Wie lässt sich Wissen anschaulich vermitteln?

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Wenn der kleine Lias nur noch wischt, statt zu blättern, wird der Medienbruch auch im Kinderzimmer spürbar. Doch ist es wirklich schon so weit, dass bei der Vermittlung von Wissensthemen der Tablet-PC das Buch ersetzt?

Nimmt man die Zahlen der zuletzt 2014 erschienenen KIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, die den Stellenwert der Medien im Alltag von Kindern (6 bis 13 Jahre) untersucht, müssen Buchverlage nicht in Untergangsstimmung verfallen. Lediglich 2% der Kinder besitzen selbst einen Tablet-PC, einen eigenen Computer oder Laptop hat nur jeder Fünfte (21%) und 18% können damit vom Kinderzimmer aus auf das Internet zugreifen.

„Tablet-PCs sind mit 3% täglichen Nutzern noch nicht im Alltag der 6- bis 13-Jährigen angekommen“, heißt es in der Studie. Dennoch lässt sich nur schwer von der Tatsache absehen, dass die digitalen Medien zunehmend an Relevanz gewinnen bei der Wissensvermittlung. Nicht zuletzt werden sie immer öfter auch in Kindergärten und Schulen eingesetzt. „Die Lese- und Sehgewohnheiten haben sich durch die digitalen Medien geändert“, registriert etwa Nicole Hummel, Sprecherin des Nürnberger Tessloff Verlags. Dieser veränderten Rezeption müsse Rechnung getragen werden bei der Art und Weise, wie Themen fürs Sachbuch aufgearbeitet werden.

Für die Kinder- und Jugendbuchverlage insgesamt bleibt das gedruckte Buch weiterhin das Medium der Wahl, obgleich einige auch eine Vernetzung mit digitalen Medien testen. Welche Argumente sprechen aus Sicht der Verlage für das Print-Sachbuch und mit welchen Strategien bereiten sie Wissensthemen für Kinder- und Jugendliche auf?

Der vor allem durch die Jugendsachbuchreihe „Was ist was“ bekannte Tessloff Verlag hat auf die veränderten Seh- und Lesegewohnheiten mit einer Neuaufmachung seiner verschiedenen Buchserien reagiert: 2013 hatte Tessloff zunächst seine auch bei einigen Erwachsenen (vor allem der 70er- und 80er-Jahrgänge) populäre Hauptreihe inhaltlich und gestalterisch neu konzipiert, im vergangenen Jahr dann die 2007 gestartete Kindersachbuchreihe „Was ist was Junior“ (4–7 Jahre).

Vervollständigt wurde das Altersspektrum in diesem Jahr durch einen weiteren Ableger: Die neue „Was ist was Kindergarten“-Reihe für Kinder ab 3 Jahren, von der Tessloff die ersten vier Bände zu den Themen „Jahreszeiten“, „Wald“, „Ritterburg“ und „Bauernhof“ in den Handel gebracht hat. Nimmt man die Bände in Augenschein, fällt auf, dass Wissensvermittlung hier auf im positiven Sinne altmodische Weise mit klassischen optischen und haptischen Reizen funktioniert: Mit detailreichen Illustrationen, Suchbildern und zahlreichen Klappen.

Dabei gibt es bei Tessloff auch eine Vernetzung von Digital und Print, etwa mit Produkten für den sprechenden Ting-Stift, mit einem Wissensportal Wasistwas.de, einer „Was ist was Quizz App“ und E-Books. Allerdings wurden nur einige ausgewählte Titel im digitalen Format aufbereitet, mit Videos, Fotos, Animationen, Ausmalseiten und einer Vorlesefunktion. „Die Umsetzung ist sehr aufwendig und kostspielig“, begründet Nicole Hummel, außerdem sehe der Verlag seine Kernkompetenz in der Erstellung qualitativ hochwertiger Bücher.

 

Mehrwert durch digitale Verknüpfung

Auch beim Kosmos Verlag ist man der Auffassung, dass Buch und Internet nicht zwangsläufig in Opposition zueinander stehen müssen: „Wo es sinnvoll ist und einen echten Mehrwert bringt, verbinden wir verschiedene Medien auch miteinander“, sagt Silke Ruoff, die beim Stuttgarter Verlag die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit leitet.

Zum Beispiel hat Kosmos zu dem Kindersachbuch „Wer ist hier der Größte“, das heimische Vogelarten in Lebensgröße abbildet, eine App entwickelt, über die sich die Original-Vogelstimmen anhören lassen. Der genannte Titel demonstriert aber zugleich auch, warum laut Ruoff gedruckte Bücher Möglichkeiten böten, die im Internet schwierig oder gar nicht umsetzbar seien: Durch die Abbildung der Vögel im Buch in Lebensgröße, zum Teil durch Aufklappseiten, könnten die Kinder ein besseres Gefühl für die tatsächliche Größe der Tiere entwickeln. „Am Computer würde dies aufgrund unterschiedlicher Bildschirmgrößen und -einstellungen kaum funktionieren.“

Als eines der zentralen Argumente für das Medium Buch bei der Vermittlung von Wissensthemen wird zudem häufig das Rezeptionsverhalten ins Feld geführt, etwa von Monika Schlitzer, Programmleiterin bei Dorling Kindersley (s. Interview), die auf das Konzentrationsvermögen hinweist, das durchs Buch geschult wird, während digitale Medien eher ablenken und zerstreuen.

