Volker Oppmann: Wir brauchen eine neue Literaturförderung!

Volker OppmannKulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) will von 2017 an einen neuen Förderschwerpunkt auf die Literatur legen. Das kündigte die Staatsministerin am Abend des 26. September 2016 vor dem Berliner Buchhändler Club (BBC) an, wie das Ministerium mitteilte (hier die Meldung auf buchreport.de).

Es seien die Autoren, die dem Ruf Deutschlands als Land der Dichter und Denker alle Ehre machten. Die Staatsministerin bekräftigte, dass sie sich auch in Zukunft für günstige Rahmenbedingungen im Interesse der Verlage und der Autoren auf nationaler und europäischer Ebene einsetzen werde. Ein weiteres Thema sieht Grütters demnach im gemeinsamen Kampf gegen die Marktmacht großer Internetkonzerne wie Amazon, heißt es in der Verlautbarung.

Ein Wunsch an Frau Grütters

Ein wichtiges Signal wäre insofern ein Literaturpreis, der nicht auf Literatur als Kunstform, sondern auf die Funktion von Literatur in einer demokratischen Wissens- und Informationsgesellschaft abzielt.

Wünschenswert wäre beispielsweise eine Förderung von Projekten, die sich den Herausforderungen der digitalen Transformation stellen und an konkreten Lösungen arbeiten, die dem gesamten Literaturbetrieb zugutekommen. Oder auch eine Förderung von Forschungsprojekten respektive Sachbüchern, die mit ihrer Arbeit dabei helfen, den digitalen Wandel zu verstehen und zu gestalten.

Die Funktion von Literatur

Leider wird Literatur in der öffentlichen Wahrnehmung oft auf Hochliteratur reduziert, was sie gleichzeitig ihrer Wirkung beraubt. Denn das ist es nicht, was „das Buch“ kulturell so wertvoll und bedeutend macht. Die Ausprägung von Literatur als Kunstform ist zwar ein schöner, zugleich aber auch ein zahnloser Tiger, der allenfalls zum Bettvorleger für den heimischen Elfenbeinturm taugt.

Die eigentliche Funktion von Literatur ist ihre Eigenschaft als Trägerin des öffentlichen Diskurses und damit nicht zuletzt der politischen Meinungsbildung. Anders ausgedrückt: Die Rolle von Literaturbetrieb und freier Presse war es stets, der Öffentlichkeit ein Forum (neudeutsch: Plattform) zur Verfügung zu stellen, auf welchem gesellschaftlich relevante Themen öffentlich verhandelt werden konnten.

Auf diesem Forum / auf dieser Plattform entfaltete sich in der Tradition der griechischen Agora die Freiheit des Denkens in einem intellektuellen Wettstreit durch den Austausch von Argumenten. Hier trafen sich die viel zitierten „Dichter und Denker“, um vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit zu debattieren und ihre Ansichten publik zu machen.

Die Agora als virtueller Raum

Heute bedienen wir uns an Stelle der Presse mehr und mehr digitaler Plattformen / Foren / Agoren, um Öffentlichkeit herzustellen. Doch leider sind wir hier nicht mehr Herr und schon gar nicht im eigenen Haus. Denn nicht wir als Buch- bzw. Medienbranche sind es, welche die gesellschaftlich relevanten Plattformen betreiben, sondern Konzerne wie facebook, Google (bzw. – nomen est omen – Alphabet) und nicht zuletzt amazon.

Die öffentlichen Räume verwandeln sich (nicht nur im Netz) mehr und mehr in private Räume, in denen das Hausrecht des Betreibers gilt. Der Marktplatz weicht der Shopping Mall, in der wir allenfalls geduldet werden, solange man noch nicht gänzlich auf uns verzichten kann. Die Agora ist kein öffentlicher Raum mehr, sondern ein kommerzieller Raum, dessen Spielregeln andere bestimmen.

Und wir als die einstigen Hüter der freien Rede scheinen immer mehr Getriebene denn intellektuelle Treiber der Entwicklung zu sein. Schießbudenfiguren für die Konkurrenz aus dem Silicon Valley, die alles einem reinen Diktat der Ökonomisierung unterwirft.

Fazit

Es geht letztendlich darum, wie wir als Gesellschaft funktionieren. Es geht um Informationsmonopole, Aufmerksamkeitssteuerung und um Deutungshoheit. Es geht um die Verteidigung unserer demokratischen Grundwerte, die ihrerseits einer aufgeklärten, kritischen Öffentlichkeit sowie einer unabhängigen Meinungsbildung jenseits rein ökonomischer Kalküle bedürfen.

Was die Allgemeinheit wirklich braucht, ist eine (Infra-) Strukturförderung, welche die erodierende Basis des Literaturbetriebs nachhaltig stärkt.

Volker Oppmann, Gründer und CEO log.os GmbH & Co. KG. Oppmann studierte Germanistik und Skandinavistik in Bonn und Bergen. Erste Verlagserfahrung sammelte er 2002 bei Rogner & Bernhard in Hamburg und gründete anschließend den Berliner Independent-Verlag ONKEL & ONKEL. Mit textunes war er erster deutscher Anbieter von eBook-Apps und war von 2011 bis zum Launch des Tolino im März 2013 verantwortlich für den Digitalbereich bei Thalia. Seit 2013 arbeitet er im Bereich des Entrepreneurial Designs und Managements bei log.os.

 

Lesen Sie weitere Artikel zum Thema im Channel von log.os auf buchreport.de.

Kommentare

2 Kommentare zu "Volker Oppmann: Wir brauchen eine neue Literaturförderung!"

  1. Kurz gesagt wollen wir kein Geld von Frau Grütters, sondern einen Ideenwettbewerb für Lösungen, die dem gesamten Literaturbetrieb und damit letztlich der Gesellschaft (nicht den Gesellschaftern) zugute kommen 😉

  2. Kurz gesagt, will der Herr damit sagen: Gebt „Literaturförderung“ bloß nicht den Autoren. Gebt es lieber uns.

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