Diversität, Kreativität, Wachstumspotenzial

Die Frankfurter Buchmesse richtet den Fokus wie im vergangenen Jahr auf sieben internationale Märkte. Im Vorfeld präsentiert die Messe in Kooperation mit buchreport eine Serie, in der Experten aus den Ländern ihre Märkte vorstellen. Diesmal: Karine Pansa, Verlagsleiterin bei Girassol Brasil Edições Ltda (Foto: Verlag).
Was sind die drei erstaunlichsten Fakten zu Ihrem nationalen Buchmarkt

1. Diversität: Aufgrund seiner riesigen Ausmaße wird Brasilien im Hinblick auf Klima, Wirtschaft, Gesellschaft und lokale Kulturen von enormen Unterschieden zwischen den einzelnen Regionen geprägt. Der Lebensstil eines Anwalts aus São Paulo, im Südosten, hat nichts mit dem eines Landwirtes in Mato Grosso, Zentralbrasilien, oder auch mit dem eines Fischers aus Ceará im Nordosten zu tun. Wir sind so viel mehr als die klischeehafte Vorstellung von Fußball, Samba und Favelas.

2. Kreativität: In der ganzen Welt sind wir berühmt für unsere Kreativität in Bereichen wie Architektur, Musik, Kochkunst und, natürlich, Literatur. Die Arbeiten unserer Autoren reichen von dichter, tiefgründiger Literatur bis zu populären, kommerziellen Werken, wir kombinieren verschiedene Sprachen und ganz wichtig – unsere eigene Lust am Geschichtenerzählen.

3. Enormes Wachstumspotenzial: Mit Blick auf den brasilianischen Binnenmarkt gibt es ein großes Wachstumspotenzial, vor allem, wenn man bedenkt, dass 44% der Bevölkerung noch keine Leser sind und dass ein Brasilianer durchschnittlich nur ungefähr fünf Bücher im Jahr liest. Diese Zahlen sind kontinuierlich gestiegen, gemäß der im Mai 2016 veröffentlichten Studie Retratos da Leitura no Brasil.

Was können andere Märkte von Ihrem Markt lernen?
Was jedes Jahr auf dem brasilianischen Buchmarkt veröffentlicht wird, spiegelt die Diversität unserer Gesellschaft wider, nicht nur unsere Multikulturalität, sondern auch eine Diversität hinsichtlich ethnischer, religiöser und sexueller Themen. Wir haben es mit keiner literarischen Schule zu tun, die uns auf bestimmte Motive oder Formate festlegen würde. Wir streben nach Qualität und Kreativität, ohne Beschränkungen durch irgendwelche Paradigmen. 
Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die Schwachpunkte Ihres Marktes?
Nach meiner Einschätzung sind die wesentlichen Schwachpunkte der brasilianischen Verlagsindustrie die Schwierigkeiten mit dem nationalen Vertrieb sowie die so gering ausgeprägte Internationalisierung. Wir haben ein dramatisches Buchvertriebsproblem in unserem Land. Die Tatsache, dass wir es mit kontinentalen Ausmaßen zu tun haben, macht den nationalen Vertrieb aller Verlagsprodukte schwierig. Ein in São Paulo hergestelltes Buch in alle Städte des Landes zu bringen, bedeutet nicht nur hohe Kosten, sondern ist auch für das Produkt selbst eine komplexe Herausforderung. Außerdem führen diese Vertriebsprobleme zu einer Konzentration von Buchläden ausschließlich in den großen städtischen Zentren. Die brasilianische Literatur, obwohl durchaus als vielfältig, kreativ und qualitativ hochwertig anerkannt, ist international immer noch zu wenig präsent. Im Vorfeld des brasilianischen Ehrengastauftritts auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2013 hat das brasilianische Kulturministerium mit der Stiftung Nationalbibliothek ein mit 1,2 Mio US-Dollar hochdotiertes Übersetzungsförderungsprogramm ins Leben gerufen. Allein in Deutschland sind im Jahr 2012/13 rund 260 brasilianische Bücher neu erschienen, 117 davon im Bereich Belletristik. Dennoch sind Übersetzungen brasilianischer Romane in Spanien, den USA oder Frankreich selten und schwierig zu finden. Oder jedenfalls deutlich schwieriger als zeitgenössische Werke aus dem spanischsprachigen Lateinamerika. 

Wir bieten eine diversifizierte Bandbreite an Inhalten, mit 52.000 Titeln jährlich (gemäß FIPE 2015), was in etwa dem Volumen des französischen Marktes entspricht. Auch wenn man die Schulbücher (12.000 im Jahr 2012) und die Übersetzungen pro Jahr (5.000 im Jahr 2014) nicht mitrechnet, hat Brasilien immer noch Potenzial, um sich als Verkäufer von Inhalten in Position zu bringen. Demnach wäre es nur natürlich, wenn Brasilien in den kommenden Jahren als global agierender Anbieter stärker werden würde.  

