Geradezu grotesk

Zur geplanten Urheberrechtsreform gehört die Einführung einer Bildungs- und Wissenschaftsschranke. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat beim Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomie eine Studie in Auftrag gegeben, um die Auswirkungen einer solchen Neuregelung zu evaluieren.

Adrian Lobe hat das Papier für die „FAZ“ unter die Lupe genommen und lässt kein gutes Haar an der Studie. „Beim Wort genommen, läuft sie auf eine Abschaffung des Urheberrechts hinaus“, urteilt er. Die Verfasser um Herausgeber Justus Haucap, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf, sehen Lobe zufolge nur die Vorteile frei zugänglicher Fachliteratur: „Zwar heißt es in der Studie selbst, dass dadurch Innovationsanreize, also wichtige Motive, Bücher zu schreiben und zu verlegen, weitgehend zerstört würden. Die Autoren kümmert das jedoch nicht weiter. Der Grundton für die weitere Exegese ist gesetzt: Auf Verlage und Autoren ist bei dem anstehenden Gesetz keine Rücksicht zu nehmen. Denn auch wenn sie ihre Werke kostenlos zur Verfügung stellen müssten, nähmen sie keinen Schaden, weil sie, wie es weiter heißt, ‚ihre Marktmacht dazu nutzen werden, Absatzverluste … durch Preiserhöhungen … zu kompensieren‘.“

Über diesen Befund Haucaps hat Lobe mit einigen Vertretern von Wissenschaftsverlagen gesprochen. Verleger Vittorio Klostermann, Nomos-Programmleiter Johannes Rux, Verleger Matthias Ulmer und Stroemfeld-Lektor Alexander Losse zeigen sich einhellig befremdet vom Vorgehen des BMBF und den Studienergebnissen. Lobe fasst ihre Einschätzungen zusammen: „Durch die Erlaubnis zur ungehinderten digitalen Vervielfältigung wären Lehrbücher schlicht nicht mehr profitabel. Den Verlagen ginge eine wichtige Einnahmequelle verloren. Haucaps Studie ist diese Seite des Verlagswesens fremd. Sie schließt von einer Handvoll Großverlage auf die gesamte Verlagslandschaft und geht von Monopolen aus, die es in weiten Bereichen gar nicht gibt.“

Zudem unterstellt Lobe Haucap und seinen Co-Autoren, das Problem der E-Book-Piraterie im Wissenschaftsbereich massiv zu verharmlosen, indem sie Plattformen für Raubkopien mit legitimen Vertriebsportalen gleichsetzen, die Gefahren für die Verlage herunterspielen und sogar Vorteile in der Verbreitung illegaler Kopien sehen: „Geradezu grotesk wirkt der Versuch, unter Verweis auf eine fachlich völlig unbedeutende Arbeit Urheberrechtsverletzungen ökonomische Rationalität zu bescheinigen: ‚Urheberrechtsverletzungen können auch eine rationale Entscheidung sein, die auf dem besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis von illegalem Medienkonsum basiert.‘ Man muss es zweimal lesen: Eine vom Bundesministerium in Auftrag gegebene Studie plädiert für die Rationalität des Rechtsbruchs!“

Kommentare

1 Kommentar zu "Geradezu grotesk"

  1. Rational: Umsonst ist aus Konsumentensicht tatsächlich günstiger als ein x-beliebiger Preis, außer man würde fürs Lesen bezahlt.

    Aus Autorensicht: Ich habe zum Beispiel letzte Woche einen Artikel im Springer Informatik-Spektrum geschrieben (lustigerweise über Internetpiraterie), ohne Honorar, und jetzt wird der Artikel für 42 € angeboten. Na gut, es fördert meinen wissenschaftlichen Ruhm, und da spiele ich das Spiel halt mit; und immerhin muss ich noch nicht fürs Publizieren bezahlen. Und natürlich ist der Text auch
    schon bei Sci-Hub/LibGen gelandet, also auf der reichweitenstärksten Naturwissenschafts-Ebook-Seite der Welt, wo die Leute standardmäßig nachschauen, wenn sie naturwissenschaftliche (und ein paar andere) Texte suchen. Aber „rational“: Soll ich da was dagegen haben? Es fördert meinen wissenschaftlichen Ruhm doch noch mehr! Ach, der Verlag verdient daran nichts? Ach, es werden Gesetze gebrochen (wobei Piraterie in Russland inzwischen quasi legalisiert ist, s. mein Artikel in der FAZ v. 13.4.2016, S. N4)? Tja, böse Welt. Aber rational kann ich das als Autor nur begrenzt schlimm finden.

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