Home Office: ja, aber richtig

Immer mehr Arbeitnehmer in Europa arbeiten im Home Office. Der wesentliche Vorteil: die ungestörte Arbeitszeit. Doch der Arbeitspsychologe Hartmut Schulze warnt vor der Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben.

Unter mobil-flexibler Arbeit verstehen wir eine Art des Arbeitens, bei der die Mitarbeitenden mitentscheiden können, an welchem Ort und zu welcher Zeit sie ihre Arbeitsaufgaben erledigen möchten.  Zusätzlich zu dem Arbeitsplatz im Stammhaus kann also noch an anderen Orten wie z.B. zu Hause, bei Kunden bzw. Partnern oder unterwegs im Zug oder in einem Co-working-Space gearbeitet werden. Der Anteil der Arbeitnehmenden, die manchmal oder überwiegend von zu Hause aus arbeiten lag 2012 in der EU im Durchschnitt bei etwa zehn Prozent (nach einer Auswertung von Mikrozensusdaten von Karl Brenke 2014). Während die Verbreitung in der EU generell ansteigt, stellt Brenke für Deutschland einen kontinuierlichen Rückgang gegenüber 2008 auf neu 8% (oder 4.7 Millionen) fest. Nimmt man die Arbeit an weiteren Orten hinzu (für die Schweiz fand Johann Weichbrodt 2014 einen Anteil von weiteren 10%, die ebenfalls an anderen Orten als dem im Stammhaus aber nicht im Home Office arbeitet), so liegt die Verbreitung EU-weit geschätzt bei etwa 10-40% aller Erwerbstätigen, die mindestens stundenweise pro Woche mobil-flexibel arbeiten. Da sich ca. 2/3 aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeitsbezogene Autonomie bezüglich Ort und Zeit wünschen (nach einer Studie für die Schweiz von Gudela Grote und Bruno Staffelbach 2010), besteht somit grundsätzlich ein Potenzial für eine weitere Zunahme – wobei die entgegen den Spekulationen in den letzten 5 Jahren doch eher schwach angewachsene Verbreitung als ein Ausdruck von Skepsis gegenüber dieser Form des Arbeitens v.a. auf Seiten der Arbeitgeber interpretiert werden kann. Grund genug, sich vertiefter mit Chancen und Risiken dieser Art des Arbeitens zu befassen.

Die Vorteile von Home Office und mobil-flexibler Arbeit

An dieser Stelle werden Studienergebnisse in den Fokus gestellt, die die Situation von Home Office Nutzenden aus deren eigener Perspektive beschreiben. Home Office Routiniers, die häufiger und regelmäßiger im Home Office arbeiten, können aus eigener Erfahrung über Stärken und Herausforderungen dieser Form des Arbeitens berichten. So haben Home Office Routiniers in einer von Barbara Degenhardt, Leila Gisin und mir durchgeführten Online Befragung aus dem Jahre 2013 die Top 5 Vorteile wie folgt benannt („eher“ bis „völlige“ Zustimmung):

1. Möglichkeit, ungestört in Ruhe arbeiten zu können (ca. 93% Zustimmung)

2. selbst entscheiden, zu welcher Zeit man arbeitet (ca. 90% Zustimmung)

3. Reisezeit einsparen (ca. 85% Zustimmung)

4. Aufgaben bearbeiten können, die im Büro nicht so gut erledigt werden können (ca. 83% Zustimmung)

5. Arbeits- und Privatleben besser in Einklang bringen (ca. 75% Zustimmung)

Die genannten Vorteile hängen zusammen mit größeren Autonomiegraden bzw. höherer Selbstregulation (v.a. selbst entscheiden zu welcher Zeit und an welchem Ort man arbeitet, Arbeits- und Privatleben besser in Einklang bringen) sowie mit dem Gewinn von Ressourcen (Reisezeit einsparen).

Weiterhin berichten die Home Office Routiniers von einer z.T. deutlich gesteigerten Arbeitszufriedenheit und Arbeitsleistung  sowie davon, sich den beruflichen Anforderungen besser gewachsen zu fühlen. Interessanterweise schätzen diejenigen, die regelmäßig im Home Office arbeiten, diese Auswirkungen höher ein als diejenigen, die weniger regelmäßig im Home Office arbeiten (Degenhardt et al., 2014). Die Möglichkeit mobilen Arbeitens ist für knapp zwei Drittel aller Erwerbstätigen der Schweiz mindestens ein bisschen relevant und nimmt mit zunehmendem Alter zu (nach einer aktuellen repräsentativen Studie für die Schweiz im Auftrag der Work Smart Initiative http://work-smart-initiative.ch/de/ von Johann Weichbrodt, Marcial Berset und Michael Schläppi 2016). Die Hauptgründe für mobil-flexibles Arbeiten sind zusammenfassend Autonomie, Ungestörtheit, Produktivität und Zeitgewinne.

