Rainer Uebelhöde: Ein trügerisches Bild

Der Filialbuchhandel hat sich nach einer volatilen Phase wieder stabilisiert. Perspektivisch wird das Geschäft für die Buchhändler nicht leichter werden.

Rainer Uebelhöde (Foto: Stefan Mays)

Fasst der Filialbuchhandel nach den Stolperern im Gefolge der überhitzten Expansionsphase wieder Tritt? Nach einer Phase des Rückbaus auf ein gesundes Maß werden die drei landesweit aktiven Player Thalia, Hugendubel und Weltbild jetzt wieder offensiver und melden für das laufende Jahr ein flächenbereinigtes Wachstum. Der buchreport-Filialatlas zeichnet das Bild einer stabilisierten Filiallandschaft mit gefestigten Strukturen. Nach vielen negativen Schlagzeilen eine positive Botschaft. Allerdings versehen mit einigen Fragezeichen.

Wie entwickeln sich die Frequenzen?

Für Dynamik bei den Großen sorgen das Online- und das E-Book-Geschäft, ein Beleg für das Zünden der Multichannel-Strategie, in die stark investiert wurde. Ob das stationäre Geschäft tatsächlich weiter zulegen kann, muss die Zukunft erst noch zeigen. Entscheidende Fragen: In welchem Ausmaß wird der ungebrochen zulegende Online-Handel das Einkaufsverhalten der Kunden weiter verändern und wie wird sich das auf die Frequenzen in den Fußgängerzonen auswirken?

Wie schlägt sich der Standortbuchhandel? In den kommenden Jahren wird sich im inhabergeführten Buchhandel die Spreu vom Weizen trennen. Während sich die Fitten mit profilierten Auftritten erfolgreich positionieren, die eigene Multichannel-Schiene pflegen und alle Vorteile abschöpfen, die ihnen die agilen Verbundgruppen bieten, werden die an der Grenze zur Selbstausbeutung vor sich hin werkelnden Einzelkämpfer noch stärker unter Druck geraten. Scheuklappen zu tragen, ist immer noch weit verbreitet, die branchenverändernden Transformationsprozesse werden vielfach ausgeblendet. Es gibt im stationären Sortiment immer noch Akteure, die glauben, die Rolle des Nahversorgers für Bücher auszufüllen, reiche aus, um auch in Zukunft zu bestehen. Solche Nicht-Konzepte sind ein Freifahrtschein zur Endstation.

Wann wird Amazon ein Nachbar?

Zu viel Schwarzmalerei? Im Vergleich zu anderen Einzelhandelssparten ist der Buchhandel im Großen und Ganzen tatsächlich besser aufgestellt, weil die Vernetzung des stationären Geschäfts mit der Online-Komponente in sehr vielen Unternehmen mittlerweile eingespielte Praxis ist. Die austarierten Strukturen bei den Filialisten und das zu spürende neue Selbstbewusstsein im Sortiment – im Übrigen auch auf der Buchmesse als Stimmungsaufheller gerne ins Gespräch gebracht – dürfen aber nicht den Blick verstellen. Das Bild ist trügerisch.

Auch für den Handel mit dem von der Politik protegierten Kulturgut Buch gilt: Nichts ist dauerhaft in Stein gemeißelt. „Wir agieren in einem bewegten Marktumfeld. Starke E-Commerce-Unternehmen gehen auch auf die stationäre Schiene, und das wird alle vor große Herausforderungen stellen“, prognostiziert Michael Busch, geschäftsführender Gesellschafter von Thalia, mit Blick auf den Treiber Amazon. Selbst die Preisbindung, zentrale Komponente der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, ist nicht auf ewig in trockenen Tüchern. Früher oder später wird das Privileg auf EU-Ebene wieder angeschossen werden. Das Geschäft der Buchhändler wird nicht einfacher werden.

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