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Martin Walser vor die Videoleinwand?

Brimborium oder Notwendigkeit? In der Debatte über die Inszenierung von Autorenlesungen empfiehlt Silke Ohlenforst (Harbour Front Literaturfestival, Hamburg), das Veranstaltungsformatimmer auf den Autor zuzuschneiden.

„Wasserglaslesungen“, „Eventisierung der Literatur“, „Veranstaltungsbrimborium“, „protestantische Literaturkirche“: Wollen wir hier nicht einfach einmal festellen, dass man die Vielfältigkeit der Literatur nicht nur in ein alleingültiges und damit richtiges Veranstaltungsformat zwängen kann?

Die Diskussion um die Art und Weise der gegenwärtigen Literaturvermittlung zwischen Prof. Stephan Porombka und Dr. Rainer Moritz ist eine endlose, so scheint es, wenn nicht man, anstatt eine Lösung zu finden, akzeptiert, dass es zwei Enden der selben Wurst gibt.

Im Fokus der Duskussion sollte deshalb nur einer stehen: der Autor selber. Auf ihn sollte das Veranstaltungsformat zugeschnitten sein, er muss sich präsentieren und wohlfühlen. Was wäre, wenn Siegfried Lenz, Doris Lessing oder Martin Walser plötzlich vor einer Videoleinwand sitzen, laute Musik im Hintergrund schallt und Markus Kavka moderiert, nur damit eine junge Zielgruppe angelockt wird?

Das kann selbst Herr Porombka nicht wollen und, mit verlaub, das junge Publikum wäre dadurch mehr als irritiert. Auf der anderen Seite gibt es junge Literaten, die förmlich nach anderen Präsentationsformen schreien. Da können Kurzfilme gezeigt, Fotoshows abgespielt, und der Auftritt einer Band gleich mit eingeplant werden. Da steht kein Wasserglas, sondern die Bierflasche auf der Bühne und auch das Publikum neigt dazu, aufzustehen, um ab und zu zur Theke zu schlendern oder, wie beim Poetry Slam, direkt einzugreifen.

Nebenbei bemerkt: so neu ist das alles nicht. Auch die Dadaisten hatten für „Wasserglaslesungen“ wenig übrig. Gott sei Dank existieren viele Formen der Literaturvermittlung und, viel wichtiger, alle Formen werden gebraucht und funktionieren gut. Vereinen kann man viele Arten von Lesungen, Diskussionsrunden und Präsentationen, wenn man Zeit und Raum für Literatur hat.

Das Harbour Front Literaturfestival spricht die schöne Altersgruppe 8-88 an. Hier ist es also ganz offensichtlich, dass unterschiedliche Formate nebeneinander existieren. Günther Grass spricht mit José Saramago, nach der Lesung von Vladimir Sorokin wird russische Popmusik aufgelegt und der Klaus-Michael Kühne Preis, der im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Debütantensalon“ erstmalig vergeben wird, beurteilt nicht nur den Text des Autors, sondern auch dessen Performance am Abend der Veranstaltung.

Erwartet wird insgesamt ein bunt gemischtes Publikum, das sich auf den Autor und damit das Veranstaltungsformat einlässt und etwas neues entdeckt. Denn sollte man mit Hilfe der Literatur nicht den eigenen Horizont erweitern?

Silke Ohlenforst

Verlauf der Debatte:

Stephan Porombkas erster Text

Kritik von Rainer Moritz

Weitere Kommentare von Benedikt Geulen und Jan Böttcher

Erwiderung von Porombka zu Moritz

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