„Kurzsichtig und realitätsfern“: Börsenverein kritisiert Entwurf zum Wissenschaftsurheberrecht

CDU, CSU und SPD haben 2013 in ihrem Koalitionsvertrag „ein bildungs- und forschungsfreundliches Urheberrecht“ verabredet: „Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein, die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden.“

Jetzt gibt es einen Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums für ein Gesetz zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft (Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz – UrhWissG). Der Entwurf ist noch nicht offiziell publiziert, kursiert aber als 53-Seiten-Papier bereits im Internet.

„Autoren und Verlage brauchen wirtschaftliche Anreize“

Weil die Regierung unter Zeitdruck steht (im September wird ein neuer Bundestag gewählt), fürchten Verlage, dass die Regelungen rasch durchs Gesetzgebungsverfahren geschleust wird. Deshalb hat der Börsenverein jetzt bereits mit Bezug auf das geleakte Dokument in den Kampfmodus gewechselt und nimmt gegen den Entwurf Stellung. Die Kritik des Verbands:

  • Individuelle, marktgerechte Lizenzangebote der Verlage bei der Beschaffung von Fach- und Wissenschaftsliteratur durch Bildungseinrichtungen und Hochschulen spielten keine Rolle mehr.
  • Die Vergütung der Urheber erfolge künftig ausschließlich pauschal und nicht werkbezogen: Dadurch erhielten Autoren und Verlage künftig keine angemessene Vergütung mehr für ihre Leistungen.
  • Die wirtschaftliche Grundlage vieler, gerade kleiner Verlage bräche weg. In der Folge würden Wissenschaftler keine professionellen Partner mehr finden, um ihre Erkenntnisse zu publizieren.

Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis im Wortlaut:

„Sollte der Gesetzentwurf in dieser Form veröffentlicht werden, ist er kurzsichtig und realitätsfern. Denn Bildung zum Nulltarif kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Bildung ist Deutschlands wichtigste Ressource. Hochwertige und vielfältige Bildungs- und Wissenschaftsmedien sind die Initialzündung für Wachstum, Wohlstand und Demokratie. Deshalb müssen wir sie stärken statt schwächen. Autoren und Verlage benötigen die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Anreize, ihr Wissen und ihre Erkenntnisse für Studierende und Wissenschaftler veröffentlichen zu können. Diese werden ihnen genommen, wenn ihre Lehrbücher und Publikationen künftig weitgehend kostenfrei vervielfältigt und weitergegeben werden dürfen. Die Politik schadet damit nicht nur Wissenschaftlern und Verlagen. Sie gefährdet die Qualität und Vielfalt von Bildung und damit die Basis unserer Wissensgesellschaft.“

Kommentare

1 Kommentar zu "„Kurzsichtig und realitätsfern“: Börsenverein kritisiert Entwurf zum Wissenschaftsurheberrecht"

  1. Sehr schön formuliert im Referentenentwurf: „C. Alternativen – Keine.“ Ist das „kurzsichtig und realitätsfern“? Die Realität für (große internationale Natur-) Wissenschaftsverlage ist zur Zeit die Library Genesis bzw. Sci-Hub (und dann kommt erstmal lange nichts), mit der Konsequenz: Go Open Access or Perish! (Oder hat jemand eine bessere Idee?) Dass das im Entwurf nicht erwähnt wird, ist in der Tat „realitätsfern“. Aber die Konsequenz sind notwendigerweise Überlegungen, wie man die Verlage und die Autoren angesichts der russischen Piraterielage den Übergang zu Open Access ermöglicht. Da müssen einerseits öffentliche Gelder, die bislang für den Ankauf von Büchern benutzt wurden, eben umgewidmet werden für die Produktion von Büchern. Andererseits ändern sich Vertriebswege – Zwischenhändler fallen weg, und man kann die (bereits finanzierten) Bücher dann direkt bei den Russen – der weltweit größten Internetplattform für wissenschaftliche Ebooks überhaupt – veröffentlichen; das macht eigentlich vieles viel einfacher und käme der aktuellen wissenschaftlichen Praxis entgegen, sich Bücher ohnehin dort umsonst zu besorgen.

    Heuchlerisch erscheint mir die Argumentation mit den Vergütungen für wissenschaftliche Autoren, denn die gibt es ja in aller Regel ohnehin nicht. Und darum werden die Autoren nichts dagegen haben, wenn sie per umsonst mehr Reichweite erzielen. Was es gibt, sind Verlage wie Elsevier mit unfassbar riesigen Profitraten. Die werden die neue Realität nicht schätzen, aber nicht ändern können, allenfalls noch für eine Weile aussitzen.

    Wie die Lage bei kleineren Wissenschaftsverlagen (die womöglich sogar gelegentlich Honorare zahlen?) ist, kann ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Aber deren Anliegen kann man nicht mit denen der wissenschaftlichen Großverlage vermengen. Und deren Anliegen (Profitraten von bis zu 40% aufrechterhalten) wiederum nicht mit denen ihrer Autoren (möglichst weit verbreitet werden).

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