindestens ein Buch. Es darf aber auch ein Stapel sein. Ich weigere mich strikt auch nur ein Blatt Papier bei Amazon zu bestellen, denn dieses Unternehmen ist nach meiner Meinung verantwortlich für all diese Rückgänge. Danke für Ihre Aufmerksamkeit, diesen Text zu lesen.

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