Wie wird sich Ihrer Meinung nach der digitale Markt in Ihrem Land entwickeln? 

Der digitale Markt ist von einem kontinuierlichen Wachstum geprägt, stark, aber schrittweise. Es wird erwartet, dass diese Entwicklung immer stärker anziehen wird, mit den neuen, nachkommenden Generationen, die vertrauter sind mit digitalen Plattformen und die als Leser immer wichtiger für den Buchmarkt werden. Der Markt für das gedruckte Buch wird aber nicht gänzlich verschwinden. Ich glaube, dass eine neue Lesergeneration heranwächst, die die digitale Plattform als eine günstige und leicht zugängliche Alternative für das Lesen sieht – eine Entwicklung, die sogar dazu beitragen wird, das zuvor erwähnte Vertriebsproblem zu überwinden. 

Ich kann außerdem das Selfpublishing-Phänomen hervorheben, das in Brasilien ziemlich stark ist. Das wirklich zu messen, ist immer noch recht schwierig. Aber wir können bereits sagen, dass untere Einkommensklassen das Angebot relativ stark annehmen. Sie lesen digitale Bücher vor allem auf ihren Smartphones, Bücher, die auf Selfpublishing-Plattformen wie Wattpad veröffentlicht oder bei Amazon gekauft wurden.

Wie wäre es möglich die Beziehungen zwischen Verlagshäusern zu verbessern? Was für Veränderungen sind dafür nötig? 

Ich denke, neben internationalen Buchmessen, die sehr wichtig sind, wäre es notwendig, ein breiter aufgestelltes Netzwerk aufzubauen, mit spezifischen Treffen, die sich auf ganz bestimmte Länder richten, bei sogenannten Business Rounds. Messen sind sehr wichtig und meistens sogar ausschlaggebend, auch wenn sie hohe Investitionen von den Verlagshäusern fordern. Es gibt viele Technologien, die die Lücke überbrücken, Kosten und Zeitzwänge, und die neuen Möglichkeiten des Geschäftemachens eröffnen, aber wir nutzen sie noch nicht richtig. Es ist schwer für uns, die Unterschiedlichkeit unseres Marktes während Verhandlungen deutlich zu machen. Ein Beispiel dafür sind unsere Auflagen, die im Vergleich zu anderen Märkten als ziemlich gering angesehen werden.

Welcher ausländische Buchmarkt interessiert Sie persönlich?

Ich würde sagen, Lateinamerika als Ganzes, wegen der geographischen und kulturellen Nähe und des großen Interesses an Brasilien. Und die USA, in meinen schönsten Träumen, in denen ich unsere Literatur auf dem größten internationalen Markt gut vertreten sehe. 
Welchem Autor aus Ihrem Land würden Sie international Erfolg wünschen? 
Einen einzigen Autor nennen, das kann ich gar nicht und ich würde mich auch nicht gut dabei fühlen. Ich wünsche allen Schriftstellern Erfolg, die wirklich international Fuß fassen wollen und gemeinsam mit ihren Verlegern hart daran arbeiten. 
Karine Pansa ist seit 23 Jahren im Verlagssektor tätig. Sie ist Inhaberin und Verlagsleiterin bei Girassol Brasil Edições, einem Kinderbuchverlag, und Partnerin bei Faro Editorial, einem Verlagshaus, das sich mit seinem Literaturprogramm an (junge) Erwachsene richtet. Im Jahr 2009 wurde Karine Pansa als zweite Frau überhaupt zur Vorsitzenden der Brazilian Book Chamber (CBL) ernannt, eine Funktion, die sie zwei Amtszeiten innehatte, von 2009-2011 und 2011-2015. Im Oktober 2012 wurde Karine Pansa für zwei Jahre zum Vorstandsmitglied der International Publishers Association (IPA) gewählt; im Jahr 2015 erfolgte die Wiederwahl.
Die Konferenz „The Markets“ stellt am 18. Oktober sieben internationale Buchmärkte auf der Frankfurter Buchmesse vor, die von Branchenexperten aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert werden. Ziel ist es, Geschäfte vor Ort anzubahnen sowie potentielle Geschäftsfelder sichtbar zu machen. In diesem Jahr beleuchtet die Buchmesse die Märkte Polen, Spanien, Philippinen, Vereinigte Arabische Emirate, Brasilien, Großbritannien und Flandern & Niederlande.

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