Neues Bürgertum, das nicht mehr liest

Plattformen für Indie-Verlage: Auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt können sich die kleinen, unabhängigen Verlage in eigenen Arealen präsentieren. Im Forum „Die Unabhängigen“ in Leipzig (Foto: LBM) findet u.a. die Verleihung des Kurt Wolff Preises statt.
Für Jörg Sundermeier (Foto: Nane Diehl), Chef des Berliner Verbrecher Verlags, stehen die Zeichen ganz klar auf Aufbruch: Erst kürzlich haben mit Matthes & Seitz und Schöffling zwei kleinere, unabhängige Häuser beim Preis der Leipziger Buchmesse abgeräumt. Und noch ein halbes Jahr zuvor durfte Matthes & Seitz für den Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ von Frank Witzel den Deutschen Buchpreis entgegennehmen. „Die Vergabe von wichtigen Literaturpreisen an kleine Verlage hebt auch die Stimmung bei uns anderen“, sagt Sundermeier. 
Positive Signale kommen offenbar auch vom stationären Buchhandel, der Independent-Verlage verstärkt anbiete. „Buchhändler – und zwar nicht nur die in den großen Städten, wo man das schon selbstverständlich erwartet – besinnen sich wieder auf ihre Stärken“, beobachtet Sundermeier. Das Besondere anzubieten und im persönlichen Gespräch zu empfehlen, sei zum einen die Reaktion auf den durch Algorithmen geprägten Online-Buchhandel. Zum anderen herrsche im unabhängigen Buchhandel gute Stimmung, „weil man keine Angst mehr haben muss, morgen von einem Filialisten verdrängt zu werden“. 
Von dieser Entwicklung, die insbesondere der Lyrik-Ecke zu einem Comeback verhelfe, profitierten die kleineren Verlage wie auch die „guten literarischen Konzernverlage“. Einziger Wermutstropfen: Sowohl im Buchhandel als auch in den Medien werden die Indieverlage „immer noch erst an zweiter Stelle wahrgenommen, nachdem gewisse Verlage abgearbeitet wurden“, ärgert sich Sundermeier über eingefahrene Strukturen.
Buchhandel greift Indiebookday auf
Peter Reichenbach (Foto: Roberta Schneider) vom Hamburger Mairisch Verlag ist ebenfalls davon überzeugt, dass viele Buchhändler Lust darauf haben, ihr Sortiment vielfältiger und interessanter zu gestalten. Ein Anzeichen dafür sei, dass der 2013 von Mairisch initiierte Indiebookday sich mittlerweile von einer Internet- in eine Buchhandelsaktion gewandelt habe: Buchhändler setzten das bereit gestellte Plakat ein, gestalteten Schaufenster mit Titeln aus kleinen Verlagen und veranstalteten entsprechende Lesungen. Inwiefern durch den Indiebookday tatsächlich mehr Bücher aus kleinen Verlagen verkauft werden, lasse sich nicht eruieren. Zumindest könne aber die Präsenz im Buchhandel erhöht werden, ist Reichenbach überzeugt.

Ein weiterer Punkt: Die Veranstaltung sei die „einzige, auf der Verleger, Buchhändler und Leser sich inhaltlich und strukturell über Bücher unterhalten“. Der Kontakt zum Publikum ist dem Hamburger Verlag so wichtig, dass vor zwei Jahren ein Ladenbüro in Eimsbüttel bezogen wurde. Im Vordergrund stehe weniger der Direktvertrieb – dafür sei der Aufwand nicht gerechtfertigt, so Reichenbach –, sondern der Austausch: „Der Grund, einen Verlag ins Leben zu rufen, ist doch letztlich, um über das Medium Buch mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen.“

BGH-Urteil trifft besonders die Indies
Neben dem positiven Grundgefühl gibt es unter den Indie-Verlagen allerdings auch genug Grund zur Sorge. Oben auf der Liste steht die aktuelle Entscheidung des Bundesgerichtshofs, Verlage nicht mehr an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften zu beteiligen. Damit ist nicht nur künftig eine knappere Kalkulation nötig. Auf die Verlage kommen teils immense Rückzahlungsforderungen zu, da die Ausschüttungen seit 2012 nur unter Vorbehalt gezahlt wurden, wie Christoph Links jüngst auf der Verleihung des Kurt-Wolff-Preises an seinen Verlag hinwies. 
Unter den finanziell verschärften Bedingungen würden einige kleine Verlage den Betrieb einstellen müssen, berichtet Sundermeier, der im Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung sitzt, die sich seit dem Jahr 2000 für die Belange der unabhängigen Verlagsszene starkmacht. Peter Reichenbach findet das Signal frustrierend und unmotivierend: „Es fehlt die Wertschätzung für das, was Verlage tun. Die kleineren Verlage, die mit Herzblut Bücher machen, trifft die Entscheidung umso mehr.“
Eine weitere, gesamtgesellschaftliche Entwicklung beunruhigt Sundermeier: Der Wegbruch des Mittelfelds, der allen Verlagen zu schaffen mache, habe mit dem Aufkommen eines neuen Bürgertums zu tun, „das sich selbst für bürgerlich hält, aber ohne bürgerlichen Habitus auskommt“ – ergo: das nicht mehr in Ausstellungen geht, keine Theatervorstellungen mehr besucht – und nicht mehr liest. Sundermeier ist deshalb überzeugt, dass eine große Marktbereinigung bevorsteht, die dann auch die kleinen Verlage treffe. Beim Verbrecher Verlag sind etwa die Tagebücher von Erich Mühsam in Leinen erschienen. Diese kaufe sich nur eine solventere Leserschaft, die langsam wegbreche.
Hat die Digitalisierung neue Chancen für Indies gebracht? Große Umsatzsprünge gebe es nicht, eher sei dies ein neues und schönes Nebenfeld. Durch das E-Book komme man an neue Leser und sei im Ausland stärker vertreten. Peter Reichenbach hofft, dass der Mehrwertsteuersatz vereinheitlicht wird, damit Bundles von gedruckten und digitalen Titeln im Buchhandel greifen. Aufgrund der komplizierten Abrechnung konnte sich das Format, mit dem der Mairisch Verlag bereits experimentiert hat, nicht durchsetzen.

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