Die Risiken von Home Office und mobil-flexibler Arbeit

In den Studien zum Home Office stellte sich ein erhöhtes Risiko zu einer Entgrenzung der Arbeit bzw. zu einem „Arbeiten ohne Ende“ heraus. So arbeiteten 13% der Schweizer Home Office Nutzenden auch regelmäßig nachts (22-6 Uhr) und 27% arbeiteten auch an Wochenenden. Die Mehrzahl der Befragten gab zudem an, dass die Nacht- bzw. Wochenarbeit in der Regel zusätzlich zur regulären Arbeitszeit (im Mittel 53% bzw. 65%) erfolgte. Der Grund liegt in der Nutzung zusätzlicher Zeitpuffer um nachzuarbeiten, was tagsüber oder unter der Woche liegen geblieben ist. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass ca. 54% der befragten Home Office Nutzenden über leichte bis mittelschwere Einschlafstörungen berichten. Weiterhin stellen die Home Office Nutzenden wie auch die von anderen Orten aus Arbeitenden regelmäßig eine erschwerte informelle Kommunikation v.a. zu den Kolleginnen und Kollegen und damit eine Behinderung intensiver Teamarbeit als zentralen Nachteil heraus. So vermissten 54% der Befragten in der Online Befragung von 2012 den spontanen informellen Austausch mit den Arbeitskollegen. Nicht zuletzt zur Kompensation einer eingeschränkten informellen Kommunikation gibt die Mehrheit (ca. 60%) der Home Office Routiniers an, nach 1-2 Tagen im Home Office wieder ins Stammhaus zu gehen, um die Kolleginnen und Kollegen zu treffen.

Zusammenfassend liegt die größte Herausforderung für Mitarbeitende im Home Office darin, sich selbst und ihre Aufgaben so zu organisieren, dass die Work-Life-Balance stimmt. Zudem ist ein bewusstes Kontakthalten zu den Kolleginnen und Kollegen oder zum Team erforderlich.

Mobil-flexible Arbeit als Ressource für Produktivität und Gesundheit

Die dokumentierten Vorteile und Risiken von Home Office und mobil-flexibler Arbeit zeigen, dass die erfolgreiche Realisierung dieser Form des Arbeitens eine sorgfältige Planung, Organisation und Management voraussetzen. Es gibt Aufgaben, die eine hohe Präsenz am Arbeitsplatz erfordern und für manche Mitarbeitende ist Home Office aufgrund ihrer persönlichen Präferenzen und Dispositionen nicht oder nur in geringerem Ausmass geeignet. Eine für Mitarbeitende und Organisationen erfolgreiche Realisierung hängt ab von einer förderlichen Führungs- und Organisationskultur und sie erfordert entsprechende Policys, Vereinbarungen und Schulungen u.a. zum Umgang mit Erreichbarkeit und Präsenz / Serendipity in der Organisation. Ist dies gegeben, dann stellen Home Office und mobil-flexible Arbeit ein Potenzial sowohl für die Leistungsfähigkeit als auch für das Wohlbefinden und die Stresskompensation von Mitarbeitenden dar.

Hartmut Schulze (Hochschule für Angewandte Psychologie, FHNW, Olten, Schweiz). Institut für Kooperationsforschung und -entwicklung

Zunächst auf Xing publiziert. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Weitere Artikel zum Thema Personalmanagement finden Sie im HR-Channel von buchreport und Bommersheim Consulting.

Kommentare

1 Kommentar zu "Home Office: ja, aber richtig"

  1. Als diejenige, die im Home Office arbeitenden Kollegen hat, kann ich sagen – tja, ich sehe sie so selten, es gibt so wenige Anknüpfungspunkte zwischen uns! Morgens quatschen wir mit anderen Kollegen in unsrem Kaffeeraum, über die Kollegen im Home Office weiß ich einfach so wenig, was sie im Leben bewegt und so. Das ist ja für den Teamgesit definitiv nicht gut.
    Ich finde, dass es mindestens im großen Unternehmen eine Mitbestimmung des Betriebsrates bei der Einführung von Home Office erforderlich wäre. Individualrechtliche Fragen rund um Telearbeit kann der Betriebsrat im Anschluss an eine entsprechende Weiterbildung – Beispiel hier https://www.ifb.de/betriebsrat/seminare/termin/telearbeit-und-home-officeaktiv-fuer-eine-bessere-work-life-balance-118358.html – besser ergreifen als einzelne Mitarbeiter oder Manager.

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