Auch Anuschka Albertz, verlegerische Geschäftsführerin des Ravensburger Buchverlags, spricht dem gedruckten Buch besondere Qualitäten zu: „Im Internet findet sich eine Fülle an Informationen. Es ist aber notwendig, um Kindern Wissen zu vermitteln, dass Zusammenhänge dargestellt, die Lust am Forschen und kritisches Denken gefördert werden.“ Ravensburger will „Sachwissen auf Augenhöhe der Kinder“ bieten, u.a. mit den „Wieso? Weshalb? Warum“-Büchern für drei Altersstufen.

Andere Verlage nennen ebenfalls besondere Qualitäten des Print-Formats:

  • Für Petra Albers (Beltz) ist die bildnerische Darstellung wichtig für den Transfer von Informationen im Kindersachbuch, insbesondere durch informative Grafiken, hochwertige Fotos und Illustrationen.
  • „Handel und Endkunden sind immer auf der Suche nach Büchern, die das jeweilige Thema auf außergewöhnliche Weise darstellen, beispielsweise durch Pop-up-Seiten oder im Buch enthaltenes Zusatzmaterial“, findet Birthe Döring (Knesebeck).
  • Die Random House-Tochter cbj setzt vor allem auf prominente Autoren wie Harald Lesch und auf erfolgreiche Charakter, etwa die Maus aus der gleichnamigen Kinder-TV-Sendung. „So werden Fakten mit mehr Spaß und vor allem nachhaltiger gelernt und behalten“, meint Programmleiterin Alexandra Borisch. „Die Geschwindigkeit des Internets ist eben nicht alles.“

 

Till Spielmann spielmann@buchreport.de

Foto: Dorling Kindersley

Bücher fördern die Konzentration

Monika Schlitzer (Dorling Kindersley) über die Vorteile von Print

Monika Schlitzer

Wie entwickelt sich das Kinder- und Jugendsachbuch? Hat es einen schweren Stand im Handel?

Die Regalflächen im Handel sind im Vergleich zur Attraktivität des Angebots in vielen Buchhandlungen erstaunlich knapp bemessen. Entsprechend fehlt vielen Büchern die Sichtbarkeit, was umso bedauerlicher ist, als gerade dieses Genre von der Visualisierung lebt. Die Bücher überzeugen, wenn Kinder und Eltern sie in die Hand nehmen und anschauen können. Ist das der Fall, schaffen Sachbücher gute fünfstellige Absatzzahlen.

Was sind zurzeit die größten Herausforderungen für Verlage in diesem Segment?

Die Verlagsprogramme sind innovativ und kreativ. Die größte Herausforderung ist es tatsächlich, den Weg zu den Buchkäufern und Kindern zu finden. Für das Sachbuch sind das klassischerweise überwiegend aber nicht nur Jungs. Sie kann man durch spannende Bücher zu ihren Lieblingsthemen zum Lesen animieren.

Bei klassischen Sachbuchthemen für diese Zielgruppe ist das Internet die größte Konkurrenz. Was können Buchverlage entgegensetzen?

Viele Eltern sind bis zu einem gewissen Alter der Kinder zurückhaltend, was die freie Nutzung digitaler Medien angeht. Davon abgesehen ist es für Kinder schwer, sich in der Informationsflut im Internet zu orientieren. Wenn Kinder Informationen zu bestimmten Themen z.B. für Schulreferate suchen, bekommen sie sie in einem Sachbuch gut geliedert, nach Wichtigkeit ausgewählt, gut recherchiert, inhaltlich abgesichert und altersgemäß aufbereitet. Dass das Buch ein „statisches“ Medium ist, stellt in meinen Augen eher einen Vorteil als einen Nachteil dar, weil es die Konzentration fördert.

Kindersachbuch – Hoffnungsträger der Verlage
Autor Titel Verlag Preis ET ISBN
Baur Was ist was. Weltatlas Tessloff 24,95 11/2016 978-3-7886-2187-2
Oftring/Köhrsen Mein erster Naturführer. Was fliegt denn da? (Reihentitel) Kosmos 9,99 4/2016 978-3440146248
von Bornstädt

 

Nevio, die furchtlose Forschermaus. Warum es Tag und Nacht wird, … (Reihentitel) Arena

 

12,99

 

6/2016

 

978-3401709000

 

Clément Metamorphosen: Verwandlungskünstler der Natur Knesebeck 14,95 8/2016 978-3868739398
Wood/Jolley Schätze der Natur Ravensburger 24,99 10/2016 978-3473550845
Mai

 

Wir leben alle unter demselben Himmel: Die fünf Weltreligionen für Kinder Hanser

 

18,00

 

9/2016

 

978-3446253001

 

Minecraft. Das geheime Buch der Überlebenden Schneiderbuch 8,00 8/2016 978-3505139239
Leitzgen/

Bockelmann

Erforsche das Meer: Kinder entdecken Küsten und Meere

 

Beltz & Gelberg

 

16,95

 

2/2016

 

978-3407821300

 

Lesch/Mebs Mit Mathe kann man immer rechnen cbj 12,99 10/2016 978-3570173633
Kasischke Luther, was läuft? Gabriel 9,99 1/2017 978-3522304597
Bilderpedia. Ein Lexikon – 10.000 Fotos Dorling Kindersley 24,95 9/2016 978-3831030712
Auswahl; Preise in Euro

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